Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Georgiev, Kimon Stojanov

Georgiev, Kimon Stojanov, bulgarischer Politiker, * Pazardžik 11.08.1882, † Sofia 28.09.1969.

Leben

G. war zunächst Soldat und Ende des Ersten Weltkriegs Oberstleutnant. In die Reserve entlassen, schloß er sich den politisierenden Offizieren der „Militär-Liga“ (Voenen sŭjuz) an, die - verbittert von dem Friedensvertrag vom 27. November 1919, der das bulgarische Heer auf 20 000 Mann begrenzte - bereits 1919 die Regierung Stambolijski stürzen wollten. 1923 war die „Militär-Liga“ - vertreten durch G. und drei weitere Offiziere - die treibende Kraft in der Parteienkoalition „Nationale Eintracht“ (Naroden sgovor), die den Staatsstreich vom 9. Juni 1923 verantwortete. Am 10. August 1923 vereinigte sich die „Nationale Eintracht“ mit drei Parteien (Demokratische, Nationale, Radikale) zur „Demokratischen Eintracht“ (Demokratičeski sgovor), und G. wurde einer von insgesamt 24 Leitern der neuen Partei und gehörte auch der Fünferkommission zur Ausarbeitung eines Programms an. Obwohl in den Wahlen sehr erfolgreich, verstrickte sich die „Demokratische Eintracht“ bald in innere Zwistigkeiten, die G. auch innerhalb der „Militär-Liga“ austrug: als Anführer des linken Flügels und Anhänger des Ministerpräsidenten Aleksandŭr Cankov opponierte er gegen Oberst Ivan Vŭlkov, den eigentlichen Führer der „Militär-Liga“. Dennoch lehnte er es nicht ab, im Kabinett Ljapčev, einem geschworenen Feind Cankovs, ab 4. Januar 1926 Minister für Bahnen, Post und Telegraphen zu werden - ein Amt, das er wegen der fortdauernden Kämpfe Cankov-Ljapčev bereits im Herbst 1928 wieder verlor. G. und Cankov verbündeten sich mit dem „Zveno“, einem politisierenden Intellektuellen-Kreis, der im Juni 1927 von Dimo Kazasov gegründet worden war und sich nach seinen Worten „auf linke Elemente in rechten Parteien stützte“. G. wurde Mitglied im „Zveno“ und schuf eine enge Allianz zwischen ihm und Teilen der „Militär-Liga“.
1931 war Bulgarien im Zeichen des „Nationalen Blocks“ wieder zu demokratischen Regierungsformen zurückgekehrt, doch bereits im November 1933 wurden in der „Militär-Liga“ unter aktiver Beteiligung G.s neue Staatsstreichpläne geschmiedet. Als neuer Ministerpräsident war zunächst Damjan Velčev, der heimliche Führer der „Militär-Liga“, vorgesehen; als dieser ablehnte, wurde G. dazu bestimmt. Die Verschwörer verwandten nicht viel Mühe auf ihre Tarnung, so daß es in Sofia niemanden verwunderte, als am 19. Mai 1934 der Staatsstreich durchgeführt wurde. Die neue Regierung G. ließ augenblicklich alle Parteien und Gewerkschaften verbieten, um innenpolitisch freie Hand zu haben. Obwohl grundsätzlich antikommunistisch und antisowjetisch, nahm sie doch am 23. Juli 1934 als erste bulgarische Regierung diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion auf. Allgemein galt das „Zveno“ als treibende Kraft des Staatsstreichs, der tatsächlich das Werk der „Militär-Liga“ gewesen war. Spannungen zwischen beiden verschärften sich in kurzer Zeit so sehr, daß G. bereits am 22. Januar 1935 wieder zurücktreten mußte. Inzwischen hatte sich Zar Boris III., dem die republikanische Gesinnung des „Zveno“ und der G.