Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Prishtina, Hasan Bey

Prishtina, Hasan Bey, albanischer Politiker, * Vučitrn (Kosovo) 1873, † (ermordet) Saloniki 14.08.1933, Sohn des Ahmed Berisha, der um 1871 aus dem Dorf Poljance in Drenica nach Vučitrn übersiedelte, um dort einen Posten in der türkischen Heeresverwaltung zu übernehmen.

Leben

P. beendete die Volksschule in Vučitrn und danach das französische Gymnasium in Saloniki. Von dort begab er sich nach Istanbul, wo er die Verwaltungshochschule (Mülkiye-i Sultaniye) besuchte. In Istanbul kam er mit albanischen Nationalisten in Kontakt und schloß sich dann der jungtürkischen Bewegung an, da er glaubte, daß nach dem Siege der Jungtürken die Albaner eine Autonomie im Rahmen des Osmanischen Reiches bekommen würden. Einigen Quellen zufolge soll er im Juli 1908 an der Albanerversammlung von Ferizaj (heute Uroševac) teilgenommen haben, die zu einem Triumph für die Jungtürken und zum eigentlichen Ausgangspunkt ihrer Revolution wurde. Im Dezember 1908 wurde P. als Abgeordneter Prištinas ins türkische Parlament gewählt; das war auch der Zeitpunkt, wo er seinen Familiennamen in Prishtina umänderte (in türkischen Quellen wird er Priştineli und Volçitirnli Hasan genannt). Während des Kampfes um ein albanisches Einheitsalphabet trat P. gegenüber Istanbuler Zeitungen für ein lateinisches Alphabet ein und verwehrte sich auch vor dem Parlament gegen eine Einmischung der Zentralregierung in diese Frage. Als im November 1909 die oppositionelle Liberale Partei (Ahrar, Hürriyetperveran fırkası) begründet wurde mit Ismail Qemal Bey Vlora an der Spitze, trat P. in den Vorstand dieser Partei, ebenso wie zwei Jahre später, als sich die Opposition zur Freiheits- und Einheitspartei (Hürriyet ve itilaf fırkası) vereinigte, gemeinsam mit Midhat Frashëri. Damals reiste er öfters zusammen mit dem Abgeordneten von Skopje, Nexhip Draga, nach Kosovo und betrieb dort eine Kampagne für die Eröffnung albanischer Schulen oder zumindest für die Einführung des Albanisch-Unterrichts an den türkischen Schulen. 1910 schickte er anläßlich der Eröffnung des ersten albanischen Lehrerseminars in Elbasan 50 kosovarische Schüler dorthin. Im gleichen Jahre protestierte er offen gegen die Entsendung einer türkischen Militärexpedition nach Kosovo und wandte sich deshalb auch an Ismail Qemal und an den Herausgeber der Tageszeitung „Tanin“ (Bekanntmachungen) Hüseyin Câhid Yalçin, jedoch ohne Erfolg. Im Zusammenhang mit den Ereignissen in Albanien schrieb er zwei größere Beiträge für den Almanach „Shqiptari“ (Der Albaner), den Dervish Hima für das Jahr 1911 herausgab und deren Wert bis heute unbestritten ist. P. wurde deshalb in der gesamten albanischen Emigrantenpresse als der größte Vorkämpfer für die albanischen Rechte verherrlicht. Im Dezember 1911 führte er deswegen die letzten Auseinandersetzungen im türkischen Parlament mit dem Großwesir Ibrahim Hakkı Pascha und dem Innenminister Mehmed Talât Pascha. Bald darauf wurde ihm allerdings klar, daß auf parlamentarischem Wege nichts zu erreichen war. Im Januar 1912 löste sich das türkische Parlament auf und es wurden Neuwahlen ausgeschrieben, wobei die Jungtürken Maßnahmen ergriffen, daß P., Ismail Qemal, Dervish Hima und andere albanische Autonomisten nicht wiedergewählt wurden. Als Ismail Qemal sich auf Europareise begab, versprach er P., ihm 15 000 Gewehre und 10 000 Golddukaten zu beschaffen. P. führte daraufhin in Skopje Unterhandlungen mit einem mazedonisch-bulgarischen Komitee über eine gemeinsame Aktion. Dieser Plan zerschlug sich, da aus Sofia eine negative Antwort kam, denn Bulgarien führte damals bereits Gespräche mit Serbien über die Bildung eines Balkanbundes. Da auch von Ismail Qemal keinerlei Unterstützung kam, gab P. seine Verhandlungen in Skopje auf. Um den 10. Mai 1912 begab er sich nach Junik und lud die albanische Führungsspitze Kosovos zu einer Versammlung ein. Auf dieser Versammlung, die vom 21. bis 25. Mai tagte, wurde der Aufstand beschlossen und diese Entscheidung zusammen mit den albanischen Forderungen den ausländischen Konsuln mitgeteilt. Kurz darauf war der Aufstand in ganz Kosovo ausgebrochen, eine türkische Garnison nach der anderen begann zu fallen. Die türkische Regierung sah sich zum Rücktritt gezwungen, und P. proklamierte die albanischen