Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Manuel I. Komnenos

Manuel I. Komnenos, byzantinischer Kaiser 1143-1180, * Konstantinopel 1123 (?), † ebd. 24.09.1180 (als Mönch Matthaios).

Leben

Als jüngster Sohn Kaiser Johannes’ II. Komnenos und seiner Gemahlin Irene, der ehemaligen ungarischen Prinzessin Piroska, war M. väterlicherseits ein Enkel Kaiser Alexios I. Komnenos und mütterlicherseits des ungarischen Königs Ladislaus I. des Heiligen. Von seinem am 8. April 1143 im Feldlager vor Antiocheia gestorbenen Vater zum Nachfolger bestimmt, mußte M. seine Herrschaft zunächst in Kostantinopel festigen, da auch sein älterer Bruder Isaak Anspruch auf sie erhob. Wenige Monate später (August/September) erfolgte aber dann die Krönung M.s, der einer der faszinierendsten byzantinischen Herrscher werden sollte. Anfang 1146 heiratete er Berta von Sulzbach, die Schwägerin des mit ihm verbündeten deutschen Königs Konrad III., der schon 1147 ebenso wie Ludwig VII. von Frankreich an der Spitze eines Kreuzfahrerheeres (2. Kreuzzug) M.s Reich durchzog, wobei der Ausbruch größerer Feindseligkeiten gerade noch verhindert werden konnte. Nach der Rückkehr Konrads aus Palästina Ende 1148 vereinbarten er und M. erneut ein Bündnis gegen die Normannen, die unter Ausnutzung der Kreuzzugsschwierigkeiten 1147 einen Raubzug durch Griechenland unternommen (Plünderung Thebens und Korinths, Verschleppung der dortigen Seidenweber nach Palermo) und Korfu erobert hatten. M. gewann gegen die Normannen zunächst auch Venedig, das 1147/48 für seine Hilfe ein neues Handelsprivileg erhielt. So konnte 1149 Korfu zurückerobert werden, doch ein im selben Jahr unternommener Versuch, in Italien Truppen zu landen, schlug fehl, und auch Konrad gelang es aufgrund der diplomatischen Schachzüge des Normannenkönigs Roger II. vor seinem Tod nicht mehr, gegen die Normannen zu ziehen. Erst 1155 - nachdem 1154 auch Roger II. gestorben war - konnten die Byzantiner vorübergehend das Gebiet von Ancona bis Tarent unter ihre Kontrolle bringen. Dieser an Justinian I. gemahnende Versuch einer byzantinischen Reconquista in Italien führte zum Konflikt mit Konrads Nachfolger Friedrich I. Barbarossa, der seinen eigenen imperialen Herrschaftsanspruch in Italien gefährdet sah. 1156 unterlagen die Byzantiner jedoch den Normannen bei Brindisi, was 1158 zu einem Frieden mit dem Normannenkönig Wilhelm I. führte und den byzantinischen Rückzug aus Italien erzwang, auch wenn M. den Versuch nicht aufgab, mit Hilfe Papst Alexanders III., der lombardischen Städte und einzelner Gegner Friedrichs, die verlorenen Positionen wiederzugewinnen. Die in diesem Zusammenhang gelegentlich noch vertretene Ansicht, M. habe sogar eine Krönung durch den Papst angestrebt, verkennt, daß es M. nur um die päpstliche Anerkennung seiner alleinigen Kaiserwürde ging und nicht etwa um eine neue Krönung. Seit 1149 operierten byzantinische Truppen, auch unter M.s direktem Kommando, wiederholt auf dem Balkan, besonders in der Save-Donauregion. Ursache der Kämpfe war vor allem die Tatsache, daß es Roger II. gelungen war, Ungarn und Serbien in seine antibyzantinische Koalition einzubeziehen, aber auch, daß die häufigen Machtkämpfe in beiden Ländern Byzanz oft genug zu einer von dem Ziel der direkten oder indirekten Herrschaftsausübung oder territorialer Expansion bestimmten Einmischung in ihre Angelegenheiten herausforderten. (Daß weitere Staaten in diese Auseinandersetzungen hineingezogen wurden, zeigt die Unterstützung des russischen Fürsten Jurij Dolgorukij durch M. gegen den Exponenten Ungarns Izjaslav II.). Ungarn und Byzanz konnten ihre Positionen jedoch behaupten, so daß ein Friedensschluß 1155 diese Kriegsphase beendete. Erst nach dem Tod des ungarischen Königs Géza II. (1162) versuchte M. dann jeweils ohne Erfolg die Brüder Gézas, Ladislaus II. (1162/3) und Stephan IV. (1163), gegen Gézas Sohn Stephan III. (1162-72) als ungarische Könige zu installieren. 