Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Venizelos, Sofoklis

Venizelos, Sofoklis, griechischer Politiker, * Chania (Kreta) 17.11.1894, † auf der Schifffahrt von Chania nach Piräus 7.02.1964, zweitgeborener Sohn von Eleftherios V.

Leben

V. besuchte 1911 die Kadettenschule, die er 1914 als Leutnant der Artillerie verließ. Er nahm am Ersten Weltkrieg und am Kleinasienfeldzug teil, worauf er sich als Major aus dem aktiven Dienst zurückzog. Am 1. November 1920 wurde er Abgeordneter des Bezirks Chania, nahm aber an den Parlamentsversammlungen nicht teil, sondern begab sich nach der Wahlniederlage seines Vaters (Liberale Partei) ins Ausland. Die Reiselust und langjährige Auslandsaufenthalte blieben für V. während seines ganzen Lebens charakteristisch. Nach der Revolution von 1922 trat er wieder in den aktiven Militärdienst ein und wurde Militärattachee der griechischen Botschaft in Paris. 1929 trat er von dieser Stellung zurück und nahm als Oberst seinen Abschied. Nach dem Tode seines Vaters 1936 wurde V. in den dreiköpfigen Verwaltungsrat der Liberalen Partei gewählt, doch als General Metaxas am 4. August 1936 die demokratische Verfassung auflöste und die Diktatur etablierte, verließ V. wieder das Land.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde V. von der griechischen Exilregierung zum Marineminister bestellt. Er hatte dieses Amt bis zum Rücktritt der Regierung Emmanuil Tsuderos im April 1944 inne. Am 14. April 1944 wurde er zum Ministerpräsidenten der griechischen Regierung ernannt, allerdings nur für zehn Tage, worauf Georgios Papandreu die Regierung der Nationalen Einheit bildete, in der er Vizepräsident wurde. Von da an bis zu seinem Tode band ihn Kooperation und Rivalität in der Partei und im öffentlichen Leben an die Person von Papandreu. Wegen Meinungsverschiedenheiten mit Papandreu trat er bereits im August 1944 zurück.
Nach der Befreiung Griechenlands kehrte V. in die Heimat zurück und wurde zur rechten Hand von Themistoklis Sofulis, dem damaligen Führer der Liberalen Partei. 1946 gründete V. eine eigene Parteisektion, die „Liberalen Venizelisten“, die aber schon im Oktober 1947 mit der Mutterpartei fusioniert wurden. Diese Taktik der Druckausübung zur Korrektur des Parteikurses behielt V. auch später bei. Nach dem Tode von Sofulis im Juni 1949 wurde er Parteichef. In der Regierung Alexandros Diomidis fungierte er als Vizepräsident bis zu deren Rücktritt im Januar 1950. In den folgenden Jahren nahmen die Liberalen an verschiedenen kurzlebigen Koalitionsregierungen teil. V. war als einer der bedeutendsten Politiker der Nachkriegszeit im Zeitraum von 1943 bis 1952 fünfmal Ministerpräsident, viermal Vizepräsident und dreimal Minister, davon 26 Monate Außenminister, wobei er sich durch seine diplomatischen Fähigkeiten auszeichnete. Im Mai 1953 rückte Papandreu zum zweiten Parteichef auf, am 8. April 1954 übergab ihm V. die Parteiführung und begab sich ins Ausland. Nach einem Jahr kehrte er zurück und gründete die „Liberaldemokratische Union“ (Filelefthera Dimokratiki Enosis), die sich am 28. Februar 1957 mit der Mutterpartei zusammenschloß, wobei bezeichnenderweise V. 43 Abgeordnete, Papandreu nur 24 stellen konnte. Beide übernahmen zusammen die Parteiführung. Im November 1958 wurde auf einer Parteiversammlung vom obersten Parteigremium die Führungsfrage aufgeworfen, was nach einigem Hin und Her zur Alleinübernahme der Parteiführung durch V. führte.
In den Jahren 1959-1960 bemühte sich V. außenpolitisch besonders um die Zusammenarbeit auf dem Balkan. Er schrieb einen persönlichen Brief an Dwight David Eisenhower, führte Unterredungen mit Nikita Chruschtschow in Moskau und besuchte offiziell Rumänien und die Tschechoslowakei. Im September 1961 schloß sich seine Partei mit der „Zentrumsunion“ (Enosis Kentru) von Papandreu zu einer Oppositionskoalition gegen die Regierung Konstantinos Karamanlis zusammen. V. vertrat aber eine elastischere Linie als jener. Am 8. November 1963 gewann die Zentrumsunion die Wahlen und bildete unter Papandreu eine kurzlebige Regierung, in der V. Vizepräsident und Außenminister war. Er starb auf der Wahlkampftournee für die Neuwahlen.

Literatur

Dafnis, Georgios: Sofoklis Eleftheriu Venizelos 1894-1964. Athen 1970 (mit Bibliographie).

Verfasser

Walter Puchner (GND: 115411496)

GND: 124972411


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Empfohlene Zitierweise: Walter Puchner, Venizelos, Sofoklis, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 409-410 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1842, abgerufen am: (Abrufdatum)

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