Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Metaxas, Ioannis

 Metaxas, Ioannis, griechischer Offizier und Politiker, * Ithaka 24.04.1871, † Athen 29.01.1941, Sohn des Beamten Panajis M. und der Eleni geh. Trigoni; entstammte dem 1691 in den venezianischen Grafenstand erhobenen Zweig der Familie (M.-Angiolato), aus der auch der Politiker Andreas Metaxas hervorgegangen war; seit dem 13.07.1909 mit Lela Chatzioannu verheiratet.

Leben

 Kindheit und Jugend des M. waren von der Suspension seines nicht wohlhabenden Vaters und der Geisteskrankheit seiner Geschwister überschattet. Nach dem Besuch des Gymnasiums in Argostoli (Kephallonia) wurde er 1885-1890 an der Athener Offiziersschule zum Leutnant der Pioniere ausgebildet. 1896 trat er in die Nationale Gesellschaft (Ethniki Eteria) ein, die der Regierung eine aggressive Außenpolitik aufzwingen wollte. Im griechisch-türkischen Krieg 1897 gehörte er dem Stab des Kronprinzen Konstantin (I.) an, dessen Bericht über das Kriegsgeschehen er mitverfaßte; 1899-1903 studierte er an der Berliner Kriegsakademie, diente dann im Generalstab des Heeres, 1905/06 im Stab des Heeresministeriums, im Oktober 1909 vorübergehend als Truppenkommandeur in Larisa. Am 19. (6.) Oktober 1910 berief ihn Eleftherios Venizelos zu seinem ersten Adjutanten. 1912 handelte er in Sofia die griechisch-bulgarische Militärkonvention im Rahmen der serbisch-bulgarisch-griechischen Allianz von 1912 aus. Im ersten Balkankrieg 1912/13 diente M. wieder im Generalstab sowie als Militärberater der griechischen Delegation bei den Londoner Verhandlungen; am 14. (1.) Mai 1913 schloß er die Militärkonvention mit Serbien ab. Am Vorabend des Ersten Weltkrieges empfahl er einen Überraschungsangriff auf die Dardanellen; nach Kriegsausbruch erhob er jedoch gegen eine Beteiligung an der britischen Gallipoli-Expedition angesichts der Gefahr eines bulgarischen Angriffs schwerwiegende Einwände, die letztlich auf der Annahme eines deutschen Endsieges beruhten, während die Regierung Eleftherios Venizelos, die einen Sieg der Entente für wahrscheinlich, und unabhängig davon die Wahrung der britischen Machtstellung im Mittelmeerraum für sicher hielt, im Hinblick auf die Gesamtabrechnung bei Kriegsende ein größeres Risiko in Kauf nehmen wollte. Am 2. März (17.02.) 1915 trat er als Chef des Generalstabs des Heeres zurück und trug durch seinen Einfluß auf Konstantin I. entscheidend zu dem Verfassungskonflikt zwischen dem König und der Regierung bei. Nach der von der Entente 1916 erzwungenen Teildemobilisierung rief M. die berüchtigten „Vereinigungen der Eingezogenen“ (Sillogi epistraton), freikorpsähnliche Organisationen der Entlassenen, ins Leben, die sich durch Übergriffe gegen politische Gegner bemerkbar machten. Auf die Forderung der Westmächte mußte M. mit anderen Gegnern des Venizelos (u. a. Dimitrios Gunaris, Ion Dragumis) am 20. (7.) Juni 1917 in die Verbannung nach Korsika gehen; in Griechenland wurde er zum Tode verurteilt. Nach der Wahlniederlage der Liberalen am 14. (1.) November 1920 kehrte er in die Heimat zurück. Hier trat er für eine sofortige Beendigung des Kleinasienkrieges ein. 1921 gründete er die Partei der Freisinnigen (Komma ton Elevtherofronon), die sich vor allem an die kleinbürgerlichen Wähler wandte. 1923 versuchte er ohne Erfolg, in dem mißglückten, von Panajotis Gargalidis und Georgios Leonardopulos geleiteten Militärputsch führend hervorzutreten und erkannte nach kurzem Exil in Italien die Republik 1924 vorbehaltlos an. Nach der Diktatur des Theodoros Pangalos 1925/26 errang M.’ Partei in den Wahlen vom 7. November 1926 15,76% der Stimmen und 51 Mandate (- 18,27%); M. trat mit drei anderen Freisinnigen in die Regierung der großen Koalition unter Alexandros Zaimis (04.12.1926 - 03.06.1928) als Verkehrsminister ein und wurde wegen unvorteilhafter Vergabe von Aufträgen und Konzessionen heftig angegriffen. Vom 4. September 1932 bis 16. Januar 1933 war er Innenminister, vom 2. bis 18. März 1935 Minister ohne Portefeuille in Kabinetten des Panajis Tsaldaris. M. gelang es nicht, seine Wähler zu halten (1928: 5,30% der gültigen Stimmen, 1 Mandat; 1932: 1,59%, 3 Mandate; 1933: 2,26%, 6 Mandate; 1935: dank einer Wahlkoalition mit ehemaligen Abgeordneten der Volkspartei 14,80%, 7 Mandate; 1936: 3,94%, 7 Mandate). Nach den mißglückten Putschversuchen radikaler Republikaner 1933 und 1935 machte sich M. zum Anwalt der radikalen Royalisten, blieb aber im Schatten seines Rivalen Georgios Kondilis. Nach seiner Rückkehr auf den Thron berief ihn Georg II. am 