1163 einigte sich M. daher mit Stephan III. und erhielt dessen Bruder Béla als Geisel. Dieser sollte mit M.s Tochter Maria verheiratet werden und war als byzantinischer Thronerbe (der den neugeschaffenen Titel „Despotes“ erhielt) ausersehen, da M. keinen eigenen Sohn hatte. Von Ungarn sollte Béla hierfür sein väterliches Erbe, das dalmatinisch-kroatische Fürstentum, erhalten, worüber es schon 1164 wieder zu Kämpfen und Verhandlungen kam, die 1167 mit einem großen Sieg der Byzantiner über Ungarn endeten und ihnen die Herrschaft über das dalmatinisch-kroatische Thema (Bélas Erbe), nebenbei auch über Bosnien und Albanien, sicherten. Aus seiner hohen Stellung wurde Béla jedoch verdrängt, als M., nach dem Tode Bertas 1159 seit 1161 in zweiter Ehe mit Maria von Châtillon aus Antiocheia verheiratet, 1169 doch ein Sohn, Alexios, geboren wurde (Mitkaiser seit 1172). Nach der Lösung seiner Verlobung mit Maria heiratete Béla M.s Schwägerin Anna von Châtillon und blieb so auch als ungarischer König (seit 1172) M. freundschaftlich verbunden. Ein Beweis des starken byzantinischen Einflusses im Ungarn Bélas III. ist u. a. das wohl für Anna in Ungarn hergestellte Frauendiadem, das den unteren Teil der „Stephanskrone“, die „corona graeca“, bildet. Während es M. nicht gelang, Ungarn in direkte Abhängigkeit zu bringen, ist ihm dies im Fall Serbiens weitgehend geglückt. So mußte sich 1150 (und 1151) der Großžupan Uroš II. unterwerfen, ebenso seine schwächeren Nachfolger Primislav, Beluš, Tihomir und Desa, die zum Teil von M. selbst eingesetzt wurden. Auch Stefan Nemanja, seit 1166 Großžupan, gelang es weder um 1168 (Besetzung Kotors) noch 1172, gegen die byzantinische Übermacht die Unabhängigkeit zu erkämpfen. Nach seiner letzten Niederlage wurde er als gefangener Vasall in M.s Triumphzug durch Konstantinopel mitgeführt: nicht die einzige Szene aus M.s Regierungszeit, die sich in Rhetorik und darstellender Kunst niederschlug! Somit gehörte der Balkan zu den Gebieten, wo M. schließlich eine gewisse Stabilisierung der Herrschaft gelang. Auch im Osten war M. längere Zeit erfolgreich (1158 Unterwerfung der kilikischen Armenier, 1159 triumphaler Einzug in Antiocheia, Waffenstillstand mit Nur-ad-Din von Aleppo, Heiratsbündnisse mit den Königen von Jerusalem), doch brach das von ihm dort geschaffene Mächtegleichgewicht nach der Niederlage gegen die Seldschuken bei Myriokephalon 1176 zusammen und führte zum Verlust großer Teile Anatoliens. M.s besonderes Interesse galt der Theologie - die monumentale Steininschrift seines Synodaledikts von 1166 zur christologischen Kontroverse über die Vater-Sohn-Relation wurde 1959 in der Türbe Süleymans I. wiederentdeckt - und, oftmals kritisiert, der Astrologie. Luxuriöse Prachtentfaltung seines westlich orientierten Hofes (sie zeigt sich z. B. in M.s neuem Palast im Blachernenviertel und in den Reiterturnieren) und eine rege kulturelle Aktivität sind ebenso Kennzeichen seiner Zeit wie die starke Stellung der Lateiner, die mitunter (so die Pisaner Leo Tuscus und Hugo Et(h)erianus) zu den Beratern M.s gehörten. Die Lateiner weckten freilich in zunehmendem Maße Ressentiments und wirkten auf nur wenige Mitglieder der byzantinischen Bildungselite kulturell anregend. Der Versuch M.s, sich der wirtschaftlichen Abhängigkeit von Venedig durch die Verhaftung aller Venezianer im Reich und die Konfiszierung ihres Vermögens am 12. März 1171 zu entziehen, hemmte Venedig nur für einige Jahre: überdies hatte M. nicht nur erstmalig Genua (1169), sondern auch Pisa erneut (1170) privilegiert. Nicht zuletzt durch das weitgespannte militärische und diplomatische Engagement M.s war die wirtschaftliche Lage des Reiches äußerst angespannt, was er durch eine aktive Ansiedlungspolitik, Anwendung der Pronoia-Vergabe und Maßnahmen gegen die Ausweitung weltlichen und kirchlichen Grundbesitzes auszugleichen versuchte. Obwohl die Probleme, vor die sich M. gestellt sah, in mancher Hinsicht denen seiner Vorgänger glichen, sprengten die zu ihrer Lösung von ihm gesuchten Methoden und seine Vorstellung häufig den von Alexios I. und Johannes II. gesteckten Rahmen. Insgesamt jedoch erscheint die Ära seiner Regierung mit ihren Erfolgen und Rückschlägen vor dem Hintergrund der Entwicklung bis 1204 nur bedingt als ein letzter Höhepunkt imperialer Großmachtstellung des byzantinischen Reiches.

