Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Michalakopulos, Andreas

Michalakopulos, Andreas, griechischer Politiker, * Patras 29.05.1875, † Athen 27.03.1938. Seiner 1913 mit der Anwaltstochter Marika Katsimbali geschlossenen Ehe entstammte eine Tochter, die den Großindustriellen Leon Kanellopulos heiratete.

Leben

 Der Anwaltssohn M. gab nach dem Tode seines Vaters 1894 die zwei Jahre zuvor eingeschlagene Offizierslaufbahn zugunsten des Jurastudiums auf und ließ sich 1896 als Anwalt in Patras nieder. 1910 schloß er sich der von Eleftherios Venizelos geführten Bewegung an, aus der die Partei der Liberalen hervorging. 1910 zum Abgeordneten von Achaia (Elis) gewählt, trug er entscheidend zur Vermittlung zwischen Venizelos und Georg I. sowie zur Verfassungsrevision bei. Auf einer Studienreise durch Österreich 1911 präzisierte er seine Vorstellungen von einer durchgreifenden Verwaltungs- und Justizreform sowie von einer modernen Agrarpolitik, um die er sich als Minister für Volkswirtschaft im Kabinett Venizelos (13. VI. [31.05.] 1912 - 18. [5.] X. 1915) besondere Verdienste erwarb (Einrichtung von Landwirtschaftskammern, Ausbau des Landwirtschaftsschulwesens, Forstschutz-, Wald- und Veterinärrechtsreform). Außerdem veranlaßte er die Errichtung des Statistischen Amtes, die regelmäßige Volkszählung, die Aktienrechtsreform von 1913 und den Erlaß wichtiger Arbeitsschutzgesetze. Nach dem Verfassungskonflikt zwischen Regierung und Konstantin I. übernahm er 1916 im Rebellenkabinett des Venizelos in Thessaloniki das Schatz- und Ansiedlungsministerium. 1917 führte M., der zum Studium der rumänischen Agrarprobleme Rumänisch lernte, in den „Neuen Ländern“, die Griechenland in den Balkankriegen erworben hatte, eine Agrarreform durch: Die Großgüter wurden bis auf eine Restwirtschaft, deren Rationalisierung M. gleichzeitig fördern wollte, gegen Entschädigung in Form verzinslicher Staatsschuldverschreibungen enteignet und über hierfür gebildete Genossenschaften unter den Bauern aufgeteilt, die einen Teil der Entschädigung abzuzahlen hatten. Am 27. (14.) Juni 1917 trat M. an die Spitze des neugeschaffenen Landwirtschaftsministeriums und entwickelte das Programm der Ansiedlung der kleinasiatischen Flüchtlinge, der größten sozialpolitischen Leistung Griechenlands in der Zwischenkriegszeit. 1918/19 warb er in Paris und London für die territorialen Ansprüche Griechenlands und trug 1923 zum Lausanner Frieden maßgeblich bei. 1923/24 warnte er vor der Entthronung Georgs II., die neue außen- und innenpolitische Belastungen des durch Kriege, innere Unruhen und die Niederlage in Kleinasien geschwächten Landes nach sich ziehen würde. Nach dem Rücktritt der Regierung Venizelos, der er seit dem 11. Januar 1924 als Finanzminister angehörte, am 6. Februar 1924, gründete er mit seinen liberalen Anhängern die Partei der Konservativen Demokraten und bildete am 7. Oktober 1924 eine Koalitionsregierung, die das Agrarprogramm weiter durchführen und die Fertigstellung der republikanischen Konstitution beschleunigen wollte. Angesichts der Zersetzung des Offizierskorps in politische Cliquen, der Organisation von Interessengruppen und der sozialen Unruhe forderte er jetzt energischer den Schutz der politischen und Sozialordnung und trat hart gegen die Gewerkschaften auf. Wegen Geldmangels und unzureichender parlamentarischer Unterstützung konnte er sozialpolitisch nur die Hilfe für die Flüchtlinge durchsetzen (Völkerbundsanleihe). Da er keine Möglichkeit sah, den Putsch des Theodoros Pangalos niederzuschlagen, trat er am 25. Juli 1925 zurück; später wurde er verhaftet und verbannt. Nach der Beseitigung der Diktatur errang er 1927 in einem Wahlbündnis mit den Fortschrittlichen Liberalen unter Georgios Kafantaris 31,6% der Stimmen und war in der Regierung Alexandros Zaimis als Außenminister tätig (04.12.1926 - 27.06.1928). Seine auf Friedenssicherung durch zweiseitige Verträge gerichtete Politik ermöglichte einen Vertrag mit Rumänien und 1928 einen Freundschaftspakt mit Italien sowie die Bereinigung des griechisch-jugoslawischen Verhältnisses. Am 6. Juli 1929 berief ihn Venizelos, der ihn offensichtlich als seinen Nachfolger in der Führung des liberalen Lagers wünschte, zum Vizepremier und Außenminister. Bis zum 21. Mai 1932 sowie vom 6. Juni bis 25. September 1932 und vom 16. Januar bis 6. März 1933 behielt er dieses Ressort, verlor aber seine Wähler 1932 bis auf 0,98% (1933: 0,85%) an die Mehrheitsliberalen. Mit Venizelos führte er den Abschluß des Freundschaftsvertrages mit Ankara 1930 herbei, der eine neue Epoche der griechisch-türkischen Beziehungen einleitete. Am 27. März 1933 wurde er ins Oberhaus gewählt. Den Putsch republikanischer Offiziere 1935 verurteilte er ebenso scharf wie die gewaltsame Restitution des Königtums, setzte sich aber nach der Rückkehr Georgs II. für die endgültige Beilegung des Streits um die Staatsform ein. Zwischen seinen Entscheidungen gegen Konstantin I. 1917, für Georg II. 1923/24, für die Republik 1924 ff. und für die Anerkennung des fait accompli 1935 besteht ein Zusammenhang: M. wandte sich gegen die verfassungswidrige Intervention des Konstantin in die Regierungsgeschäfte, nicht gegen die Institution des Königtums überhaupt; er war ebensowenig begeisterter Royalist wie Republikaner, sondern lediglich ein Gegner der Kontinuitätsbrüche und Änderungen der Staatsform zum Nachteil der Stabilität des parlamentarischen Regierungssystems. Die Diktatur des Ioannis Metaxas (ab 04.08.1936) lehnte er kompromißlos ab: Mitte 1937 stand er in Verbindung mit dem Kommandeur der 12. Division, Generalleutnant Ioannis Tsangaridis, und dem Inspekteur der Artillerie, Generalleutnant Konstantinos Matalas, die das Regime stürzen wollten. Georg II. stellte mit ihm einen Kontakt her, um die Absetzung des Metaxas vorzubereiten. Dieser ließ jedoch den schwer erkrankten M. am 10. Februar 1938 verhaften und ohne ärztliche Hilfe nach Paros verbannen. Zu spät erlaubte das Regime seine Überführung in ein Athener Krankenhaus, wo er bald verschied.

Literatur

Gatopulos, G.: Andreas Michalakopulos (1875-1938). I viografia ke to ergon tu. Athen 1947.
Michalakopulos, Andreas: Logi kinovuleftiki. 3 Bde. Athen 1962/67.

Verfasser

Gunnar Hering (GND: 1078119694)

GND: 139673199


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Empfohlene Zitierweise: Gunnar Hering, Michalakopulos, Andreas, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 3. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1979, S. 190-191 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1355, abgerufen am: (Abrufdatum)

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