Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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István V. [Ungarn]

Stefan V. (István), König von Ungarn 1270-1272, * 1239, † Insel Csepel 06.08.1272, ältester Sohn König Bélas IV. und dessen Gemahlin Maria Laskaris, Tochter des byzantinischen Kaisers Theodor I. Laskaris.

Leben

Zur  Sicherung der Primogenitur ließ König Béla IV. seinen erstgeborenen Sohn St. im Jahre 1245 zum König krönen und verlieh ihm den Titel eines ,,dux totius Sclavonie“. Als ,,rex primogenitus regis Hungariae“ erhielt St. 1257 Siebenbürgen als eigenes Herrschaftsgebiet, 1258 auch die Steiermark, in der er als ,,dux Stiriae“ Hof hielt und die ungarische Herrschaft über dieses 1254 neu hinzugewonnene Land und seine aufrührerischen Stände zu befestigen suchte. Ein 1259 von der südlichen Steiermark gegen Kärnten unternommener Feldzug des nach politischen wie kriegerischen Erfolgen drängenden ehrgeizigen Königs brachte schwere Verwüstungen des Landes durch sein Kumanenheer. Die steirischen Barone verbündeten sich mit König Ottokar II. von Böhmen, um die ungarische Fremdherrschaft endgültig abzuschütteln und vertrieben St. mit seinem Gefolge aus dem Lande. Auf Drängen St.s und seiner Frau, der Kumanenfürstin Elisabeth (Erzsébet), zog nun König Béla IV. gegen Ottokar in den Krieg, der durch die Schlacht bei Kroisenbrunn auf dem Marchfeld (13.07.1260) trotz des heldenmütigen Einsatzes St.s an der Spitze der sodann vernichtend geschlagenen ungarischen Vorhut verloren ging. Seines Herzogtums Steiermark durch den Friedensschluß zu Wien im März 1261 verlustig, zog sich St. nach Siebenbürgen zurück. Den neuen politischen Kurs seines Vaters - das Bündnis mit Böhmen, das noch dazu durch die Heirat König Ottokars mit der Enkelin Bélas IV., Kunigunde (Kunhuta), dynastisch besiegelt wurde - lehnte er ab. Zum politischen Gegensatz kam noch der familiäre hinzu, da der Vater alle Familienmitglieder offen begünstigte, die sich seinem böhmenfreundlichen Kurs verpflichtet fühlten. So ernannte er seinen gleichnamigen jüngeren Sohn zum Herzog von Slawonien; seine Tochter Anna, die Mutter Kunigundes, beherrschte zusammen mit ihrem Gemahl, dem russischen Fürsten und Bulgarenzaren Rastislav von Černigov, das Banat von Macsó (Mačva) und gebot auch über ausgedehnte siebenbürgische Besitzungen. St. forderte nun für sich einen Landesteil, den er ähnlich dem Herzogtum des 11. Jh.s selbständig regieren konnte. Als der mißtrauische Vater ablehnte, griff St. zu den Waffen. Nachdem sich bereits die von Vater und Sohn gegeneinander gesammelten Heere vor Preßburg gegenüberstanden, lenkte St. noch einmal ein, und Béla übertrug ihm 1262 die gesamte östliche Reichshälfte mit der Donau als Grenze seiner Herrschaft, die St. nun souverän mit einem richtigen Hof und allen dazugehörigen Ämtern ausübte.
Nunmehr als „junior rex“ verfolgte St. ab 1262 auch eine eigene Außenpolitik: Er unterstützte anfänglich den bulgarischen Bojaren russischer Herkunft Jakov Svetoslav in dessen Kampf gegen den bulgarischen Zaren Konstantin Asen und den byzantinischen Kaiser Michael VIII. Palaiologos, die von seinen 1263 und 1266 ausgesandten Truppen besiegt wurden; diese drangen 1266 bis zur bulgarischen Hauptstadt Tŭrnovo vor. 1269 schloß St. mit Karl I. von Anjou, König von Neapel und Sizilien, ein gegen die Deutschen gerichtetes Bündnis, das er durch die gegenseitige dynastische Verbindung, die die spätere Herrschaft der Anjous in Ungarn begründet hat, bekräftigte: sein Sohn, der nachmalige Ladislaus IV., verlobte sich mit Isabella von Anjou, seine Tochter Maria heiratete Karl den Lahmen, Herzog von Salerno. Mittlerweile hatte sich der alte Gegensatz zwischen Vater und Sohn zu einem offenen Kampf um die Thronfolge zugespitzt, in dem der Vater seinen zweitjüngsten Sohn Béla, Herzog von