Literatur

Chalandon, Ferdinand: Les Comnène. Études sur l’empire byzantin au XIe et au XIIe siècles. Bd 2. Jean II Comnène (1118-1134) et Manuel I. Comnène (1143-1180). Paris 1912.
Beck: S 622.
Mango, Cyril: The Conciliar Edict of 1166. In: Dumbarton Oaks Papers 17 (1963) 315-330.
Hohlweg, Armin: Beiträge zur Verwaltungsgeschichte des Oströmischen Reiches unter den Komnenen. München 1965.
Svoronos, Nicolas: Les privilèges de l’église à l’époque des Comnènes: un rescrit inédit de Manuel Ier Comnène. In: Travaux et Mémoires I (1965) 325-391.
Classen, Peter: La politica di Manuele Comneno tra Federico Barbarossa e le città italiane. In: Popolo e Stato in Italia nell’ età di Federico Barbarossa. Torino 1968, 263-279.
Ferluga, Jadran: La Dalmazia fra Bisanzio, Venezia e l’Ungheria ai tempi di Manuele Comneno. In: Studi Veneziani 12 (1970) 63-83.
Moravcsik, Gyula: Byzantium and the Magyars. Budapest 1970.
Lamma, Paolo: Byzanz kehrt nach Italien zurück. In: Beiträge zur Geschichte Italiens im 12. Jh. (= Vorträge und Forschungen, Sonderband 9). Sigmaringen 1971, 37-51.
Schreiner, Peter: Der Dux von Dalmatien und die Belagerung Anconas im Jahre 1173. Zur Italien- und Balkanpolitik Manuels I. In: Byzantion 41 (1971) 285-311.
Vizantijski izvori za istorija naroda Jugoslavije. Bd 4. Beograd 1971 (mit Bibliographie).

Verfasser

Günter Prinzing (GND: 1062916441)


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