Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Cankov, Aleksandŭr

Cankov, Aleksandŭr, bulgarischer Wissenschaftler und Politiker, * Orjachovo 29.06.1879, † Buenos Aires 17.07.1959.

Leben

C. absolvierte seine ersten Schuljahre in Orjachovo und besuchte dann den humanistischen Zweig des Gymnasiums in Ruse, das er 1900 beendete. Bis 1904 studierte er an der Sofioter Universität Jura, bis 1907 ging er nach Deutschland, wo er sich in München, Berlin und Breslau auf Staatsrecht und Wirtschaftswissenschaften spezialisierte. Nach Bulgarien zurückgekehrt war er zunächst Bankangestellter, von 1908 bis 1911 Inspektor am Ministerium für Landwirtschaft und Handel. 1911 begann auch seine akademische Karriere: bis 1916 war C. Dozent, dann Professor für politische Ökonomie, 1919/20 Rektor der Universität in Sofia.
1922 wurde C. Leiter der rechtskonservativen Sammlungsbewegung „Volkseintracht“ (Naroden Sgovor), die im Bunde mit der geheimen „Militär-Liga“ unter Damian Velčev am 9. Juni 1923 die Regierung Stambolijski (Agrarunion) stürzte. C. wurde neuer Ministerpräsident und Volksbildungsminister, er stützte sich auf die am 10. August 1923 gebildete „Demokratische Eintracht“ (Demokratičeski Sgovor) - ein Bündnis der „Volkseintracht“ mit der „Vereinigten National-Progressiven Partei“, der „Demokratischen Partei“ und der „Radikalen Partei“. Mit C. (1923 bis 1926) und Andrej Ljapčev (1926-1931; C. war in dieser Zeit Präsident der Nationalversammlung) stellte die „Demokratische Vereinigung“ zwei Regierungen, bis sie durch innere Uneinigkeit ihren politischen Einfluß verlor. C. versuchte, ihren Fall durch die am 15./16. Mai 1932 in Sofia vollzogene Gründung einer „National-Sozialen Bewegung“ (Nacionalno-socialno dviženie) zu kompensieren. Mit dieser (von der NSDAP beeinflußten) politischen Formation gewann er bald wieder politisches Gewicht: Bei den Kommunalwahlen vom Januar 1934 erreichten die „Cankovisten“ 11,5% der Stimmen und bereiteten sich auf die Machtübernahme vor. Dieser kam indessen der von der „Militär-Liga“ und dem „Zveno“ inszenierte Staatsstreich vom 19. Mai 1934 zuvor. Die neuen Machthaber (Militärkabinett Kimon Georgiev) wollten C. auf der Insel Sv. Anastasija bei Burgas internieren, kamen gegen seinen Einfluß (der sich u. a. im Dezember 1935 in seiner demonstrativen Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften zeigte, deren korrespondierendes Mitglied er jedoch bereits seit 1919 war) aber nicht auf. Obwohl C. sogar in der Umgebung des Zaren Förderer hatte (Zaren-Bruder Kiril und Zaren-Adjutant General S. Canev) und ständig mit anderen Parteien wegen möglicher Koalitionen in Kontakt stand, gelang ihm die Rückkehr zur Macht wegen seiner Herrschsucht und seiner Angriffe auf die Verfassung von Tŭrnovo (die er ständestaatlich manipulieren wollte) nicht. Ein mißglückter Putsch vom Herbst 1936 ließ seine „Bewegung“ rasch verfallen.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für Bulgarien (9.09.1944) rief C. in Österreich unter deutscher Aufsicht eine nationalbulgarische Exilregierung aus und bemühte sich, aus bulgarischen Studenten im Ausland SS-Verbände für die deutsche Wehrmacht aufzustellen. Das Vorrücken sowjetischer Armeen beendete diese Versuche. C., gegen den inzwischen ein in Abwesenheit verhängtes bulgarisches Todesurteil vorlag, ergab sich den US-Truppen und wurde in Kitzbühel interniert. Von dort emigrierte er nach Südamerika. Seit 1948 lebte er in Buenos Aires, wo er auch starb.

Literatur

Almanach na Sofijskija Universitet 1888-1928. Sofija 1929, 251-252.
Vlajkov, T[odor] G[enčov]: Političeski život u nas. Statii i beležki. Bd 5. Sofija 1930, passim.
Migev, Vladimir: Utvŭrždavane na monarchofašistkata diktatura v Bŭlgarija preš 1935-1936 g. i „Cankovoto Dviženie“. In: Ist. Pregled 23 (1967) 6, 62-81.
Kazasov, Dimo: Fašizmŭt i bŭlgarskite partii. In: Ist. Pregled 24 (1968) 5, 94-100.
Topenčarov, Vladimir: S čuk, sŭrp i sŭrce. Sofija 1970, 53-58.

Verfasser

Wolf Oschlies (GND: 107216760)


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