Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Trumbić, Ante

Trumbić, Ante, jugoslawischer Politiker, * Split 17.05.1864, † Zagreb 17.11.1938.

Leben

T. studierte Rechtswissenschaften in Zagreb, Wien und Graz, wo er 1890 das Doktorat erwarb. Als Rechtsanwalt in Split sympathisierte er mit liberalen Strömungen innerhalb der dalmatinischen „Rechtsbewegung“, die in Auswirkung der für die heimische Wirtschaft ruinösen „Weinklauseln“ aus dem österreichisch-italienischen Handelsvertrag vom Dezember 1891 und des damit verbundenen Mißerfolgs der „Kroatischen Nationalpartei“ (Narodna hrvatska stranka) einen beträchtlichen Zulauf verzeichnen konnte. 1894 kam es durch Zusammenschluß der drei dalmatinischen Gruppen um Ivo Prodan, Juraj Biankini und Frano Supilo-T. zur Gründung der (dalmatinischen) „Rechtspartei“ (Stranka prava), die nicht nur am Prinzip des historischen kroatischen Staatsrechts (einschließlich der Reinkorporation Dalmatiens), sondern auch - im Unterschied zur Entwicklung in Banalkroatien - an der antidualistischen Politik Ante Starcevics festhielt. Zugleich griff sie die liberalen Traditionen der von ihr bekämpften „Nationalpartei“ auf und zeigte bei ihren jüngeren Mitgliedern ein hohes Maß an Bereitschaft zur kroatisch-serbischen Zusammenarbeit.
1894 (oder 1895) wurde T. in den dalmatinischen Sabor und 1897 in den Wiener Reichsrat gewählt. Er begrüßte die kroatisch-serbische Annäherung von 1903 und gehörte mit Supilo, Josip Smodlaka u. a. zu den Protagonisten des „neuen Kurses“ in Dalmatien, indem er sich wiederholt für eine Koalition von Kroaten, Serben und Italienern gegen die österreichische Politik aussprach. Während der Dualismus-Krise kam es 1905 zur Vereinigung von „Rechts-“ und „Nationalpartei“ zur (dalmatinischen) „Kroatischen Partei“ (Hrvatska stranka) mit jugoslawischer Orientierung. („Die Partei steht unentwegt auf dem Standpunkt des kroatischen Staatsrechts, d.h. der Reinkorporierung Dalmatiens in Kroatien- Slawonien ... und der Vereinigung aller von Kroaten bewohnten Länder in einem autonomen Staatskörper“: Art. I des Programms. Und: „Die Kroaten und Serben sind ein Volk nach Blut und Sprache, unzertrennlich durch das Territorium, das sie bewohnen, vereinigt“: Art. IV.) T.s Bestreben, mit der ungarischen Unabhängigkeitspartei Ferenc Kossuths zu einer Verständigung über die gemeinsame Politik gegenüber Wien zu gelangen, wurde auf der Versammlung der Mehrheit kroatischer Abgeordneter aus Istrien, Dalmatien und Banalkroatien vom 2. -3. Oktober 1905 in Fiume (Rijeka) gebilligt. In der Fiumaner Resolution erklärten die kroatischen Abgeordneten das ungarische Bestreben nach voller staatlicher Unabhängigkeit (Realunion mit den Habsburgern) als gerechtfertigt und brachten ihre Überzeugung zum Ausdruck, daß „die kroatische und ungarische Nation, nicht nur mit Rücksicht auf ihre historischen Beziehungen, sondern noch mehr mit Rücksicht auf ihre unmittelbare Nachbarschaft und ihre tatsächlichen Lebensbedürfnisse auf gegenseitigen Beistand angewiesen“ seien. T. wurde zum Sekretär des Ausschusses für die Verhandlungen mit Kossuth gewählt und sollte als ungarische Gegenleistung die Reinkorporation Dalmatiens sowie die Beendigung der Madjaronenherrschaft in Banalkroatien fordern. Die Fiumaner Resolution, der sich die serbischen Politiker aus Kroatien und Dalmatien auf einer Sitzung in Zara (Zadar) am 14. November 1905 anschlossen, bildete die Plattform für die politische Entwicklung der folgenden Monate im Süden der Doppelmonarchie. Sie ermöglichte die Bildung der Kroatisch-serbischen Koalition (Hrvatsko-srpska koalicija), bestehend aus der „Kroatischen (Rechts)Partei“, der „Fortschrittspartei“, der „Serbischen Unabhängigen Partei“, der „Serbischen Radikalen Partei“, der „Sozialdemokratischen Partei“ (bis April 1906) sowie parteiunabhängigen Politikern und führte nach Verständigung mit der inzwischen regierenden Partei Kossuths bei den Maiwahlen von 1906 zum Sieg der Koalition und damit zur Ablösung des Regimes von Khuen-Hedervärys Gefolgsleuten.
Die erfolgreiche Politik des „neuen Kurses“ war jedoch von kurzer Dauer, da die kroatische Regierung nicht nur in Wien, sondern auch in Budapest auf zunehmenden Widerstand stieß und 1907 stürzte. Nach der Annexionskrise und den Balkankriegen orientierte sich T., der 1905 zum Bürgermeister von Split gewählt worden war, in Absprache mit Supilo, Smodlaka und serbischen Politikern aus Bosnien und der Herzegowina schließlich auf die völlige Befreiung der Südslawen von der Fremdherrschaft und ihre Vereinigung außerhalb Österreich-Ungarns. Nach dem Attentat von Sarajevo emigrierte er nach Italien, wo er die Vertreter der Entente vergeblich von territorialen Zugeständnissen an Italien auf Kosten der Südslawen abzubringen versuchte. Nachdem im Oktober 1914 erste Vorbereitungen für den Zusammenschluß der südslawischen Emigranten aus Österreich-Ungarn getroffen und Kontakte zu den kroatischen und slowenischen Politikern in der Heimat sowie zum serbischen Ministerpräsidenten Nikola Pasic aufgenommen worden waren, kam es in Paris am 30. April 1915 (nach Unterzeichnung des Londoner Vertrags zwischen Italien und der Entente vom 16. April) zur Konstituierung des „Südslawischen Komitees“ (Jugoslavenski odbor) mit T. als gewähltem Vorsitzenden. In den folgenden Verhandlungen mit der serbischen Regierung wurde eine grundsätzliche Einigung über den künftigen Aufbau des südslawischen Staates allerdings nicht erzielt. Auch auf der Konferenz von Korfu (15. VI. bis 20.07.1917) konnte T. Pasics Widerstand gegen einen föderalistischen Staatsaufbau nicht überwinden. In der Deklaration hieß es lediglich, daß zwischen der serbischen Regierung und dem „Südslawischen Komitee“ Grundsätze vereinbart worden seien, um innerhalb geschlossener Siedlungsgebiete in Anwendung des nationalen Selbstbestimmungsrechts ein Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen unter der Dynastie Karadjordjević zu errichten. Die künftige Verfassung sollte durch eine qualifizierte Mehrheit unter Beachtung des Prinzips der nationalen Gleichberechtigung erarbeitet werden.