5. März 1936 zunächst heimlich zum Heeresminister, um einer von Alexandros Papagos angedrohten Insubordination des Heeres wegen der Reaktivierung am Putsch von 1935 beteiligter Offiziere zuvorzukommen. Dem am 13. April 1936 verstorbenen Ministerpräsidenten Konstantinos Demertzis folgte M. als Chef einer Ubergangsregierung, da im Parlament keine Koalition zustande kam. M., schon seit Jahren ein Gegner des parlamentarischen Regierungssystems, nützte diese Situation und die Streikwellen des Jahres 1936 aus, um mit Billigung Georgs II. auf der Basis einer geheimen Verabredung mit Venizelos’ Sohn Sofoklis am 4. August 1936 die Diktatur zu errichten, zumal Themistoklis Sofulis und Ioannis Theotokis den König am 22. Juli von ihrer Bereitschaft zur Koalitionsbildung unterrichtet und damit das bevorstehende Ende der Übergangsregierung M. angekündigt hatten. Die Hoffnungen des Sofoklis Venizelos und der vorsichtig ab wartenden Mehrheitsliberalen, M. werde entlassene Offiziere und Beamte wieder einstellen, erfüllten sich nicht. Die politischen Parteien wurden aufgelöst, die Zeitungen einer rigorosen Zensur unterworfen, Gewerkschaften und berufsständische Organisationen, Universitäten und kulturelle Einrichtungen gesäubert (1939 M. auch Kultusminister), die politischen Freiheiten und das Streikrecht beseitigt. Die Vertrauensleute des Königs wurden aus der Regierung verdrängt, ein faschistisches Regime Zug um Zug aufgebaut. Die 1938 durchgeführte Wahl von Damaskinos (Papandren) zum Erzbischof von Athen und ganz Griechenland wurde unter dem Druck der Regierung annulliert, damit ein genehmer Kandidat, Chrysanthos (Filipidis), dessen Platz einnehmen konnte. M. sah sein Regime als die Grundlage der „dritten griechischen Kultur“ nach Antike und Byzanz an. Außer dem Arbeitsdienst (Tagmata Ergasias) rief M. gegen den Widerstand des Hofes die Nationale Jugendorganisation EON (Ethniki Organosis Neoleas) ins Leben, die deutsche und italienische Vorbilder kopierte (militärische Organisation, ideologische Indoktrination, faschistische Uniformen, Hitlergruß, Spitzeldienste vor allem in der Familie). Besonders gefürchtet waren die skrupellosen Praktiken (Folterungen, Rizinuspurgierungen) des Staatssicherheitsdienstes unter Konstantinos Maniadakis, der die häufigen Verschwörungen gegen das Regime aufdeckte, die KP in drei Jahren zerschlug und aus ihren versprengten Resten eine scheinbar illegale, tatsächlich von Maniadakis kontrollierte KP organisierte. Während die slawische Minderheit in Mazedonien unterdrückt wurde, war der Antisemitismus M. völlig fremd. Die sozialpolitischen Maßnahmen (Mindestlöhne, Arbeitszeitbeschränkung, Kollektivverträge und Schiedsverfahren zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, Krankenversicherung) beruhten weitgehend auf Plänen und Gesetzen demokratischer Regierungen, die infolge der innenpolitischen Zustände nicht realisiert worden waren. Vorwürfe der persönlichen Bereicherung hielten der späteren gerichtlichen Untersuchung nicht stand; doch verdankten Verwandte ihm ihren irregulären Aufstieg (Universitätsprofessuren für seine beiden Schwiegersöhne, Ernennung seiner Tochter Lulu zur Kommandeuse der Mädchenabteilung der EON). Hinsichtlich der Außenpolitik hatte sich M. als Diktator von seinen früheren Vorstellungen entfernt: Trotz der Verwandtschaft der Regimes erkannte er in Italien und Deutschland sowie in Bulgarien die Feinde Griechenlands im Falle eines europäischen Krieges, aus dem die Westmächte trotz vorübergehender Rückschläge als Sieger hervorgehen würden. Ambitionen territorialer Expansion waren M. fremd. Er vermied jede Provokation der Achse, lehnte aber das Ultimatum Mussolinis vom 28. Oktober 1940 ab, in dem italienische Stützpunkte auf griechischem Boden gefordert wurden, führte die Truppen an der Albainienfront zum Sieg über den militärisch weit überlegenen Gegner und versetzte der Achse den ersten schweren Schlag, der nur durch den Überfall Deutschlands (06.04.1941) ausgeglichen werden konnte. Seine Erlebnisse in den Kinder- und Jugendjahren, Enttäuschungen und Rückschläge sowie seine ständigen Mißerfolge in Wahlen bewirkten, daß Existenzangst, Unsicherheit, Mißtrauen auch gegen enge Mitarbeiter, Minderwertigkeitsgefühle und ein gesteigertes Anerkennungsstreben M. auch in seinem politischen Verhalten bis zuletzt prägten; eine in seinen Tagebüchern dokumentierte Verachtung der Gesellschaft und der Griechen allgemein, sein offen ausgesprochenes Bedürfnis, dem Volk seine persönlichen Enttäuschungen heimzuzahlen, kennzeichnen ihn.

