Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Skanderbeg

Skanderbeg (eigentlich Georg [Gjergj] Kastriota, albanischer Feldherr und Nationalheld, * 1405, † Alessio (Lezha) 17.01.1468.

Leben

Die Familie Kastriota stammte aus dem Gebiet des heutigen Nordost-Albanien, ihre albanische oder serbische Herkunft ist umstritten, was bei der albanisch-serbischen Symbiose gerade in diesem Gebiet im Mittelalter nicht verwundert. S.s Großvater Paul (Pal) war ein kleiner Feudalherr, der zwei Dörfer im Gebiet von Dibra besaß. S.s Vater Johann (Gjon, in den Quellen auch Ivan Kastriota) begab sich unter osmanische Oberhoheit, brach aber, als nach der Schlacht von Ankara (1402) die Autorität des Sultans geschwächt war, das Abhängigkeitsverhältnis. Er erweiterte seine Herrschaft in Dibra und dehnte sie auf Mati aus, wo sich sein Territorium bald bis zur Adria erstreckte. Er suchte Anlehnung an Venedig, mußte 1410 aber auf erneuten osmanischen Druck hin wieder die Oberhoheit des Sultans anerkennen. Als Garantie für sein Wohlverhalten mußte er zunächst seinen Zweitältesten Sohn Stanisha und 1423 auch noch S. samt einem weiteren Sohn namens Konstantin an den Sultanshof nach Adrianopel schicken. S. erhielt dort als Sohn eines Vasallenfürsten die Stellung eines Pagen (İç oğlan), wurde militärisch ausgebildet und nahm den Islam sowie den Namen Iskender (Alexander) an. Er nahm an militärischen Unternehmungen der Türken auch gegen christliche Herrschaften teil, wofür sich sein Vater 1428 beim venezianischen Senat entschuldigen mußte. Bei diesen Feldzügen muß er sich ausgezeichnet haben, denn er bekam den Bey-Titel verliehen (daher Skander (Iskender-)beg) und genoß nach der Schilderung seines Biographen Barletius das besondere Vertrauen Murads II. 1438 wurde er zum Militärbefehlshaber von Kruja ernannt. Von Kruja aus nahm er über seinen Vater Verbindungen zu Venedig und Ragusa auf. 1440 wurde er als Sandschakbey nach Dibra berufen; im gleichen Jahre starb auch sein Vater. Dies und die Erfolge, die die Ungarn unter Johann Hunyadi gegen die Türken erzielten, dürften in ihm den Vorsatz erweckt haben, sich der verwaisten väterlichen Herrschaft zu bemächtigen. Eine günstige Gelegenheit dafür bot sich im November 1443, als sich die Türken bei Niš überstürzt vor den Ungarn zurückziehen mußten. S., der als Sandschakbey an den Kämpfen teilgenommen hatte, gelang es in der allgemeinen Verwirrung, zusammen mit seinem Neffen Hamza und angeblich 300 albanischen Reitern das türkische Hauptheer zu verlassen und nach Dibra zu entkommen. Von dort zog er nach Kruja und setzte sich mit Hilfe einer List in den Besitz der Festung. Das war das Signal für den albanischen Aufstand: Innerhalb weniger Tage brachte S. seine väterliche Herrschaft wieder unter Kontrolle und nahm auch Kontakte zu Verwandten und benachbarten Adelsgeschlechtern auf. Die wichtigsten im Gebiet gelegenen Festungen, wie Petrela und Svetigrad (Dibra), wurden den Albanern von den Türken kampflos übergeben. Zur gleichen Zeit betrieb S. Heiratspolitik: Er vermählte sich mit Andronika, der Tochter Gjergj Arianitis, und verschwägerte sich mit der Familie Thopia, indem er Karl Musachi Thopia veranlaßte, sich von seiner Frau Serafina zu trennen und seine eigene (S.s) Schwester Mamica zu heiraten (1444). Damit hatte er seine Stellung weitgehend gefestigt und berief, um den zu erwartenden türkischen Angriffen eine einheitliche albanische Front entgegenzustellen, eine albanische Adelsversammlung in das venezianische Alessio, die am 2. März 1444 zum ersten Male zusammentrat. Auf dieser Versammlung, an der Vertreter nahezu sämtlicher albanischer Adelsfamilien teilnahmen, beschloß man zur Abwehr der Türkengefahr eine gemeinsame Armee aufzustellen, deren Oberbefehl S. übernehmen sollte. S. wurde in Alessio also nicht zum Fürsten von Albanien berufen, wie oft behauptet wird, er war als militärischer Oberbefehlshaber nur „primus inter pares“.