Die internationale Lage bot jedoch vorerst wenig Aussicht für die Realisierung dieses Projekts, da sich sowohl der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson in seinen „14 Punkten“ als auch der britische Premier David Lloyd George im Januar 1918 für den Fortbestand der Habsburgermonarchie aussprachen und damit wiederholte Proteste des „Südslawischen Komitees“ hervorriefen. In anderer Hinsicht konnte jedoch ein Fortschritt erzielt werden. Nach der Niederlage Italiens bei Caporetto im Oktober 1917 hatte T. mit dem italienischen Abgeordneten Andrea Tone über eine Revision des Londoner Vertrags von 1915 verhandelt. In der am 7. März 1918 Unterzeichneten Vereinbarung erkannte Tone die südslawischen Einigungsbestrebungen an und stimmte dem Prinzip der nationalen Selbstbestimmung bei der Regelung bestehender Grenzkonflikte an der Adria zu. T. führte daraufhin die jugoslawische Delegation zum Kongreß der unterdrückten Völker Österreich-Ungarns vom 8. -10. April 1918 in Rom an. Obwohl die italienische Regierung fünf Monate später die „südslawische Nation“ als Alliierten anerkannte, rückten nach dem Zusammenbruch der Doppelmonarchie italienische Truppen in die als „feindliches Territorium“ betrachteten südslawischen Siedlungsgebiete an der Adria ein. Das Vorgehen wurde völkerrechtlich dadurch erleichtert, daß sich die serbische Regierung geweigert hatte, das „Südslawische Komitee“ als legitime Vertretung der Slowenen, Kroaten und Serben Österreich-Ungarns anzuerkennen. Nach Konstituierung des Nationalrats der Slowenen, Kroaten und Serben am 6. Oktober 1918 in Zagreb wurde T. mit der offiziellen Vertretung des neuen Staates bei den Alliierten in Paris beauftragt. Mit Unterstützung der Delegierten des Nationalrats und der serbischen Opposition in Belgrad konnte er auf der Genfer Konferenz vom 6.-9. November 1918 Palic dazu bewegen, im Namen der serbischen Regierung die Anerkennung des Staates der Slowenen, Kroaten und Serben von den Alliierten zu fordern und dessen Vereinigung mit dem Königreich Serbien auf gleichberechtigter Basis anzukündigen. Die Bildung eines gemeinsamen Ministeriums scheiterte freilich am Widerstand der serbischen Regierungsmitglieder auf Korfu.
Nach der übereilten Proklamierung des Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (SHS) am 1. Dezember 1918 in Belgrad wurde T. zum Außenminister ernannt. Neben Pasić, Milenko Vesnić u. a. gehörte er zur Delegation seines Landes auf der Pariser Friedenskonferenz und war entscheidend an den Grenzverhandlungen mit Italien beteiligt. Im einen wie im anderen Fall verteidigte er entschlossen die kroatischen und slowenischen Interessen vor weitergehenden italienischen Forderungen, was ihn zeitweilig in Gegensatz zu den serbischen Politikern brachte. Den für ihn nicht voll befriedigenden Rapallo-Vertrag mit Italien vom 12. November 1920 erkannte er zwar an, trat jedoch zehn Tage später zurück, da er seine außenpolitische Aufgabe als beendet betrachtete.
T.s politische Aktivität verlagerte sich in den folgenden Jahren bis zu seinem Tod auf innenpolitische Probleme. Als parteiunabhängiges Mitglied der Verfassungsgebenden Versammlung von 1921 widersetzte er sich den Plänen der Regierung über einen zentralistischen Staatsaufbau des Landes und schlug zunächst eine Kombination von zentralistischen und föderalistischen Strukturen vor, um sich sodann ganz für die föderalistische Lösung zu entscheiden. 1923 übersiedelte er von Split nach Zagreb und nahm Kontakte zur „Kroatischen Union“ (Hrvatska zajednica) auf, der er Ende 1924 beitrat. Seine gleichzeitigen Beziehungen zu Stjepan Radic blieben problematisch, da er sowohl dessen parlamentarische Abstinenzpolitik als auch die spätere Koalition mit Palič ablehnte. In Antwort auf das Bündnis Radić-Pasić gründete er 1926 die „Kroatische Föderalistische Bauernpartei“ (Hrvatska federalistická seljačka stranka), die jedoch in Zusammenarbeit mit der „Kroatischen Rechtspartei“ (Hrvatska stranka prava) und einigen Radič-Dissidenten keinen nennenswerten politischen Einfluß gewinnen konnte.
Erst nach dem Attentat auf Radić schloß sich T. enger der „Kroatischen Bauernpartei“ (Hrvatska seljačka stranka, HSS) an, der er 1931 formal beitrat. Schon zuvor, im Herbst 1928, war er in Absprache mit der HSS-Führung nach Paris und London gereist, wo er ohne Erfolg für die Forderungen der kroatischen Opposition um Unterstützung geworben hatte. Als entschiedener Gegner der Diktatur König Alexanders unterzog er den bestehenden Staatsaufbau in den „Zagreber Punktationen“ der kroatischen Opposition vom November 1932 einer scharfen Kritik, zumal er innerlich bereits von den Vorteilen einer konföderalistischen Lösung der kroatisch-serbischen Beziehungen überzeugt war. Als Vladimir Maček 1933 zu 3jähriger Haft verurteilt wurde, übernahm T. (nach Ermordung des Vizepräsidenten Josip Predavec) vorübergehend die Geschäftsführung der HSS. Energisch setzte er sich für die Einheit der kroatischen Opposition und die Zusammenarbeit aller politischen Gruppierungen außerhalb Serbiens ein. Auch nach der bedingten Wiederzulassung politischer Parteien im Jahre 1935 führte er seine Oppositionspolitik gegen das Belgrader Regime in enger Zusammenarbeit mit Maček bis zu seinem Tod 1938 fort.

