Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Hima, Dervish

Hima, Dervish (Pseudonym für Mehmed Naxhi), albanischer Patriot und Publizist, * Ohrid 1873 (nach einigen Quellen 1875), † (ermordet) 21.05.1928, Sohn des Gutsbesitzers Maksud Naxhi Spahiu aus Ohrid.

Leben

H. besuchte die Volksschule in seinem Heimatort, darauf das vierklassige Untergymnasium (Rüşdiye) in Bitolj (Manastir) und das vierklassige Obergymnasium (Idadiye) in Saloniki. In Istanbul studierte er zwei Jahre lang Medizin und schloß sich dann zusammen mit seinem Landsmann und Freund Ibrahim Temo der jungtürkischen Bewegung an; zur gleichen Zeit begann er aber auch, sich über die Zukunft Albaniens Gedanken zu machen. 1895 verließ er Istanbul und begab sich nach Albanien, um dort für den Nationalgedanken zu agitieren. Zwei Jahre lang reiste er quer durch Albanien, besuchte fast alle Städte, hielt Versammlungen ab, eröffnete kleine Schulen und gab verschiedene Broschüren und Zeitungen in albanischer Sprache heraus. Von der türkischen Polizei verfolgt, mußte er im August 1897 nach Bukarest fliehen, wo er sein Medizinstudium fortsetzte, aber nicht abschloß. 1898 gab H. in der rumänischen Hauptstadt die Zeitung „Pavarësia e Shqipërisë“ (L’indépendence albanaise) heraus, die für kurze Zeit in albanischer, französischer und rumänischer Sprache erschien. Wahrscheinlich kam er bereits zu dieser Zeit in Konflikt mit den Jungtürken, denn er kritisierte das Programm des Kongresses, den diese 1899 in Brindisi abhielten. Die türkische Regierung ließ ihm trotzdem keine Ruhe. Auf zahlreiche türkische Proteste hin entzog ihm die rumänische Regierung im Oktober 1899 die Aufenthaltserlaubnis; H. reiste nach Italien und nahm in Rom Kontakte zu dem Tübinger Professor Kurt Hassert und zu Antonio Baldacci von der Universität Bologna auf. In Rom gab H. zusammen mit Mehmed Bey Frashëri die Zeitung „Zëni i Shqipërisë“ (L’écho d’Albanie) in albanischer und französischer Sprache heraus. In der ersten Nummer dieses Blattes trat er für eine Autonomie Albaniens ein. Als etwas später der türkische Botschafter in Rom Mehmed Bey Frashëri zur Rückkehr nach Istanbul überredet hatte, übernahm H. die Zeitung, der er jetzt den Namen „Albania“ gab, in eigener Regie. Auf energische Proteste der Pforte hin mußte er jedoch Rom verlassen und kehrte nach Bukarest zurück. Dort veröffentlichte er auf Türkisch anonym die bekannte Schrift „Uyanalım“ (Erwachen wir!), eine der revolutionärsten Publikationen der albanischen Rilindja-Literatur. Gemeinsam mit einigen albanischen Patrioten versuchte er einen albanischen Nationalkongreß zu organisieren, der aber auf Grund einer Intervention der türkischen Regierung nicht stattfinden konnte. Im Dezember 1900 bereiste er zusammen mit Ismail Qemal Bey Vlora Ägypten und versuchte dort eine albanische Gesellschaft zu gründen. Anfang 1901 kam er nach Neapel, um dort an einem Albaner-Kongreß teilzunehmen. Von dort fuhr er nach Rom, wo er im April 1901 wieder mit der Herausgabe der „Albania“ begann, Dort schrieb er auch (ohne sich als Verfasser zu nennen) etwa ein Dutzend 10-30 Seiten starke Broschüren, die handschriftlich vervielfältigt wurden und zum kompromißlosen Kampf gegen Sultan Abdülhamid II. und gleichzeitig zur Schaffung eines albanischen Staates aufriefen. Diese Broschüren schrieb er in türkischer Sprache. Ihre Titel sprechen für den Inhalt: „Die Hoffnung liegt in der Zukunft“. „Das Mittel zur Rettung ist das gegenseitige Geben der Besa“, „Sultan Hamid und wie Scheich Hamdi ermordet wurde“, „Der Herrscher [Sultan] und ich“, „Aufruf an die muslimischen Albaner“, „Der Friedhof der Freidenkenden“, „Ein Überblick über die Missetaten des Sultans“ (geschrieben in Rom am 3. März 1901). Am Schluß der letztgenannten Broschüre findet sich der an „seine Brüder und Landsleute“ gerichtete Aufruf, ihm die genannten Broschüren zurückzusenden und ihm neue Adressen zu vermitteln; gleichzeitig kündigte er an, noch ein weiteres Dutzend Broschüren zu versenden, deren Titel lauten sollten: „Ein Blick auf die Orientalische Frage", „Der Harem des Sultans und die Albaner“, „Der wahre Mörder des Albaners Gani Bey und wie er die Tat vollbrachte", „Der Sultan Hamid und das Armenier-Gemetzel“, „Vergleich zwischen Sultan Hamid und berüchtigten Übeltätern in den vergangenen Jahrhunderten“ usw. Es ist nicht bekannt, ob H. diese Broschüren veröffentlichte oder nicht; allein die Titel zeigen klar, daß H. einer der revolutionärsten Patrioten und einer der stärksten Widersacher des sultanischen Absolutismus war. Es ist darum um so verwunderlicher, daß H. sowohl in der türkischen als auch in der albanischen Historiographie kaum erwähnt wird (in der „Historia e Shqipërisë“ Band 2, Tirana 1965 z. B. überhaupt nicht). Wegen der o. a. Broschüren und anderer antitürkischer Artikel mußte H. auf Intervention der türkischen Diplomatie im Mai 1902 Italien verlassen; er begab sich nach Paris. Dort begründete er, zusammen mit Dimitri Papazoglu, einem Walachen aus Bitolj, ein albanisches Komitee. Im Frühjahr 1903 befand er sich immer noch in Paris, wo er durch Vermittlung des französischen Journalisten Parthenis, einem Mitarbeiter der „Agence Fournier“, eine Reihe von Vorträgen halten und Artikel über Albanien in der französischen Presse veröffentlichen konnte. Im Juni 1903 nahm er erneut an einem Kongreß in Neapel teil, mußte aber sofort nach dessen Abschluß wieder Italien verlassen. Es scheint, daß er sich nach Genf begab, wo er die Broschüren „Die Ermordung Cavid Beys, des Sohnes von Rifat Pascha“ (2.09.1903) sowie „Das Lügenkalifat Sultan Hamids“ veröffentlichte. Auf Anregung Prinz Albert G. Ghicas und Faik Konicas reiste er 1904 nach London, um am armenisch-mazedonischen Kongreß teilzunehmen. Auf diesem Kongreß trat er für die albanischen Interessen ein und erklärte sich zur Zusammenarbeit mit den anderen unterdrückten Völkern des Osmanischen Reiches bereit. Bald erkannte er jedoch, daß es sich um eine von den Bulgaren mit revolutionär-terroristischer Zielsetzung geplante Versammlung handelte und kehrte ihr enttäuscht den Rücken. Er ging nach Genf zurück und gab dort erneut die Zeitung „L’Albanie“ heraus.
Dabei blieb es bis zur jungtürkischen Revolution 1908, als H. nach Albanien zurückkehrte und für die albanischen Belange auf politischem und kulturellem Gebiet zu agitieren begann. Im September 1908 kam er nach Skutari und hielt auf einem ihm zu Ehren gegebenen Bankett eine Rede, in der er sich gegen die jungtürkische Politik aus sprach. Er wurde verhaftet, zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt und nach Saloniki gebracht. Im Gefängnis schrieb er die Broschüre „Ein Ruf aus dem Gefängnis in der Zeit der Freiheit“ (Devri hürriyette zındanadan bir sada. Saloniki: Asır Matbaası o. J.), die er der „freiheitsliebenden albanischen Jugend“ widmete und in der er die Politik der Jungtürken gegenüber den Albanern anprangerte. In den Berichten der österreichisch-ungarischen Konsuln erscheint er als der populärste albanische Politiker. Um ihn aus Albanien zu entfernen, bot ihm die türkische Regierung den Posten eines türkischen Generalkonsuls in Tiflis oder des Walis von Kastamuni an; beides lehnte er aber ab.
