Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Köprülüler

Köprülüler, osmanische Familie albanischen Ursprungs, aus der im 17. und 18. Jh. fünf Großwesire und bis in die Gegenwart Staatsmänner und Gelehrte hervorgingen. Als ihr Herkunftsort gilt das Dorf Rozhnik nordöstlich Berat, der Familienname wird von Köprü nordwestlich Amasya (Anatolien) abgeleitet, das durch den Aufenthalt von Köprülü Mehmed Pascha den Namen Vezirköprü(sü) erhielt.

Leben

Köprülü Mehmed Pascha, * 1575/1583, † Edirne 31.10. 1661, gelangte in jungen Jahren nach Istanbul und war zunächst in der kaiserlichen Küche und im Schatz beschäftigt. Als Lehnsinhaber in Anatolien heiratete er in Köprü Ayşe Hamm, die Tochter des dortigen Verwaltungsbeamten Voyvoda Yusuf Ağa, und war 1634/35 Sandschakbey von Amasya, später nacheinander Beylerbey von Trapezunt, Damaskus und Karaman. Bereits 1651 wurde er dem jungen Herrscher Mehmed IV. als Großwesir empfohlen, konnte sich jedoch nur eine Woche als Wesir der Kuppel (Mitglied des Staatsrates) halten und wurde dann als Sandschakbey nach Kjustendil verbannt. In den folgenden Jahren weilte er meist in Köprü, während das Reich infolge von Palastintrigen, inneren Unruhen und dem Krieg mit Venedig zunehmend verfiel. Als man 1656 erneut an ihn herantrat, machte er unumschränkte Befehlsgewalt, freie Stellenbesetzung und Schutz vor Verleumdung beim Herrscher zur Bedingung und erhielt das Amt des Großwesirs auf dieser Grundlage am Zunächst festigte er durch rücksichtsloses Durchgreifen seine Stellung und brachte die Finanzen in Ordnung. 1657 gelang ihm die Rückeroberung der von den Venezianern eingenommenen Inseln Tenedos und Limnos; zum Schutz der Dardanellen ließ er zusätzlich die Festungen Seddülbahir und Kumkale auf beiden Seiten der Einfahrt errichten. Im folgenden Jahr zog er gegen Georg II. Rákóczy von Siebenbürgen, der sich gegen den Wunsch der Pforte mit Schweden verbündet hatte. Am 1. September 1658 kapitulierte die Festung Yanova (Jenő), und durch die Eroberung von Großwardein am 27. August 1660 wurde die osmanische Position weiter gestärkt. 1658/59 gelang Mehmed Pascha die Niederwerfung einer allgemeinen Aufstandsbewegung in Anatolien unter Ahaza Kara Hasan Pascha.  In Bursa empfing er im August 1659 den österreichischen Gesandten August von Mayern, der sich vergeblich für Georg Rákóczy zu verwenden suchte. Nach einer langen Kette von Amtsenthebungen und Hinrichtungen in Anatolien hielt sich Mehmed Pascha noch längere Zeit zusammen mit dem Sultan in Edirne auf und kehrte erst im Herbst 1660 nach Istanbul zurück. Ab Juli 1661 wieder in Edirne, ließ er sich in den letzten Wochen vor seinem Tode von seinem Sohn Fazil Ahmed Pascha vertreten. Mehmed Pascha war ungebildet und genoß neben dem Ruf völliger Unbestechlichkeit auch den maßloser Grausamkeit. Die Zahl der 1656-1661 Hingerichteten wird auf 36 000 geschätzt; unter ihnen war 1657 auch der Patriarch Parthenios III. Die Tatsache, daß sein Grabmal in Istanbul nur von einem Eisengitter überdacht ist, gab zu der Legende Anlaß, der Regen solle seinen Schatten kühlen, während er im Höllenfeuer brate. In der bulgarischen Überlieferung wird sein Name mit der zwangsweisen Islamisierung christlicher Gebiete in den Rhodopen (1657, 1661, 1670) verbunden. Köprülüzade Fazil Ahmed Pascha, * Vezirköprü 1635, † Karabiber bei Çorlu 3.11.1676, ältester Sohn von Köprülü Mehmed Pascha. Fazil Ahmed Pascha erhielt eine sorgfältige theologische Ausbildung und wurde 1657 Lehrer an der Medresse Mehmeds des Eroberers in Istanbul. 1659 veranlaßte ihn sein Vater, aus dem geistlichen Stand auszuscheiden, und entsandte ihn als Statthalter zuerst nach Erzurum und dann nach Damaskus und Aleppo. 