Slawonien, favorisierte. Dank seiner außerordentlichen militärischen Begabung blieb St. auch diesmal in der blutigen Entscheidungsschlacht von Isaszeg 1264 und wiederum in einem dritten Waffengang 1267 erfolgreich und überlegen. Nach dem Tod König Bélas am 3. Mai 1270 bezeugte St. bei seinem Regierungsantritt Versöhnlichkeit und Mäßigung den Anhängern des alten Königs gegenüber, die ihn mit nur wenigen Ausnahmen huldigten. Ein harter Schlag bedeutete St. jedoch die Flucht seiner Schwester Anna von Macsó zu König Ottokar nach Böhmen, da diese dem Testament ihres Vaters folgend den ungarischen Kronschatz mit sich außer Landes nahm. Den wichtigsten Teil dieses Kronschatzes von großer staatsrechtlicher Bedeutung bildete nämlich die ungarische Reichskrone, die der Legende nach auf den Staatsgründer Stefan I. zurückgeführt wurde. Josef Deér hat auf Grund seines überzeugenden kunsthistorischen Befundes auch in den schriftlichen Quellen nach freilich weniger schlüssigen Beweisen für seine These gesucht, daß die ungarische Reichskrone in ihrer heutigen Form auf Grund dieses Kronenraubes auf St. zurückgeht, der diese in Ermangelung der traditionellen „corona regni“ in den zwei Wochen zwischen Regierungsantritt und Krönung neu anfertigen und dabei ihm verfügbare Kleinodien zusammenfügen ließ. Eine persönliche Begegnung St.s mit König Ottokar auf einer Donauinsel bei Preßburg im Oktober 1270 brachte den Abschluß eines zweijährigen Waffenstillstandes, währenddessen auch die Frage der von Ottokar verwahrten ungarischen Reichskleinodien verhandelt und geklärt werden sollte. Auf die Verwüstungen des abtrünnigen Banus Heinrich von Güns in den westungarischen Grenzgebieten antwortete St. mit dem Einfall ungarischer Truppen in Österreich, der sich gegen Ottokar richtete. Dieser „böhmische Krieg“ ging für Ottokar trotz anfänglicher militärischer Erfolge durch eine Schlacht an der Raab militärisch verloren. Im Frieden zu Preßburg vom 2. Juli 1271 gab der Böhmenkönig alle von ihm in Besitz genommenen ungarischen Gebiete zurück, während St. auf seine Ansprüche auf Steiermark, Kärnten und Krain sowie auf den Kronschatz verzichtete.
Innenpolitisch setzte St. die Arbeit seines Vaters fort und suchte die in den vergangenen inneren Wirren gestärkte Macht der Barone zu beschneiden und die unrechtmäßig besetzten königlichen Ländereien zurückzuerlangen. Ein Erfolg hierin war jedoch dem ansonsten stets siegreichen und daher in breiten Volksschichten äußerst populären König wegen seiner kurzen Regierungszeit nicht beschieden. Nachdem er im Sommer 1272 nach Dalmatien aufgebrochen war, um dort Karl von Anjou seinen Sohn und Thronerben Ladislaus als dessen zukünftigen Schwiegersohn vorzustellen, wurde ihm dieser in Kroatien durch den Ban Joachim Gútkeled entführt, und zwar auf Betreiben seiner Mutter, der Königin Elisabeth, die diese französische Heirat verhindern wollte und erbittert darüber war, daß St. sie nicht an der Regierung beteiligte. Schwer erschüttert kehrte der König zurück, erkrankte und starb unerwartet im 32. Lebensjahr, nachdem er zuvor noch bei seiner heiligmäßigen Schwester Margarete auf der Haseninsel (der heutigen Margareteninsel, wo er auch seine letzte Ruhestätte fand) bei Ofen Trost gesucht hatte.

Literatur

Huber, Alfons: Studien über die Geschichte Ungarns im Zeitalter der Arpaden. III: Die Streitigkeiten zwischen König Béla IV. und seinem Sohne Stephan. In: Arch. österr. Gesch. 65 (1883) 175-189.
Hóman: Bd 2, 171-191.
Feuer-Tóth, Rózsa: V. István király sírja a margitszigeti domonkos apáckolostor templomában. In: Budapest Régiségei 21 (1964) 115-132.
Deér, Josef: Die heilige Krone Ungarns. Wien 1966, 253-260.
Kristó, Gyula: Az Aranybullák évszázada. Budapest 1976, 114-153.

Verfasser

Gerhard Seewann (GND: 1069961280)


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