Schon bald nach der Bildung der „Albanischen Liga“ wurden S. und seine aus etwa 15000 Mann bestehende Armee vor die erste Bewährungsprobe gestellt — eine weitaus stärkere türkische Truppenabteilung drang in das Land ein, konnte aber von den Albanern Ende Juni 1444 im Gebiet von Dibra (bei Torviolli) zurückgeschlagen werden. S. wandte dabei zum ersten Mal seine „Partisanentaktik“ an — Zurückweichen vor dem überlegenen Feind in unwegsames Gebiet, dessen Umzingelung und dann der Angriff aus gesicherten Positionen, die Vorteile des Geländes ausnutzend. Auch zwei weitere türkische Expeditionen nahmen einen negativen Ausgang: die erste wurde im Oktober 1445 auf der Mokra Hochebene, die zweite im September 1446 bei Dibra vernichtet. 1447 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen S. und Venedig, das ebenso wie die Osmanen sein Territorium immer weiter in das albanische Binnenland vorschob. Es ging dabei um die wichtige Zollstation Dagno (Danjë), die Lekë Zaharia gehörte, der Mitglied der Albanischen Liga war und 1445 von seinem Nachbarn Nikolla II. Dukagjini ermordet wurde. Sowohl S. als auch Venedig erhoben Anspruch auf Dagno und versuchten ihre Ansprüche, da eine gütliche Einigung nicht möglich war, mit Waffengewalt durchzusetzen. Der Krieg dauerte fast zwei Jahre und entwickelte sich für S. allmählich zu einem Kampf an zwei Fronten: 1448 war erneut eine türkische Armee in Albanien eingedrungen, die S. zwang, sich mit dem Hauptteil seiner Truppen dem neuen Feind zuzuwenden, dem er am 14. August 1448 bei Oranik (nördlich von Dibra) eine Niederlage beibrachte. Die Einnahme der wichtigen Grenzfestung Svetigrad (südlich Debar) konnte er indessen nicht verhindern. Auf jeden Fall hat der türkische Angriff S. in der Auffassung bestärkt, daß mit Venedig Frieden geschlossen werden mußte. Zu diesem Friedensschluß kam es am 4. Oktober 1448: S. verzichtete gegen die Zahlung einer jährlichen Pension von 1400 Golddukaten auf Dagno und Drivast. Daß er daran gut getan hatte, zeigte sich zwei Jahre später. Im Mai 1450 erschien Murad II. persönlich an der Spitze seiner Truppen vor Kruja und begann diese Hauptfestung S.s zu belagern. Er hatte mit diesem Unternehmen keinen Erfolg, vielmehr fügte S., der nur eine schwache Besatzung in Kruja zurückgelassen hatte und selbst mit der Hauptmasse seiner Truppen von den umliegenden Bergen aus operierte, den Türken schwere Verluste zu. Nach viereinhalbmonatiger Belagerung mußte sich Murad II. am 26. Oktober mit seiner Armee in Richtung Adrianopel zurückziehen, und S. zog im Triumph wieder in Kruja ein. Dieser Sieg erregte Aufmerksamkeit und Bewunderung im ganzen christlichen Europa. Papst Nikolaus V., König Ladislaus V. von Ungarn und König Alfons V. von Aragon-Neapel schickten Glückwunschgesandtschaften und boten S. ihre Hilfe für den Türkenkampf an. Mit Alfons V. schloß S. am 26. März 1451 in Gaeta ein Bündnis, das eine Art Vasallitätsverhältnis des Albaners begründete. Kruja bekam eine katalanische Garnison und wurde Sitz des aragonesischen Statthalters Ramon de Ortafa.
Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Türken (29.05.1453) wurde die Lage S.s kritisch. Es war klar, daß der neue Sultan Mehmed II. die Absicht hatte, die Eroberung Albaniens zu vollenden, um dann nach Italien vorzustoßen. S. bemühte sich deshalb bei den christlichen Mächten um finanzielle und militärische Unterstützung und erhielt sie auch von Neapel, der Kurie und Venedig zugesichert. Mit neapolitanischer Hilfe versuchte er Berat zurückzuerobern (1455), was aber nicht gelang. Zu den äußeren Schwierigkeiten kamen innere hinzu: S., der augenscheinlich seine Rolle als ,,primus inter pares“ verlassen und sich zum Herren über Albanien machen wollte, stieß auf den Widerstand des albanischen Adels: Nicht nur die Familien Dukagjin, Arianiti und Balsha, sondern auch bisher bewährte und vertraute Heerführer wie Moise Golemi und sein eigener Neffe Hamza wandten sich von ihm ab; letztere gingen sogar zeitweilig zu den Türken über. Trotzdem gelang es S., 1456 und 1457 zwei türkische Expeditionsheere zurückzuschlagen. In Europa war man darüber überrascht, und vor allem die