Forderungen in 14 Punkten. Als die türkische Regierung zögerte, diese Forderungen anzunehmen, wurde Skopje durch albanische Frei willigenverbände besetzt. Am 18. August erschien eine türkische Regierungskommission in Priština und nahm die albanischen Forderungen an mit Ausnahme von zwei Punkten: die Bewaffnung der Albaner und die gerichtliche Untersuchung gegen Ibrahim Hakkı Pascha und Mehmed Said Pascha wurden abgelehnt. In dieser Frage kam es zu Auseinandersetzungen innerhalb der albanischen Führung; einige, wie Isa Buletini und Riza Bey Gjakova wollten, ungeachtet der von den Nachbarstaaten drohenden Gefahr, nach Saloniki marschieren und Sultan Abdülhamid II. befreien. Währenddessen brach aber der Erste Balkankrieg aus.
Als Montenegro am 8. Oktober und danach Serbien am 17. Oktober den Krieg gegen die Türkei eröffneten, richteten P. und Nexhip Draga einen Aufruf an die Großmächte, in dem sie betonten, daß die Albaner nicht für die Erhaltung der Türkei, sondern nur für die Wahrung der territorialen Integrität des albanischen Territoriums kämpften. Alles das war jedoch vergeblich, denn bereits in der zweiten Oktoberhälfte besetzten serbische Truppen Kosovo und Mazedonien. P. und Draga wurden in Skopje verhaftet und nach Belgrad gebracht. Auf Grund von verschiedenen Protesten wurden sie dort aber aus dem Gefängnis entlassen und des Landes verwiesen. Am 16. Juli 1913 kam P. zusammen mit sieben Gefährten von Italien aus nach Valona. Er und einige kosovarische Führer, die ebenfalls nach Valona gekommen waren, erklärten sich mit dem Beschluß der Londoner Konferenz, der die Annektion Kosovos durch Serbien beinhaltete, nicht einverstanden und bildeten einen irredentistischen Flügel, der für die gewaltsame Befreiung Kosovos eintrat. An der Spitze dieser Gruppe stand P., der bis zu seinem Tode der geschworene Feind des SHS-Königreiches und des späteren Jugoslawien blieb. Im September 1913 wurde P. Landwirtschaftsminister in der neuen Regierung Ismail Qemals. Er gehörte als Vertreter Kosovos auch zu der Delegation, die im Februar 1914 nach Neuwied reiste, um den Prinzen Wied als Fürsten von Albanien zu begrüßen. Nach der Machtübernahme Wieds war er Post- und Telegraphenminister in der ersten Regierung Turban Pascha Përmetis. Nach der Flucht Wieds begaben sich P. und Bajram Curri nach Nordalbanien, um den Aufstand gegen die serbische Besatzung zu propagieren. Was er in der Zeit der Besetzung Nordalbaniens und Kosovos durch Österreich-Ungarn während des Ersten Weltkrieges tat, bleibt unklar. In der ziemlich unkritischen Biographie von Ajet Haxhiu wird angeführt, daß P. einer der Führer des Widerstandes gegen die österreichisch-ungarische Besatzungsmacht war und deshalb auch inhaftiert wurde. Das steht im Widerspruch zu zahlreichen Quellen glaubhafterer Natur, die behaupten, daß P. Freiwilligentruppen organisierte, die auf österreichischer Seite kämpften, daß er an der Organisation einer albanischen Verwaltung in der österreichisch-ungarischen Besatzungszone beteiligt war, und daß er sogar Mitglied einer Delegation war, die nach Wien reiste, um nach dem Tode Franz Josephs I. den neuen Kaiser Karl I. zu seinem Regierungsantritt zu beglückwünschen. Nach der Besetzung Kosovos durch serbische Truppen 1918 emigrierte P. zusammen mit Bajram Curri nach Wien und von dort nach Rom, mit der Absicht, als Vertreter des am 7. November 1918 begründeten „Komitees zur nationalen Befreiung Kosovos“ (Komiteti i mbrojtjes kombëtare e Kosovës) an der Pariser Friedenskonferenz (Januar-Mai 1919) teilzunehmen. Die italienischen Behörden erlaubten aber ihre Abreise nach Paris nicht. In Rom kam P. in Kontakt mit mazedonischen, kroatischen und montenegrinischen Emigranten sowie mit italienischen Irredentisten, die gegen das neue südslawische Königreich kämpften. Er beteiligte sich an einem Kongreß der italienischen Irredentisten in Fiume (Rijeka) und befreundete sich mit Gabriele D’Annunzio. Die italienischen Irredentisten schickten dann auch tatsächlich einige tausend Gewehre nach Durazzo und Shengjin (S. Giovanni di Medua), aber die albanische Regierung verbot nach Intervention der englischen und serbischen Regierung das Entladen der Waffen.