Literatur

Kallonas, D.: Ioannis Metaxas. Athen 1938.
Metaxas, Ioannis: Logi. Athen 1939.
Ders.: To prosopiko imerologio. 4 Bde. Athen 1951/64, Erg.Bd (Epimetro - Scholia - Dokumenta). Athen 1974.
Ders.: Logi ke skepsis 1936-1941. 2 Bde. Athen 1969.
Ders. u. Eleftherios Venizelos: Istoria tu ethniku dichasmu 1915-1935. Athen 1953.
Koronakis, I. G.: I politia tis 4 Avgustu. Athen 1950.
Dafnis, Grigorios: I Ellas metaxi dio polemon. 2 Bde. Athen 1955.
Papagos, Alexandros: Griechenland im Kriege. Bonn 1954.
Linardatos, Spiros: Pos eftasame stin'4-1 Avgustu. Athen 1965.
Ders.: I 4-i Avgustu. Athen 1966.
Malainos, Miltiadis: 4 Avgustu. Athen 1966(2).
Ventiris, Georgios: I Ellas tu 1910-1920. 2 Bde. Athen 1970(2).
Koliopoulos, John S.: Greece and the British Connection 1935-1941. Oxford 1977.

Verfasser

Gunnar Hering (GND: 1078119694)

GND: 119201399

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