1661 erlangte Mehmed Pascha vom Sultan das Versprechen, seinen Sohn nach seinem Tode zum Großwesir zu berufen, und machte ihn zu seinem Vertreter in Istanbul und schließlich in Edirne. Am 31. Oktober 1661 trat Fazil Ahmed Pascha wie vorgesehen die Nachfolge seines Vaters an. Nach der raschen Niederschlagung eines Aufstandes in Anatolien bereitete er scheinbar einen Feldzug nach Dalmatien gegen Venedig vor, wandte sich aber im April 1663 gegen Österreich. Neuhäusel (Nové Zámky) mußte am 13. September kapitulieren, danach wurde auch Nógrád erobert. Verhandlungen mit dem österreichischen Gesandten Simon Reuiger führten am 10. August 1664 zu dem für die Osmanen recht günstigen Frieden von Eisenburg (Vasvár), an dem auch der glänzende Sieg des Grafen Montecuccoli beim Kloster St. Gotthard an der Raab (1.08.) nichts ändern konnte. 1666 übernahm Fazil Ahmed Pascha die persönliche Leitung der Kämpfe auf Kreta und traf im November auf der Insel ein. Am 27. September 1669 mußte Kandia nach mehr als zweijähriger Belagerung übergeben werden. Der gleichzeitige Friedensschluß mit Venedig nach vierundzwanzigjährigem Krieg ließ der Republik auf Kreta nur die drei Burgen Souda, Gramvousa und Spinalonga; andererseits behielt sie in Dalmatien Klis, das ab 1537 Sitz eines Sandschakbey gewesen war. Klagen des Kosakenhetman Dorošenko, der dem polnischen König ergeben gewesen war, sich dann aber unter osmanischen Schutz begeben hatte, veranlaßten den Pascha 1672 zu einem Feldzug gegen Polen, an dem auch Sultan Mehmed IV. teilnahm. Am 27. August fiel Kamieniec Podolski, und der Friede von Buczacz (17.10.1672) überließ Podolien den Osmanen. Ein neuer Kriegsausbruch und die Kämpfe um Chotin 1673/74 änderten daran nichts; der Friedensschluß von Žuravno (27.10.1676) bestätigte die Abmachungen von 1672. Wegen seiner angegriffenen Gesundheit, die durch übermäßigen Alkoholgenuß noch weiter geschwächt worden war, hatte Fazil Ahmed Pascha das Heer im Oktober 1674 verlassen und war nach Edirne und dann Istanbul zurückgekehrt. Als Mehmed IV. im Oktober 1676 von dort nach Edirne aufbrach, schloß er sich ihm an, starb aber unterwegs auf seinem Landgut. Köprülüzade Fazil Mustafa Pascha, * Vezirköprü 1637, † Slankamen 20.08.1691, jüngerer Bruder des vorigen. Fazil Mustafa Pascha erhielt ebenfalls eine gute theologische Ausbildung und hielt sich dann meist im Gefolge seines Bruders auf. 1680 wurde er durch Empfehlung seines Schwagers, des Großwesirs Merzifonlu Kara Mustafa Pascha (1676-1683), in den
 Wesirsrang erhoben. Unter Großwesir Siyavüş Pascha (1687-1688; Sklave und Schwiegersohn von Köprülü Mehmed Pascha) spielte er eine entscheidende Rolle bei der Thronenthebung Mehmeds IV. und der Einsetzung von Süleyman II. (8.10. 1687). Durch den Zusammenbruch der osmanischen Macht auf dem Balkan und den Verlust der Morea von den Ulema beim Sultan ins Gespräch gebracht, wurde er am 25. Oktober 1689 zum Großwesir ernannt. Fazil Mustafa Pascha begann seine Amtsführung mit der Abschaffung einiger neu- eingeführter Steuern, die vor allem die christlichen Untertanen beunruhigt hatten, und mit einer Neuordnung der Janitschareneinheiten. Der Vormarsch in Serbien 1690 war von Erfolg gekrönt; nach Niš (9. IX.) und Smederevo (29.09.) fiel auch Belgrad wieder in türkische Hand (14.10.1690). Auf dem Rückweg nach Istanbul bemühte sich der Großwesir, die Lage der Bewohner in den zurückeroberten Gebieten zu erleichtern. Kurz nachdem Fazil Mustafa Pascha im Mai 1691 erneut zum Feldzug gegen Österreich aufgebrochen war, starb Sultan Süleyman II. (22.06.1691), aber sein Nachfolger Ahmed II. bestätigte ihn in seinem Amt. Er fiel in der Schlacht bei Slankamen, als er dem „Türkenlouis“ Markgraf Ludwig von Baden gegenüberstand, doch wurde seine Leiche später nicht gefunden. Am(u)cazade Hüseyn Pascha, * um 1644, † Bigados bei Silivri 22.09.1702, Sohn von Hasan Ağa, dem jüngeren Bruder von Köprülü Mehmed Pascha, woraus sich sein Beiname „Sohn des Onkels väterlicherseits“ (im Verhältnis zu Fazil Ahmed und Fazil Mustafa Pascha) erklärt. Uber die ersten Jahrzehnte seines Lebens ist wenig bekannt; u. a. war er 1689 im Wesirsrang Kommandant der Festung Seddülbahir an während des Thronwechsels Süleyman II. - Ahmed II. stellvertretender Großwesir. Als Großadmiral siegte er am 8. und 18. Februar 1695 über die venezianische Flotte bei Chios und gewann die Insel für die Osmanen zurück. Ende 1696 Kommandant in Belgrad, wandte er sich ohne Erfolg gegen den Plan eines Vormarsches gegen Temesch- war, der mit der Katastrophe bei