Päpste begannen nach dem Tode Hunyadis in S. eine Hauptfigur in ihren Kreuzzugsplänen zu sehen. Das war bereits bei Kalixt III. der Fall, der S. als „Atleta Christi“ bezeichnete, mehr aber noch bei Pius II., der mit großer Energie Kreuzzugsvorbereitungen betrieb. Zunächst hatte S. jedoch seine Verpflichtungen aus dem Vertrag von Gaeta zu erfüllen: König Alfons V. war am 27. Juni 1458 gestorben, und sein Sohn und Nachfolger Ferdinand I. (Ferrante) befand sich in einer schwierigen Lage: eine Adelspartei versuchte, das Haus Anjou in Neapel an die Macht zu bringen. S. schloß mit den Türken für drei Jahre einen Waffenstillstand und begab sich mit einem ca. 2500 Mann starken Truppenkontingent nach Italien. Es gelang ihm, den Hauptgegner Ferdinands, Giovanni Antonio Orsini, Fürst von Taranto, bei Barletta und Trani zu schlagen. 1462 kehrte S. nach Albanien zurück, wo inzwischen trotz des Waffenstillstandes wieder die Türken eingefallen waren. Ein Teil seiner Leute blieb in Italien zurück und begründete dort unter der Leitung eines gewissen Demetrio Reres die ersten albanischen Kolonien. Nachdem S. noch 1462 drei türkische Militärexpeditionen zurückgeschlagen hatte, schloß er im April 1463 einen erneuten Waffenstillstand, diesmal für sechs Jahre. Von diesem Waffenstillstand wurde er durch Pius II. entbunden, der im November 1463 den lange vorbereiteten Kreuzzug für eröffnet erklärte. Der Tod des Papstes am 15. August 1464 machte dem Unternehmen indes ein rasches Ende. Die Folgen des Vertragsbruches hatte Albanien zu tragen: 1465 fanden unter dem Kommando von Balaban Pascha fünf türkische Einfälle in Albanien statt, die von S. zurückgeschlagen wurden. 1466 kam Sultan Mehmed II. selbst mit einer starken Armee, angeblich 150000 Mann, nach Albanien und belagerte Kruja, was er nach zwei erfolglosen Monaten Balaban Pascha überließ; zuvor gab er noch den Befehl zum Bau einer neuen Festung in Mittelalbanien, der er den Namen Elbasan (arab. ,Zwingburg‘) gab. Auch S. verließ das Schlachtfeld und begab sich nach Italien, um in Rom und Neapel um verstärkte Hilfe zu bitten. Im April 1467 kehrte er gerade noch rechtzeitig nach Albanien zurück, um einen erneuten Angriff Balaban Paschas zurückzuschlagen. Balaban Pascha fand vor den Mauern Krujas den Tod. Im Juli 1467 kam Mehmed II. selbst mit der gesamten türkischen Armee nach Albanien. Es kam zur dritten Belagerung Krujas. S. bat Venedig um Hilfe und berief für den Januar 1468 eine neue albanische Adelsversammlung nach Alessio ein. Noch vor deren Zusammentreten starb er am 17. Januar 1468.
S.s Kampf gegen die türkischen Eroberer fand ein weites Echo in der europäischen Öffentlichkeit, wovon nicht zuletzt die Übersetzungen seiner Biographie, die Marinus Barletius verfaßte, in fast alle europäischen Sprachen zeugen. Für die Albaner ist er eine nationale Symbolfigur, die in der Rilindja-Literatur des 19. Jh.s immer wieder zitiert wurde, um die historische Berechtigung für die Errichtung eines albanischen Nationalstaates nachzuweisen.

Literatur

Barletius, Marinus: De vita moribus ac rebus praecipue adversus Turcas, gestis, Georgii Castrioti... Argentorati [Straßburg] 1537.
Petrovitch, Georges: Scanderbeg (Georges Castriota). Essai de bibliographie raisonnée. München 1967 (Nachdruck der 1881 in Paris erschienenen Ausgabe mit Vorwort von Franz Babinger).
Radonić, Jovan: Djuradj Kastriot Skenderbeg i Arbanija u XV veku. Beograd 1942.
Noli, Stylian Fan: Georges Castrioti Scanderbeg (1405-1468). New York 1947.
Frashëri, Kristo: Georges Kastriote-Skanderbeg, heros national des Albanais (1405-1468). Tirana 1962.
Valentini, Giuseppe (Hrsg.): Acta Albaniae Veneta. Bd. 1-24. Palermo, Mailand, München 1967-1977.

Verfasser

Peter Bartl (GND: 133417492)

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Empfohlene Zitierweise: Peter Bartl, Skanderbeg, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 134-137 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1659, abgerufen am: (Abrufdatum)

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