H. hatte klare politische Ziele: Die Unabhängigkeit Albaniens, die kulturelle Erweckung des Volkes, die Hebung des Nationalbewußtseins nicht nur bei den Volksmassen, sondern auch bei den Beys und den albanischen Abgeordneten im türkischen Parlament, die seiner Meinung nach von einem „lethargischen Traum“ umfangen waren, und schließlich die wirtschaftliche Entwicklung Albaniens. Interessant ist, daß H. gegen den Ausbau der Eisenbahnen, aber für die Erweiterung des Straßennetzes war.
Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis besuchte H. verschiedene Städte Albaniens, wo er einen triumphalen Empfang erhielt. Einigen Quellen zufolge nahm er am Kongreß von Dibra (Debar) Ende Juli 1909 teil. Er gehörte gleichfalls zu den Teilnehmern am Kongreß von Elbasan (August 1909) und definierte dort am überzeugendsten die albanischen Forderungen. Wenig später begab er sich nach Istanbul, wo er am 31. Dezember 1909 die erste Nummer der Wochenzeitung „Shqiptari-Arnavud“ in albanischer und türkischer Sprache herausgab. H. fungierte als deren Direktor und Hil Mosi als Hauptredakteur. Das Blatt erschien bis Ende 1910 und wurde von Österreich-Ungarn, wie die meisten albanischen Periodika dieser Zeit, subventioniert. Im Rahmen dieser Zeitung erschien der Jahresalmanach „Libër i përvjetshëm Shqiptari“ (Müsavver Arnavud, Albanisches Jahrbuch) mit 111 Seiten in türkischer und 81 in albanischer Sprache, mit Illustrationen und verschiedenen wichtigen Beiträgen. Als dann schließlich „Shqiptari“ verboten wurde, begann H. im Mai 1911 mit der Herausgabe der Zeitung „Shkumbi“ (Union).
Nach dem endgültigen Bruch zwischen den Jungtürken und den Führern der albanischen Nationalbewegung verließ H. Istanbul und begab sich nach Albanien, um in seinem Heimatland die bevorstehenden Ereignisse abzuwarten und nach Möglichkeit mitzubestimmen. Zu dieser Zeit hatte er bereits jegliche Hoffnung auf einen Balkanbund, wie er ihn sich einmal vorgestellt hatte, auf gegeben. Im März 1912 befand er sich in Bitolj, von wo aus er sich am Wahlkampf für das türkische Parlament beteiligte. Er besaß eine Liste der Kandidaten mit ihren Biographien. Innerhalb von zwei Monaten besuchte er fast alle Städte Albaniens. Er unterbreitete seine Kandidatenliste vor allem der Albaner-Organisation von Istanbul; die Jungtürken verhinderten aber die Wahl albanischer Patrioten. Im Juli 1912 war er zusammen mit seinem Mitarbeiter Hil Mosi im Wilajet Janina; dann fuhr er nach Korfu, um von dort aus die Revolution in Albanien vorzubereiten. Während des albanischen Aufstandes vom August 1912 führte er die Aufständischen aus den Bezirken Bitolj und Ohrid.
H.s Aktivität nach den Balkankriegen läßt sich nur sehr schwer verfolgen. Kurz vor 1915 war er in Wien, das er dann infolge von „unglücklichen Umständen“ (so heißt es in einem Brief des österreichisch-ungarischen Generalkonsuls in Albanien Alfred Rappaport) verlassen mußte; er ging nach Sofia. Aus den Beiträgen, die er damals in der Zeitung „L’écho de Bulgarie“, einem Organ der bulgarischen Regierung, veröffentlichte, geht klar hervor, daß er für einen Sieg der Mittelmächte und eine Niederlage der Alliierten, vor allem Serbiens, eintrat. Im Herbst 1917 ernannte ihn die österreichisch-ungarische Militärverwaltung zum Schulinspektor des Kreises Tirana. Später wurde er vom damaligen Staatspräsidenten Ahmed Zogu zum Pressechef ernannt.

Literatur

Shqiperia e re. Bucarest 19. 8. 1928, Nr. 335.
Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien. PA, Albanien XIX, 9 u. 10.

Verfasser

Hasan Kaleshi (GND: 1084144948)

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Empfohlene Zitierweise: Hasan Kaleshi, Hima, Dervish, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 161-164 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=961, abgerufen am: (Abrufdatum)

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