Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Omurtag

Omurtag, bulgarischer Khan 816-831, † 831, Sohn von Khan Krum.

Leben

Nach dem plötzlichen Tod Krums 814 bestieg zunächst dessen ältester Sohn Dukum den Thron. Als jedoch Dukum bald darauf starb, folgte ihm sein Bruder Dicevg, der in dem sich ausbreitenden Christentum eine große Gefahr für den Staat sah. So ließ er die einflußreichsten Christen, meist byzantinische Gefangene, wie den Bischof Manuel von Adrianopolis, hinrichten. Schließlich erblindete Dicevg und wurde ermordet. Unter O., dem dritten Sohn Krums, konnte die Entwicklung des frühen bulgarisch-slawischen Staatsverbandes mit bulgarischen Vornehmen in den einflußreichen Ämtern wieder zielgerichtet weitergeführt werden. O. beendete die jahrelangen kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Byzantinern und führte die Christenverfolgung seines Bruders Dicevg fort, wohinter sich bei ihm in gewissem Sinne eine antislawische Haltung verbarg. In erster Linie hatten sich nämlich Slawen von den byzantinischen Gefangenen, die durch Krums Siegeszüge nach Bulgarien gekommen waren, zum Christentum bekehren lassen. Die Ausrottung der byzantinischen christlichen Gefangenen war für Kaiser Leon V. der Anlaß, mit Bulgarien Frieden zu schließen. O. erklärte sofort seine Bereitschaft, da der bulgarisch-slawische Staatsverband durch die zahlreichen Kriege Krums geschwächt war. So leitete O. seine Regierungszeit mit einem auf dreißig Jahre befristeten Friedensvertrag mit den byzantinischen Erbfeinden ein. Die Vertragsunterschrift war mit einem beiderseitigen Schwur verbunden: Kaiser Leon V. schwor auf das Schwert und den Pferdeschweif als die bulgarische Fahne und opferte den bulgarischen Göttern Hunde als Sinnbilder der Treue. O. hingegen schwor auf die christliche Bibel. Der Friedens vertrag sah im einzelnen vor: 1. Die Grenze zwischen Bulgarien und Byzanz wurde nach den Bestimmungen des Friedensvertrages von 716 zwischen Tervel und Theodosios III. bestätigt. Während die Bulgaren einige unter Krum eroberte Gebiete zurückgeben mußten, verblieben ihnen größere Teile Südbulgariens. 2. Der Kaiser sollte alle aus den Bulgarien angeschlossenen Gebieten ausgewanderten, nun aber unter seiner Herrschaft im Gebirge lebenden Slawen ausliefern. 3. Der gegenseitige Austausch der Gefangenen wurde vereinbart. Die gewöhnlichen Soldaten sollten Mann gegen Mann ausgetauscht werden, für einen Offizier waren mehrere Leute aus dem Volk zu stellen und ein Gefangener in einer Festung sollte einem Gegenwert von zwei Ochsen entsprechen. 4. Schließlich regelte der Vertrag die Behandlung der politischen Flüchtlinge. O. ließ den Text in griechischer Sprache in eine Marmorsäule meißeln, die in Pliska aufgestellt wurde. Trotz der grundsätzlichen feindseligen Haltung gegenüber Byzanz hielt er die Vertragsbestimmungen im allgemeinen ein. Allein die Gefangenen in den Gebieten jenseits der Donau schickte er nicht zurück. Die Geschichtsquellen überliefern, daß der für beide Staaten so bedeutende Vertrag beim Amtsantritt des Kaisers Theophilos 829 bestätigt wurde. Die nachbarlichen Beziehungen gingen in der Folge sogar so weit, daß O. den Byzantinern in einer drohenden Gefahr zu Hilfe kam. Unter Kaiser Michael II. (820-829) setzte sich Thomas, ein kleinasiatischer Slawe, an die Spitze einer aufrührerischen Bewegung, die ihres Sozialrevolutionären Charakters wegen zahlreiche Anhänger fand. Thomas gelang es schließlich, die byzantinische Hauptstadt vom Wasser und Land her einzuschließen. O. zog 823 jedoch mit einem größeren Heer nach Thrakien und stellte sich Thomas entgegen, der eine schwere Niederlage erlitt, worauf sich die Bewegung zerschlug. Im Nordwesten des bulgarischen Reiches sagten sich mehrere slawische Stämme (Timočanen, Abodriten, Braničevcen), die an der Theiß und der Save siedelten, von O.s Herrschaft los und stellten sich unter den Schutz des karolingischen Kaisers Ludwig I. des Frommen.  O. wollte die Stämme auf friedlichem Weg zurückgewinnen und schickte mehrere Male Abgesandte zu Ludwig, um mit ihm die Grenze zwischen Bulgarien und dem Frankenreich festzulegen. Der fränkische Geschichtsschreiber Einhard überlieferte Einzelheiten der Verhandlungen, die von Ludwig hinausgezögert wurden. Endlich gelang eine Einigung, wobei Bulgarien neben der Zurückgewinnung der abgefallenen Stämme noch das Gebiet von Srem zwischen Donau und Save erhielt. Im Nordosten mußte O. die eindringenden Ungarn abwehren, die er bis zum Dnjepr zurücktrieb. Nähere Einzelheiten darüber verschweigen die Quellen. Auffallend ist O.s Bautätigkeit, die im Zusammenhang mit dem wachsenden Ansehen Bulgariens gesehen werden muß. O. ließ das 811 von Kaiser Nikephoros I. niedergebrannte Pliska wiederaufbauen. Errichtet wurden hier vor allem ein neuer Palast und ein großer Tempel, deren Überreste noch heute erhalten sind. Ferner ließ der Khan Paläste am Timok und an der Donau erbauen. Die wichtigsten geschichtlichen Ereignisse seiner Regierungszeit wurden in Inschriften auf Säulen festgehalten. O. war es gelungen, einen langjährigen Frieden mit dem byzantinischen Reich zu schließen, die bulgarische Macht im Nordwesten des Reiches auszubauen und eine weitere innere Konsolidierung des Landes, in dem Bulgaren und Slawen als die beiden bedeutendsten ethnischen Gruppen zusammenlebten, herbeizuführen.

Literatur

Zlatarski: Bd 1, 292-331.
Nikov, Petŭr: Chan Omurtag i kavchan Isbul. In: Bŭlg. Ist. Bibl. 4 (1931) 1, 1-15.
Beševliev, Veselin: Koj e bil naslednikŭt na Kruma? In: God. Sof. Univ., filos.-ist. Fak. 32 (1936) 9, 1-19.
Burmov, Aleksandŭr K.: Kŭm vŭprosa za otnošenijata meždu slavjani i prabŭlgari prez 7-9 v. In: Ist. Pregled 10 (1954) 1, 69-94.
Gjuzelev, Vasil: Bavarskijat geograf i njakoi vŭprosi na bŭlgarskata istorija ot pŭrvata polovina na IX vek. In: God. Sof. Univ., filos.-ist. Fak. 58 (1964) 3, 279-296.
Beševliev, Veselin: Chan Omurtag. In: Beležiti bŭlgari. Bd 1. Sofija 1967, 65-82.
Tivčev, Petŭr: Buntŭt na Toma Slavjanina i namesata na bŭlgarskija chan Omurtag. In: Ist. Pregled 25 (1969) 5, 68-76.

Verfasser

Detlef Kulman (GND: 128703393)

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Empfohlene Zitierweise: Detlef Kulman, Omurtag, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 3. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1979, S. 352-354 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1475, abgerufen am: (Abrufdatum)

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