Senta am 11. September 1697 endete. Am 18. September wurde er Nachfolger des Großwesirs Elmas Mehmed Pascha, der von seinen eigenen fliehenden Soldaten erschlagen worden war. Hüseyn Pascha brach 1698 wie üblich von Edirne zum Feldzug auf, ließ aber gleichzeitig durch die Vermittlung Englands und Hollands Friedensangebote übermitteln. Der Friedensvertrag von Karlowitz wurde am 26. Januar 1699 unterzeichnet und bedeutete für die Türkei vor allem den Verlust von Ungarn und Siebenbürgen mit Ausnahme des Gebietes um Temeschwar, von Podolien und der Ukraine, der Morea und von Teilen Dalmatiens; der Friede mit Rußland vom 13. Juni 1700 in Istanbul beinhaltete u. a. die Abtretung von Azov. Hüseyn Pascha hatte den Beginn der Verhandlungen in Belgrad abgewartet und war dann nach Edirne und Istanbul zurückgekehrt. In den folgenden Jahren bemühte er sich vor allem um die Wiederherstellung der inneren Ordnung im Reich. In Bosnien und Serbien wurden Rückwanderer amnestiert und steuerlich begünstigt, in Serbien das Räuberunwesen bekämpft, im südlichen Irak Vorstöße der Beduinen abgewehrt und in Mekka die Inhaberschaft des den Dardanellen und 1691/92 Emirates geregelt. Die Kriegssteuern wurden stufenweise abgeschafft und die Zahl der Janitscharen verringert. Kurdische und türkmenische Nomaden sollten seßhaft gemacht werden; einige Yürükengruppen wurden von Kleinasien nach Zypern umgesiedelt. Die Lehnsinhaber wurden überprüft, ihr Aufenthalt im zuständigen Sandschak und ihre Heeresfolge im Kriegsfall erneut zur Bedingung gemacht. Ein Flottengesetz vom September 1701 sollte das Marinewesen neuordnen. Am 4. September 1702 schied Hüseyn Pascha aus seinem Amt aus - die Gründe hierfür werden verschieden angegeben - und starb kurz darauf auf seinem Landgut in Thrazien. Hüseyn Pascha liebte Kunst und Wissenschaft; der Reichshistoriker Naimâ widmete ihm sein Geschichtswerk. Seine Bereitwilligkeit, auch unter den harten Bedingungen von Karlowitz Frieden zu schließen, zeigt seine richtige Einschätzung der Lage des Reiches und der Notwendigkeit, die traurige Hinterlassenschaft seiner Vorgänger zu liquidieren. Köprülüzade Nûman Pascha, * um 1670, † Kandia 6.02.1719, ältester Sohn Fazil Mustafa Pascha, über ihn wurde die Familie bis in die Gegenwart fortgeführt. Auch Nûman Pascha erhielt eine theologische Ausbildung und wurde nach dem Tode seines Vaters Verwalter der religiösen Stiftungen der Familie. Unter dem Großwesirat von Amcazade Hüseyn Pascha stieg er 1700 zum Wesir auf und war danach Statthalter in Erzurum und Anatolien sowie Kommandant von Negroponte (1703) und Kandia (1704-1708 mit kurzer Unterbrechung). Die Eheschließung mit einer Tochter des Sultans mußte wegen der Unruhen und des Thronwechsels von 1703 bis auf März 1710 verschoben werden. Sultan Ahmed III. erhoffte sich von ihm eine entschlossenere Haltung gegenüber Rußland und eine Lösung der Probleme um König Karl XII. von Schweden und erhob ihn am 16. Juni 1710 anstelle des zurückhaltenden Çorlulu Ali Pascha (ab 3.05.1706) zum Großwesir. Aus Mangel an Einfluß und Erfahrung konnte Nûman Pascha jedoch die in ihn und den Namen seiner Familie gesetzten Hoffnungen nicht erfüllen. Die Verwaltung stockte, da er von allen Seiten mit der Beseitigung uralter Mißstände bedrängt wurde; außenpolitisch kam es auch ihm auf die Erhaltung des Friedens mit Rußland an. So wurde er bereits am 18. August 1710 wieder seines Postens enthoben und kehrte als Statthalter in die Provinz zurück. Als Beylerbey von Bosnien unternahm er 1714 einen Feldzug gegen die Montenegriner und zerstörte Cetinje. 1715/16 bekämpfte er das Räuberunwesen in Südostanatolien. Beim Ausbruch des neuen Krieges mit Österreich wurde er zum Oberbefehlshaber in Bosnien ernannt und konnte als solcher das belagerte Zvornik entsetzen (Oktober 1717). Nach dem Frieden von Passarowitz (21.07.1718) erbat er seine Versetzung nach Kreta, wo er nach einigen Monaten er starb. Sein Sohn Hafiz Ahmed Pascha († 1769) hatte u. a. mehrere Statthalterposten in der europäischen Türkei inne und war einer der bedeutendsten Förderer von Literatur und Wissenschaft im 18. Jh.

