Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Ibrahim Pascha, Nevşehirli Damad

Ibrahim Pascha, Nevşehirli Damad, osmanischer Großwesir unter Ahmed III. * Muşkara (später Nevşehir) um 1662, † Istanbul 30.09.1730.

Leben

 Verwandte brachten I. 1689 in das Serail, wo er zuerst als Zuckerbäcker (Helvaci), dann als Schreiber im Harem arbeitete und hier den Prinzen Ahmed kennenlernte, dessen lebenslange Freundschaft er genoß. Als Ahmed 1703 den Thron bestieg, wurde I. Sekretär des Obereunuchen. Nach sechs Jahren erwirkten seine Rivalen die Verbannung nach Edirne (Adrianopel). 1715 bewährte er sich im Feldzug gegen die Venezianer in Morea unter Damad Ali Pascha. Im Krieg mit Österreich wurden die Türken aber bei Peterwardein am 5. August 1716 von Prinz Eugen geschlagen. Damad Ali Pascha fiel in dieser Schlacht und I. heiratete ein Jahr darauf dessen dreizehnjährige Witwe Fatima, eine Tochter Ahmeds III. Seine Bemühungen, Ahmed III. zum Frieden zu bewegen, scheiterten vorerst an dem neuen Großwesir Halil Pascha, der dann am 16. August 1717 bei Belgrad vollständig geschlagen und abgesetzt wurde, aber auf die Fürsprache I.s hin nach einiger Zeit die Gunst des Sultans zurückgewann. Erst nach dem Verlust von Belgrad 1717 kam es am 1. Februar 1718 zum Waffenstillstand. I., seit Oktober 1716 Halils Stellvertreter (Kaymakam) und ab 9. Mai 1718 Großwesir, schloß am 21. Juli 1718 den Frieden von Passarowitz. Bestrebt, die Türkei in keinen neuen Krieg zu verwickeln, kürzte er die Militärausgaben, führte neue Steuern ein, um die Finanzen zu ordnen, widmete sich inneren Reformen und erreichte die Stabilisierung der Währung. Angeregt durch Erzählungen des nach Paris entsandten Botschafters und die Beschreibungen von Versailles und Fontainebleau wurden die Kioske am Bosporus und im Tal des Süßen Wassers gebaut. Im Bestreben, die Türken der westlichen Kultur zuzuführen und als ein Förderer der Wissenschaften und Künste, legte er die Bibliothek im Serail sowie eine eigene an. Er beauftragte den Großherrn im Juli 1727, den Fer- man zu erlassen, mit dem der in Klausenburg geborene und zum Islam übergetretene Ungar Ibrahim Müteferrika die Erlaubnis erhielt, die erste türkische Druckerei einzurichten. Ihre Aufgabe bestand in der Verbreitung islamischer Werke, ihr erstes Werk war ein türkisches Wörterbuch. Als der aus Persien nach Istanbul zurückkehrende Botschafter über den Einfall der Afghanen und Russen berichtete, berief I. 1722 eine Notabelnversammlung ein und schlug vor, zu intervenieren, um die türkischen Grenzgebiete zu schützen. Dieses Vorgehen war weniger gegen Persien als gegen Rußland gerichtet. Im Juni 1724 vermittelte der französische Botschafter an der Pforte, Marquis Jean Louis d’Usson de Bonnac, eine Übereinkunft der Pforte mit Peter dem Großen über die Teilung der eroberten persischen Gebiete. Die türkischen Erfolge veranlaßten Tahmasp II. im Vertrag von Hamadan (3.10. 1727) zur Abtretung von Hamadan, Eriwan und Täbris an die Pforte. 1730 versuchten die Perser, die abgetretenen Gebiete zurückzugewinnen. Die Pforte sah sich genötigt, den Krieg zu erneuern. Nach einer türkischen Niederlage kam es in Istanbul zu einem von den Janitscharen unter Patrona Halil geführten Aufstand gegen den Sultan und seinen Günstling I., der sich durch Begünstigung seiner Verwandten und vor allem durch seinen freundschaftlichen Verkehr mit den fremden Botschaftern verhaßt gemacht hatte. Der Sultan wurde genötigt, I. zu konfinieren. Der Schejch ül-Islam, von mit der Rechtsprechung ausgestatteten Theologen (Ulema) unterstützt, verlangte in einem Fetwa, einem Gutachten, welches Anspruch auf unbedingte Gesetzeskraft hatte, seinen Kopf. Ahmed III. ließ daraufhin I. erdrosseln, um ihn nicht lebend der Wut des Pöbels auszuliefern. Mit dem Tod I.s und der bald darauf erfolgten Abdankung Ahmeds III. zugunsten seines Neffen Mahmud I. endete einer der glänzendsten Episoden der osmanischen Geschichte.

Literatur

Shay, Mary Lucille: The Ottoman Empire from 1720 to 1734 as revealed in despatches of the Venetian Baili. Urbana, Illinois 1944. = Illinois Studies in the Social Sciences. XXVII/3.
Aktepe, Münir: Nevşehirli Damad Ibrahim Paşa’ya âid iki vakfiye. In: Tarih Dergisi XI/15 (1960) 149-160.
Heinz, Wilhelm: Die Kultur der Tulpenzeit des Osmanischen Reiches. In: Wiener Z. Kde Morgenlandes 61 (1967) 62-116.

Verfasser

Heinrich Benedikt (GND: 11850892X)

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Empfohlene Zitierweise: Heinrich Benedikt, Ibrahim Pascha, Nevşehirli Damad, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 212-213 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=997, abgerufen am: (Abrufdatum)

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