Literatur

Paulová, Milada: Jugoslavenski odbor. (Povijest jugoslavenske emigracije za svjetskog rata od 1914. -1918.) Zagreb 1925.
Smith-Pavelić, Ante: Dr AnteTrumbić. Problemi hrvatsko-srpskih odnosa. München 1959.
Gross, Mirjana: Vladavina Hrvatsko-srpske koalicije 1906-1907. Beograd 1960.
Krizman, Bogdan: Trumbićeva misija u inozemstvu uoči proglašenja šestojanuarske diktature. In: Hist. Pregl. 3 (1962) 176-202.
Matković, Hrvoje: Hrvatska zajednica. In: Istorija XX veka. Zbornik radova 5 (1963) 5-136.
Gradja o stvaranju jugoslovenske države (1.01.-20.12.1918). Prired. Dragoslav Janković i Bogdan Krizman. 2 Bde. Beograd 1964.
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Janković, Dragoslav: Jugoslovensko pitanje i Krfska deklaracija 1917. godine. Beograd 1967.
Boban, Ljubo: Prilozi za biografiju Ante Trumbića u vrijeme šesto-januarskog režima (1929-1935). In: Hist. Zborn. 21/22(1968/69) 1 - 74.
Mitrović, Andrej: Jugoslavija na Konferenciji mira 1919-1920. Beograd 1969.
Krizman, Bogdan: Jugoslavenski odbor i Ženevska konferencija o ujedinjenju 1918. god. In: Zbornik historijskog Instituta Slavonije 7/8 (1970) 1-46.

Verfasser

Holm Sundhaussen (GND: 120956055)


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