Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Kafantaris, Georgios

Kafantaris, Georgios, griechischer Politiker, * Frangista (Evritania) 1873, † Athen 29.08.1946.

Leben

Nach dem Jurastudium in Athen war K. als Anwalt in Mesolongi und Athen tätig und wurde 1905 Abgeordneter der Partei des Dimitrios Rallis. K. setzte sich für die Sanierung der Verwaltung sowie die Reform der Parlamentsarbeit ein, spezialisierte sich auf Finanz- und Wirtschaftspolitik und galt fortan als einer der fähigsten Experten auf diesem Gebiet. Gegen die von Eleftherios Venizelos 1910 herbeigeführte Auflösung des 1. Verfassungsändernden Parlaments formulierte er den Protest der Opposition, schloß sich aber im Zuge der Modernisierung des Staates durch Venizelos den Liberalen an und wurde zum Generalsekretär des Finanzministeriums und 1915 zum Innenminister im Kabinett Venizelos ernannt. 1917 vertrat er die nur de facto anerkannte Gegenregierung von Thessaloniki in den USA. Als Landwirtschaftsminister erwarb er sich 1919/20 große Verdienste um die Agrarreform. Noch 1917 Anwalt der republikanischen Staatsform, setzte er sich nach 1922 für die Versöhnung des royalistischen und des venizelistischen Lagers, den Rückzug der Militärs aus der Politik und die normale Funktion des parlamentarischen Regierungssystems unter Georg II. ein. 1924 als Justizminister im Kabinett Venizelos und ab 6. Februar 1924 als Ministerpräsident mußte er die von der Nationalversammlung auf Drängen der Militärs und des linken Flügels der Abgeordneten bewilligte Volksabstimmung über das Königtum vorbereiten und zog sich infolge strikter Beachtung rechtsstaatlicher und demokratischer Grundsätze die heftige Kritik der republikanischen Linken zu. Obwohl er gegen Insubordinationsdrohungen politisierender Offiziere erfolgreich durchgriff, trat er am 8. März 1924 wegen der Kontakte des Venizelos zu den oppositionellen Militärs zurück, distanzierte sich aber von dem Parteidogma, die Meinung des Venizelos stets zur Richtschnur zu nehmen und gründete mit etwa 80 Abgeordneten die Partei der Fortschrittlichen Liberalen als selbständige Organisation innerhalb des liberalen Blocks. Die historische Sitzung der 4. Konstituante am 25. März 1924, in der im Vorgriff auf das Plebiszit die Monarchie abgeschafft wurde, boykottierte er. Während der Diktatur des Theodoros Pangalos wurde er mehrmals verhaftet und nach Naxos verbannt. Nach dessen Sturz errang er 1927 im Wahlbündnis mit Andreas Michalakopulos 31,6 % der Stimmen und übernahm in der Allparteienregierung Alexandros Zaimis das Finanzministerium. In wenigen Monaten gelang es ihm, die völlig zerrütteten Staatsfinanzen zu ordnen und den Haushalt auszugleichen. Neben einer die Bezieher kleiner Einkommen entlastenden Steuerreform setzte er, allerdings um den Preis einer festen Bindung der Drachme an das britische Pfund, die Stabilisierung der Währung durch, regelte die Kriegsschulden, sicherte eine Völkerbundsanleihe und führte die Trennung der Notenbank von der Nationalbank herbei. Diese Wirtschaftspolitik brachte ihn in einen durch emotionale Entgleisungen auf beiden Seiten die politische Szene fortan belastenden Konflikt mit dem zunehmend konservativeren Venizelos, gegen dessen Rückkehr ins politische Leben K. im Interesse der Befriedung des Landes plädierte. Das Übergewicht der Mehrheitsliberalen, später die rasche innenpolitische Polarisierung minderten K.’ Wahlchancen (Wählerstimmen in %: 1928 = 2,5; 8,35; 1933 = 6,77; 1936 im Bündnis mit Alexandros Papanastasiu = 4,21); 1932 seine aussichtsreiche, von den Liberalen wie der Opposition 1929 favorisierte Kandidatur für das Amt des Präsidenten der Republik hintertrieb Venizelos aus Furcht vor seiner Unabhängigkeit. 1932 protestierte K. gegen die von Venizelos mit Wohlwollen notierte Bereitschaft des Militärs zur Intervention, trat aber 1933 als Finanzminister in das Koalitionskabinett des Kreters ein. 1935 stand er mit den rebellierenden Offizieren in Verbindung, die im politischen Stil der Konservativen, insbesondere nach dem Attentat auf Venizelos 1933, eine Gefahr für die Republik sahen, wurde aber vom Gericht freigesprochen. Die mit skandalösen Praktiken 1935 herbeigeführte Wiedereinsetzung König Georgs II. erkannte er nicht als legal an. Unter der Diktatur des Ioannis Metaxas leistete K. mutigen Widerstand; seine illegalen Schriften mit schonungsloser Kritik vor allem an der Wirtschaftspolitik zwangen das Regime zur Verbreitung gefälschter Widerrufe. 1938 wurde er nach Zakynthos verbannt. Im November 1945 übernahm er im Kabinett Themistoklis Sofulis für zwei Monate das Amt des Vizepräsidenten und polemisierte gegen eine Rückkehr Georgs II.

Literatur

Dafnis, Grigorios: I Ellas metaxi dio polemon 1923-1940. 2 Bde. Athen 1955.

Verfasser

Gunnar Hering (GND: 1078119694)

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Empfohlene Zitierweise: Gunnar Hering, Kafantaris, Georgios, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 317-318 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1074, abgerufen am: (Abrufdatum)

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