1919 kehrte P. nach Albanien zurück. Am 21. Januar 1920 nahm er am Kongreß von Lushnja teil, wo man weitreichende Beschlüsse über die Zukunft Albaniens faßte. Unter der Regierung von Iljaz Bey Vrioni wurde P. im Dezember 1920 als Abgeordneter der Präfektur Drini in das albanische Parlament gewählt. Im Januar 1921 schlossen er und Zija Dibra ein Abkommen mit der mazedonischen Befreiungsorganisation IMRO über eine gemeinsame Aktion gegen das SFIS-Königreich. In dem Zeitraum zwischen Herbst 1921 und Frühjahr 1922 wechselte die albanische Regierung sechsmal. Wegen der unstabilen politischen Lage in Albanien hatte sich auf Initiative P.s im Parlament eine „Heilige Union“ (Bashkimi i shejtë) formiert, die bis zur Bildung der Regierung Pandeli Evangjeli (19.10.1921) bestand. Als auch diese Regierung nach wenigen Tagen stürzte, bildete P. am 7. Dezember 1921 selbst eine Regierung. Diese hielt sich jedoch nur fünf Tage, denn Zogu stand mit seinen Truppen bereits kurz vor Tirana. P. verließ Tirana und tauchte zunächst unter, um im November 1922 nach Italien zu fliehen. Sofort nach dem Sieg der bürgerlich-demokratischen Revolution im Juni 1924 kehrte P. nach Albanien zurück, mußte aber enttäuscht feststellen, daß sich in der Regierung Fan Nolis kein einziger Vertreter des kosovarischen Komitees befand. Nach der Rückkehr Zogus floh P. gemeinsam mit Luigj Gurakuqi nach Bar, wo Gurakuqi am 2. März 1925 ermordet wurde. Von diesem Zeitpunkt an begann P. ein Attentat gegen Zogu zu planen, wofür er das Einverständnis Mussolinis hatte, der damals Zogu als Marionette der jugoslawischen Regierung betrachtete. Im gleichen Jahre wandte er sich auch an die türkische Regierung und forderte von ihr die Aussiedlung der Albaner aus Kosovo und Mazedonien. 1926 begab er sich über Triest nach Wien, wo er die Zeitschrift „Ora e Shqipnis“ (Schutzgeist Albaniens) herausgab. Von jetzt an trachteten P. und Zogu danach, sich gegenseitig umzubringen. P. bereitete allein ein Attentat in der Wiener Oper vor, dem Zogu aber entkam. Mitte 1928 wurde P. in Abwesenheit in Tirana zum Tode verurteilt. Für ihn war es das 4. Todesurteil; den gleichen Spruch hatten über ihn vorher die Jungtürken, Esad Pascha Toptani und die Serben verhängt. Mit der Ermordung P.s beschäftigten sich jedoch nicht nur Zogus Agenten, sondern auch der jugoslawische Geheimdienst, worüber es genügend Material im Archiv des Außenministeriums Belgrad gibt. Zogu beauftragte dann einen gewissen Ibrahim Lisi, P. in Wien zu ermorden. Dieser erfuhr aber davon und floh nach Paris, wo er sich auch nicht sicher genug fühlte, weshalb er in die Türkei ging, wo er in Istanbul ein Haus hatte. Da in der Türkei ein Attentat unmöglich war, versuchte Zogu, P. aus diesem Lande herauszubekommen. Er fälschte deshalb eine chiffrierte Mitteilung eines Pariser Emigranten, der in Wahrheit sein Mann war, an einen Freund in Tirana. In dieser Mitteilung war von einer terroristischen Organisation mit P. an der Spitze die Rede, die Attentate auf Zogu, Alexander I. Karadjordjević von Jugoslawien, Boris III. von Bulgarien und Atatürk plante. Nachdem die Regierung Zogu der Türkei darüber Mitteilung gemacht hatte, mußte P. binnen zweier Tage das Land verlassen. P. ging über Ungarn nach Rom, wo man für seine Sicherheit nicht garantieren konnte. Uber Sofia begab er sich deshalb nach Saloniki, wo er am 14. August 1933 von einem Agenten Zogus ermordet wurde. Nach einer Intervention des albanischen Konsuls Dr. Kemal verurteilte das griechische Gericht den Attentäter zu lediglich drei Jahren Gefängnis. Zogu und Jugoslawien wußten damit einen ihrer größten Gegner beseitigt, während gleichzeitig die Aktivität des „Kosovarischen Komitees“ erlosch.

Literatur

Prishtina, Hasan: Nji shkurtim kujtimesh mbi kryengritjen shqyptare të vjetit 1912. Bari 1925.
Tepedelenlioğlu, Nizamettin Nazif: Sultan ikinci Abdülhamid ve Osmanli Imperatorluğunda komitacılar. Istanbul 1964, 524-531.
Haxhiu, Ajet: Hasan Prishtina dhe lëvizja patriotike e Kosovës. Tiranë 1968.

Verfasser

Hasan Kaleshi (GND: 1084144948)

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Empfohlene Zitierweise: Hasan Kaleshi, Prishtina, Hasan Bey, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 3. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1979, S. 485-489 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1557, abgerufen am: (Abrufdatum)

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