Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Petar I. Karadjordjević

Peter I. (Petar) Karadjordjević, serbischer König 1903-1918 bzw. König der Serben, Kroaten und Slowenen 1918-1921, * Belgrad 11.07.1844, † Topčider 16.08.1921, Sohn des Fürsten Alexander Karadjordjević (1842-1858) und Enkel Karadjordjes.

Leben

Nach dem Sturz seines Vaters im Jahre 1858 lebte der junge P. zunächst in der Schweiz (Genf). Seine militärische Ausbildung absolvierte er an französischen Kadettenschulen. 1862-1864 besuchte er die École de St. Cyr in Paris, 1864-1867 die Militärakademie in Metz. Am deutsch-französischen Krieg 1870/71 nahm er als Offizier auf französischer Seite teil. In der Folgezeit versuchte er wiederholt, sich aktiv in die Geschicke des serbischen Volkes einzuschalten und seiner Dynastie die Rückkehr auf den Fürstenthron zu ermöglichen. Während der Orientkrise 1875/76 beteiligte er sich unter den Decknamen Petar Mrkonjić am Aufstand in Bosnien und in der Herzegowina. Die Vermählung mit Ljubica-Zorka, der Tochter des Königs Nikola von Montenegro, am 1. August 1883 gab seinen weitgesteckten politischen Ambitionen am Hofe von Cetinje einen starken Rückhalt. Vorübergehend konnte er auch auf russische Unterstützung rechnen. Doch bald überwarf er sich mit seinem Schwiegervater. Nach dem Tode seiner Frau (17.03.1890) mußte er Montenegro wieder verlassen. Bis 1903 lebte er mit seinen Kindern zurückgezogen unter teilweise ärmlichen Bedingungen wieder in Genf. Erst die Ermordung von Alexander I. Obrenović (11.06.1903) eröffnete dem fast 60jährigen Thronprätendenten eine politische Karriere in seiner Heimat. Am 15. Juni 1903 wurde er von der provisorischen serbischen Regierung unter Jovan Avakumović zum neuen König gewählt, eine Woche später kehrte er nach Belgrad zurück. Die feierliche Krönung in Belgrad (21.09.1904) und die anschließende Salbung im Kloster Žiča bei Kraljevo (09.10. 1904) sollten zusammen mit der Hundertjahrfeier zum Gedenken an den ersten serbischen Aufstand gegen die osmanische Herrschaft den Makel des Königsmordes in der Öffentlichkeit vergessen machen und den serbischen Einigungsgedanken neu beleben.
Während die Anwesenheit der „Königsmörder“ am Hofe und in der unmittelbaren Umgebung des neuen Herrschers die zwischenstaatlichen Beziehungen vorübergehend stark belastete, hat das uneingeschränkte Bekenntnis P.s zur parlamentarischen Regierungsform, die sich in der Wiederherstellung der liberalen Verfassung von 1888 dokumentierte, ihm den notwendigen Rückhalt im Volke rasch gesichert. In Nikola Pašić, dem Führer der Radikalen Volkspartei (Narodna Radikalna Stranka), fand er einen Staatsmann von ungewöhnlicher Begabung, der die Verwirklichung seiner großserbischen Ziele in enger Anlehnung an Rußland und Frankreich verfolgte. Vergeblich suchte sich Österreich-Ungarn durch wirtschaftliche Repressivmaßnahmen (Zollpolitik des Jahres 1906 - sog. „Schweinekrieg“) und eine expansive Balkanpolitik (Annexion Bosniens und der Herzegowina 1908) entgegenzustellen. Der Ausgang der Balkankriege 1912/13, der Serbien eine Verdoppelung des Staatsgebietes brachte (vorher 48 303 qkm mit 2 957 207 Einwohnern, jetzt 90 300 qkm mit ca. 4 Mill. Einwohnern), verschärfte zwangsläufig die bestehenden Gegensätze, die sich schließlich im blutigen Attentat von Sarajevo entluden.
König P. hat sich an der schrittweisen Verwirklichung der südslawischen Idee im Zuge der Kriegsereignisse von 1914-1918 nicht mehr aktiv beteiligt. Die wesentlichen Initiativen (u. a. die Deklaration von Korfu vom 20. Juli 1917, die zwischen Pašić und dem Vertreter des Londoner Jugoslawischen Komitees, Dr. Ante Trumbić, ausgehandelt worden war), die schließlich zur Proklamation des Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen am 1. Dezember 1918 durch den Prinzregenten Alexander in Belgrad führten, lagen bei seinem Sohne bzw. den Vertretern der politischen Parteien. Schon am 24. Juni 1914 hatte P. wegen seines angegriffenen Gesundheitszustandes und zermürbt durch den Parteihader (u. a. sog. „Prioritätenstreit“ vom Mai-Juni 1914 zwischen der Regierung Pašić und den Militärs unter Dimitrijević-Apis und seiner „Crna ruka“ [Schwarze Hand]) die Regentschaft an seinen Sohn übertragen. Während des Krieges teilte er das Schicksal seiner bedrängten Truppen. Er begleitete 1915 die serbische Armee auf ihrem strapazenreichen Rückzug über Albanien nach Korfu. Erst im Sommer 1919 kehrte er wieder in seine Residenz zurück und amtierte bis zu seinem Tode nur noch nominell als König des neuen Staates.

Literatur

Chambry, René: Pierre Ier, roi de Serbie. Paris 1917.
ln der Maur, Gilbert: Die Jugoslawen einst und jetzt. 3 Bde. Leipzig, Wien 1936/38.
Vucinich, Wayne S.: Serbia between East and West: The Events of 1903-1908. Stanford/Cal., London 1954.
Uebersberger, Hans: Österreich zwischen Rußland und Serbien. Zur Südslawischen Frage und der Entstehung des Ersten Weltkrieges. Köln, Graz 1958.
Ražnatović, Novak: Ženidba kneza Petra Karadjordjevića i crnogorsko-srbijanski odnosi. In: Ist. Zap. 18 (1965) 469-490.

Verfasser

Edgar Hösch (GND: 105823724)


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