Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Frashëri, Midhat

Frashëri, Midhat (Pseudonyme: Lumo Skendo und Mali Kokojka), albanischer Schriftsteller, Publizist und Politiker, * Janina 1880, † New York Oktober 1949, Sohn von Abdyl Bey F.

Leben

F. verbrachte seine Jugend in Istanbul. Im Jahre 1897 begann die albanische Emigrantenorganisation „Dëshira“ (Der Wunsch) in Sofia, einen jährlich erscheinenden „Nationalkalender“ (Kalendari Kombiar) herauszugeben. Dritter Leiter - nach Kristo Luarasi und Kosta Jani Trebicka - dieser für die albanische Nationalbewegung relativ bedeutenden Publikation war F. Die Hauptfunktion des bis 1915 in Sofia herausgegebenen Nationalkalenders bestand in der Veröffentlichung albanischer Literatur.
1901 schrieb F. unter dem Pseudonym „Mali Kokojka“ die Biographie seines Onkels Naim. Von 1905 bis 1910 war er in der Wilajetsverwaltung von Saloniki tätig. 1908 nahm er am Kongreß von Monastir teil und übernahm danach die Redaktion der Zeitschrift „Diturija“ (Das Wissen), mit der er die Beschlüsse des Kongresses bezüglich des albanischen Alphabets befolgte.
Im Verlauf der jungtürkischen Revolution trat F. für eine verhältnismäßig enge Zusammenarbeit mit den Jungtürken ein, d. h., er gehörte, was das Problem einer politischen Unabhängigkeit Albaniens betraf, dem mehr konservativen Flügel an. Eines der wichtigsten publizistischen Organe dieser gemäßigten Richtung war die in Saloniki erscheinende, von F. 1908-1909 geleitete Zeitung „Lirija“ (Die Freiheit). Daneben spielte F. auch eine wichtige Rolle in dem bedeutenden patriotischen „Klub von Saloniki“, der im Gegensatz zu zahlreichen anderen patriotischen Klubs dieser Zeit eine gegenüber den Jungtürken freundliche Haltung vertrat, was zu Polemik von seiten der extremen Nationalisten Anlaß gab. Bekannt ist die gegen F. und den Klub von Saloniki gerichtete Schrift des Rilindjaschriftstellers Andon Zako-Çajupi, „Klubi i Selanikut“ (Der Klub von Saloniki), sowie die ebenfalls in ähnlicher Richtung polemisierende Komödie „Pas vdekjes“ (Nach dem Tod) desselben Autors. Die zwischen dem Klub von Saloniki bzw. F. und einem Großteil der albanischen Patrioten bestehenden Spannungen manifestierten sich anläßlich des im September 1909 stattfindenden Kongresses von Elbasan: Als der Kongreß die künftige Koordinierung der Tätigkeiten der patriotischen Klubs und Gesellschaften beschloß und als „Zentrale“ den Klub von Monastir bestimmte, versuchte F., der diese Funktion dem Klub von Saloniki zugedacht hatte, dagegen anzukämpfen.
Entschiedener trat F. für die nationale Idee ein, als nach Ausbruch der Balkankriege die mögliche Niederlage der Türkei die Frage nach der Zukunft Albaniens immer dringender erscheinen ließ. Er engagierte sich besonders in der Arbeit der „Shoqëria e zezë për shpëtim“ (Schwarze Gesellschaft für die Rettung) und des Komitees „Shpëtimi“ (Die Rettung). Beide Vereinigungen hatten vor allem die Organisierung des Schutzes albanischen Siedlungsgebietes zum Ziel. In der im November 1912 gebildeten ersten selbständigen albanischen Regierung unter Ismail Kemal Bey Vlora bekleidete F. den Posten des Ministers für öffentliche Arbeiten.
Neben seiner politischen Tätigkeit arbeitete F. auch weiterhin als Schriftsteller (zumeist unter dem Pseudonym Lumo Skendo). Seine Geschichte der albanischen Literatur („Istori e Shkrimit Shqip“) wurde 1901 in der Zeitschrift „Diturija“ gedruckt. Erwähnenswert ist seine 1915 unter dem Titel „Hi dhe shpuzë“ (Asche und Glut) veröffentlichte Sammlung von Erzählungen. Daneben veröffentlichte er eine Anzahl von Schulbüchern, wie ein Lesebuch für Elementarschulen (Saloniki 1910), eine Geographie für Elementarschulen (Istanbul 1912) u. a. 1912 erschien ebenfalls in Istanbul seine Geschichte des Osmanischen Reiches („Istori e Mbretëris Otomane“). In der Nachkriegszeit, besonders vor und nach der Aufnahme Albaniens in den Völkerbund (17.12.1920), trat F., der jetzt in Lausanne lebte, als Verfasser zahlreicher Zeitungs- und Zeitschriftenartikel hervor, um die europäische Öffentlichkeit auf die Lage Albaniens aufmerksam zu machen. Von 1923 bis 1926 war F. Gesandter in Athen. Er trug sich später mit dem Gedanken, in Tirana ein albanologisches Institut zu errichten, dem er seine 20 000 Bände und zahlreiche Periodika umfassende Privatbibliothek zur Verfügung stellen wollte.
Politische Bedeutung erlangte F. noch einmal als Führer der Ende 1942 gegründeten „Nationalen Front“ (Balli Kombëtar). Die „Nationale Front“, die den Widerstand gegen die Besatzungstruppen mitorganisierte, stellte die bedeutendste „Konkurrenz“ der kommunistischen Partisanen dar und wurde von diesen bald als Hauptgegner betrachtet. Vor allem immer häufigere Kontakte zu den Besatzungstruppen wurden den „Ballisten“ von den Kommunisten zum Vorwurf gemacht. Nach dem Sieg der Kommunisten im Herbst 1944 verließ F. Albanien.

Literatur

Mann, Stuart E.: Albanian Literature. London 1955, 51-56.
Hist. Shqip. Bd 2, passim.

Verfasser

Klaus Lange (GND: 130508721)


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