Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Mehmed IV.

Mehmed IV., osmanischer Sultan 1648-1687, * Istanbul 02.01.1642, † Edirne 06.01.1693, Sohn Sultan Ibrahims und der Hadice Turhan.

Leben

Beim Sturz Sultan Ibrahims konnte über die Person seines Nachfolgers kein Zweifel bestehen: der nächstälteste männliche Osmane war sein sechsjähriger Sohn Mehmed. Die Unmündigkeit des Sultans schien dem Großwesir gerade die Machtstellung zu geben, die nötig war, um trotz völlig leerer Kassen das Thronbesteigungsgeschenk für die Truppen aufzutreiben, Unruhen in Istanbul, Aufruhr in Sivas zu unterdrücken und den Krieg auf Kreta (ab 1645) fortzuführen. Die Agas aber schossen ständig quer und das letzte Wort hatte die Sultansgroßmutter Kösem, die sich, deutlich genug, entgegen allem Brauch nicht in den alten Serail zurückgezogen hatte. Unter solchen Vorzeichen konnten sich die Großwesire meist nur Monate halten; immerhin gelang es ihnen, einen bedrohlichen Sipahi-Aufstand niederzuschlagen und den kretischen Krieg in Gang zu halten. Weder Großmutter noch Mutter, Wesiren oder Agas lag daran, Kompetenzen an einen autokratischen Sultan zu verlieren. So war die Erziehung des jungen Sultans eher eine Anleitung zum Zeitvertreib: Strenge Frömmigkeit und Interesse für die Geschichte seines Hauses wurden ihm anerzogen, die Liebe zur Jagd geweckt. Seine persönliche Umgebung bot wenig geistige Anregung und diente kaum einer politischen Wissensvermittlung. Dennoch wurde M. Ziel eines Staatsstreichversuches von Großmutter und Janitscharenagas, die seine Mutter Turhan als Rivalin um die Macht beseitigen wollten. Turhan erfuhr vom Anschlag, verbündete sich mit den Hofwürden trägem, kam Kösem zuvor und ließ sie töten (1651). Während der folgenden fünf Jahre wurden Anstrengungen gemacht, die Flotte auszubauen, um den Venezianern mit mehr Erfolg entgegentreten zu können; Tarhuncu Ahmed Pascha deckte schonungslos die Finanzmisere auf und leitete rigorose Maßnahmen zur Besserung ein, aber jede kräftigere Politik stieß auf tätigen Widerstand von Betroffenen und Neidern. Die Lage des Staates wurde verzweifelt: selbst Ibşir Mustafa Pascha, einen Räuberhauptmann und Rebellen, machte man zum Großwesir, weil er etwas wie Macht darzustellen schien. Aufrührerische Janitscharen forderten und erlangten die Köpfe der engsten Umgebung des Sultans. Als schließlich die venezianische Flotte sich der Dardanellen bemächtigte (26.06.1656), die Inseln Tenedos (Bozcaada) und Lemnos besetzte, somit jederzeit vor der Hauptstadt auftauchen konnte, wollte sich der vierzehnjährige Sultan spontan an der Spitze des Heeres der Gefahr entgegenwerfen - es fehlte das Geld. In dieser Situation berief die Valide Köprülü Mehmed Pascha ins Großwesirat (15.09.1656). Er stellte Bedingungen, verlangte Vollmachten. Dann aber griff er hart und blutig durch, sicherte seine Stellung und begann den Staat wieder aufzurichten. Sein Sohn Ahmed „erbte“ (1661) das Amt. Hatte der Vater die innere Ordnung wiederhergestellt und schon in Siebenbürgen eingegriffen, so suchte der Sohn durch den Feldzug 1663/1664 gegen Kaiser Leopold I. die sieben- bürgische Frage zu lösen (Friede von Eisenburg 10.08.1664). Darauf wandte er sich gegen Venedig und vollendete 1669 die Eroberung Kretas. Seine letzten Feldzüge gingen gegen Polen (1672-1676), um das Vorfeld im kosakischen Nordosten zu sichern. Die zwanzig Jahre Köprülü-Herrschaft (1656-1676) hatten das Reich gefestigt und wieder zu einem Machtfaktor in der Politik gemacht, so daß Ludwig XIV. die alte Tradition antihabsburgischen Zusammenspiels wiederaufzunehmen suchte. An mehreren Feldzügen dieser Zeit hatte der Sultan selbst teilgenommen, hatte alle Strapazen mit dem Heer geteilt, doch nicht darin, sondern im unerschütterlichen Vertrauen zu den Köprülüs liegt sein Anteil am Wiederaufstieg. Im übrigen feierte er Feste und genoß Treibjagden mit bis zu 35 000 Treibern. Kara Mustafa Pascha, im Dienste der Köprülüs aufgestiegen und durch Einheirat gewissermaßen ein Köprülü, sollte deren Werk als Großwesir (1676-1683) fortsetzen. Doch ihm fehlten der klare Blick, das Maß und die diplomatische Einsicht der Köprülüs. Nachdem er, ohne allzu großen Erfolg, aber unter den Augen des Sultans, gegen die Russen gezogen war (1677-1681), riß ihn sein Ehrgeiz hin, eigentlich gegen den Willen des Sultans, mit der wiedererstarkten Macht des Reiches die Köprülüs und selbst Süleyman den Prächtigen durch die Eroberung Wiens zu übertrumpfen. Die Niederlage vor Wien und der Verlust Grans (1683) kosteten ihn das Leben, dem Reich für immer seine Machtstellung. Der Krieg gegen den Kaiser, Polen und Venedig zog sich hin, Ofen fiel (1686), die Morea ging verloren, die Kassen waren leer, Banden verunsicherten Anatolien wie Rumelien. Der Sultan, ohne die Führung bewährter Staatsmänner und nun auch seiner Mutter, war unfähig, eine Initiative zu ergreifen; er ließ alles seinen Gang gegen und frönte der Jagd, bis das empörte und enttäuschte Heer auf Istanbul marschierte und seine Absetzung verlangte. Ohne Widerstand schickte er sich auch darein. Neununddreißig Jahre hatte er als „Schatten eines Sultans auf dem Throne gesessen, nichts als ein gewaltiger Jäger vor dem Volke“ (Hammer).

Literatur

Baysun, M. Cavid: Mehmed IV. In: Islâm Ansiklopedisi. Bd 7. Istanbul 1955, 547-557.
Eickhoff, Ekkehard: Venedig, Wien und die Osmanen. München 1970.  

Verfasser

Hans Georg Majer (GND: 129740098)


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