Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Dragumis, Ion

Dragumis, Ion, griechischer Diplomat, Politiker und Schriftsteller, * Athen 14. IX. 1878, † ebd. 13.08.1920, Sohn des Politikers und Schriftstellers Stefanos D.

Leben

Nach Ausbruch des türkisch-griechischen Krieges (April 1897) unterbrach D. sein Jurastudium an der Universität Athen und meldete sich als Freiwilliger (Mai 1897), konnte aber nicht an die Front gehen, da die griechische Niederlage schon im selben Monat besiegelt war. D. setzte enttäuscht sein Studium fort, bekam 1899 sein Diplom und trat in den diplomatischen Dienst ein. 1902 wurde er zum Vizekonsul am Generalkonsulat in Monastir (heute Bitolj) ernannt. Dort begann er in Zusammenarbeit mit seinem Vater, der um diese Zeit Außenminister war, und seinem Schwager, dem Leutnant Pavlos Melas, mit der Organisierung des Kampfes um Mazedonien gegen das bulgarische „Komitat“.
1903 übernahm er die Leitung des griechischen Konsulats in Serrä und 1904 wurde er zunächst nach Burgas, dann nach Philippopel (Plovdiv) versetzt. 1905 ging er nach Alexandrien und Dedeağaç (Alexandrupolis), 1906 ins Außenministerium nach Athen. 1908 wurde er zum Botschaftssekretär in Istanbul ernannt. Dort arbeitete er für die Mobilisierung der griechischen Bevölkerung in der Türkei und gründete zu diesem Zweck den Geheimbund „Organisation Konstantinopels“. 1909 wurde er nach Athen zurückberufen und von hier nach Rom und London, 1910 nach Istanbul, dann nach Sofia, Belgrad, Wien und Saloniki entsandt.
Im Juli 1912 organisierte er einen Kongreß auf Patmos, dessen Ziel die Vereinigung des Dodekanes mit Griechenland war.
Nach dem Ausbruch des Ersten Balkankrieges begleitete er den Oberbefehlshaber der griechischen Armee, den Prinzen Konstantin, nach Monastir und marschierte mit ihm nach Saloniki. Wegen einer eigenmächtigen militärischen Handlung jedoch wurde er für 2 Monate (Oktober bis Dezember 1912) vom Dienst suspendiert, später aber (1913) als Botschafter nach St. Petersburg, dann (1914) nach Wien, Berlin und wieder nach St. Petersburg entsandt.
Bei Kriegsausbruch empfahl er (4.-5.03.1915) Ministerpräsident Eleftherios Venizelos und König Konstantin I. den Eintritt Griechenlands in den Krieg auf der Seite der Entente. Im selben Monat trat er vom diplomatischen Dienst zurück und widmete sich der Politik. Im September 1915 trat er als Abgeordneter von Florina und Kastoria ins Parlament ein. Im Januar 1916 brachte er die „Politiki Epitheorisi“ (Politische Revue), eine bis 1920 mit Unterbrechungen ausschließlich von ihm geschriebene Zeitschrift, heraus. Wegen seines Einsatzes für den Eintritt Griechenlands in den Krieg unter Bedingungen, die die Entente nicht akzeptieren konnte, wurde er nach der Landung der alliierten Truppen in Piräus von diesen zunächst nach Korsika, dann nach Skopelos verbannt (Juni 1917). Nach seiner Freilassung im November 1919 trat er in Athen der gegen Venizelos gerichteten „Vereinigten Opposition“ bei (April 1920).
Am Tag nach dem mißglückten Attentat auf Venizelos an der Gare de Lyon in Paris wurde D. von Venizelos-freundlichen Militärs ermordet.
Wichtiger als seine diplomatisch-politische Tätigkeit zur Lösung der mazedonischen Frage zugunsten Griechenlands ist sein theoretisches Werk. Es besitzt ausgesprochen politischen Charakter, auch wenn es literarisch gefärbt ist: „Martiron ke iroon ema“ (Blut von Märtyrern und Helden, 1902), „Samothraki“ (1906), „O Ellinismos mu ke i ellines“ (Mein Griechenlang und die Griechen, Tagebuch von 1903 Bis 1909), „Ossi zontani“ (All die Lebenden, 1911) u. a.
Auf dem Höhepunkt des griechischen Irredentismus und Nationalismus (1896-1922) wurde D. deren extremer Deuter. Seine politisch-philosophische Theorie, die wegen ihrer populären Form viele Anhänger fand und die er zum Teil bei Nietzsche, Gobineau und Barrès vorgefunden hatte, war ein grobes Gemisch von Chauvinismus („Ich liebe nur die Griechen“, sagte er), Völkerhaß (nicht nur gegen die Nachbarvölker, sondern auch z. B. gegen Deutsche und Österreicher, „die die Juden gegen die Griechen anstifteten“), Rassismus, Egozentrik, Vulgäratheismus („Mein Gott bin ich“) und Militarismus („Nicht die Bildung, sondern der Krieg ist die Rettung der Nation“).

Literatur

Papakonstantinu, Th[eophylaktos]: O Ion Dragumis ke i politiki pezografia. Athen 1957.
Evrijenis, D.: O Ion Dragumis ke o makedonikos agon. Thessaloniki 1960.
Paraschos, Kleon: Ion Dragumis. Athen 1963 (mit Bibliographie).
Dragumis, Ion: Kinotis, Ethnos ke Kratos. Hrsg. Filippos S. Dragumis. Thessaloniki 1967 (Textauswahl, mit Biobibliographie).  

Verfasser

Georg Veloudis (GND: 124116787)


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