Literatur

Hammer-Purgstall, Joseph von: Geschichte des Osmanischen Reiches. 10 Bde. Pest 1827/35.
Zinkeisen, Johann Wilhelm: Geschichte des Osmanischen Reiches in Europa. 7 Bde. Hamburg 1840, Gotha 1854/63.
Naimâ, Mustafa: Tarih. 6 Bde. Istanbul 1280/1863 f.
Râşid, Mehmed: Tarih. 6 Bde. Istanbul 1282/1865(2).
Refik (Altınay), Ahmed: Köprülüler. Köprülü Mehmed Paşa. Istanbul 1331/1915(3).
Ders.: Köprülüler. Köprülüzade Ahmed Paşa. Istanbul 1331/1915.
Silâhdar Fındıklılı Mehmed Ağa: Tarih. 2 Bde. Istanbul 1928.
Tomić, Jovan: Pohod Numan-paše Ćuprilića na Crnu Goru 1714. In: Glas SA 147 (1932) 45-132.
Uzunçarşılı, Ismail Hakkı: Osmanlı tarihi. 4 Bde in 6 Bden. Ankara 1961(2), 1949-59.
Silâhdar Fındıklılı Mehmed Ağa: Nusretname. Ed. Ismet Parmaksızoğlu. 2 Bde. Istanbul 1962/66.
Eickhoff, Ekkehard: Venedig, Wien und die Osmanen. Umbruch in Südosteuropa 1645-1700. München 1970.
Danişmend, Ismail Hami: Izahlı Osmanlı tarihi kronolojisi. 5 Bde. Istanbul 1971(2).

GND: 119501015


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Empfohlene Zitierweise: Hans-Jürgen Kornrumpf, Köprülüler, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 472-476 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1178, abgerufen am: (Abrufdatum)

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