-Gruppe in der „Militär-Liga“ kein Geheimnis war, in das politische Spiel eingeschaltet und die rivalisierenden Gruppen so geschickt gegeneinander ausgespielt, daß fortan nur noch Kabinette nach seinem Willen gebildet wurden. Die „Militär-Liga“ wurde aufgelöst, ihre Führer verhaftet oder vertrieben. G. gruppierte die Reste des führerlosen Offiziersbundes lose um sich und bahnte vorsichtige Kontakte zu den Kommunisten an. Immer stärker wurde auch sein Engagement für eine prosowjetische Orientierung der bulgarischen Außenpolitik, die er noch am 22. September 1939 dem Zaren brieflich dringend nahelegte. Diese Haltung behielt er den ganzen Zweiten Weltkrieg über bei und brachte sie über intakte Kanäle auch in die Armee ein. In der politischen Opposition ließ G. sich nicht festlegen: Im Juni 1943 trat er formal in die Leitung der sozialistischen „Vaterländischen Front“ ein, zog sich jedoch nach Burgas zurück und ließ sich in diesem Gremium vertreten. Noch im August 1944 lehnte er ein Engagement für die Ziele der Sozialisten ab und forderte stattdessen mit der bürgerlichen Opposition von der Regierung die Durchführung einer „aufrichtigen und freundschaftlichen, von Vertrauen erfüllten Politik mit unserer Befreierin Rußland“. Einen Monat später hatte er selbst Gelegenheit dazu: Am frühen Morgen des 9. September 1944 - Bulgarien befand sich seit vier Tagen mit der Sowjetunion und mit Deutschland im Kriegszustand übernahm die „Vaterländische Front“ die Macht und G. wurde Ministerpräsident einer Regierung mit 4 Kommunisten, 4 Agrariern, 4 „Zveno“-Mitgliedern, 2 Sozialisten und 2 Unabhängigen. G.s politischer Rückhalt in dieser Zeit war das „Zveno“, das sich am 18. September 1944 als Partei konstituierte. G. verfolgte eine Außenpolitik „auf Moskau und durch Moskau zu den anderen Staaten“ und eine liberale Innenpolitik und Wirtschaftspolitik. Bis zum November 1946 blieb er Ministerpräsident, bis zum Dezember 1947 Außenminister, bis zum März 1959 Minister für Elektrifizierung und bis zum März 1962 stellvertretender Ministerpräsident und Mitglied des Parlamentspräsidiums. Weniger lang blieb das „Zveno“ am Leben: Nachdem es in den Augen der Kommunisten seine Mission, die Intellektuellen prosowjetisch zu orientieren, erfüllt hatte, wurde es von ihnen planmäßig ab 1946 in Flügelkämpfe getrieben und am 19. Februar 1949 zur Selbstauflösung gezwungen.

Literatur

Kazasov, Dimo: Burni godini. Sofija 1949.
Ders.: Vidjano i preživjano 1891-1944. Sofija 1969.
Nedev, Nedju: Pogled vŭrchu dejnostta na Voennija Sŭjuz (Oficerskata Liga) ot osnovavaneto mu do 9.09.1944 g. In: Ist. Pregled 2 (1963) 54-68.
Havránková, Růžena: První kroky lidové demokracie v Bulharsku. In: Slovanský přehled 2 (1965) 111-115.
Dimitrov, Ilčo: Buržoaznata opozicija v Bŭlgarija 1939/1944. Sofija 1969.
Ders.: Naroden Sŭjuz „Zveno“ (1 Oktomvri 1944 g. - 19. Fevruari 1949 g.) In: Ist. Pregled 5 (1970) 3-33.
Oschlies, Wolf: Der „Volksbund Zveno“. Nahtstellen der bulgarischen Parteiengeschichte. Teil I-II. Köln 1971. = Ber. Bundesinst. ostwiss u. internat. Stud. 9.12.

Verfasser

Wolf Oschlies (GND: 107216760)


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