Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Dukagjini

Dukagjini, albanische Adelsfamilie Ende 14. bis Ende 15. Jh.

Leben

Die Herkunft der Familie ist bis heute noch nicht endgültig geklärt. Die Angaben, die Giovanni Muzaki 1510 in seiner „Historia e genealogia della casa Musachia“ (s. Charles Hopf, Chroniques gréco-romanes, Berlin 1873) gibt, sind in den Bereich der Legende zu verweisen. Hopf und Viktor V. Makušev leiten den Namen von einem Führer der antianjouvinischen Partei in Albanien, dem „ducem Ginium Tanuschum“ ab; dieser „Dux Ginius“ - in der byzantinischen Titulatur „Dukas Ginos“ - dürfte demnach der Ahnherr dieser Familie sein.
Ebenso schwer ist es zu bestimmen, wo das Gebiet lag, das die D. beherrschten. Als ihr ursprüngliches Territorium kann man die Zadrima (das Gebiet zwischen dem Unterlauf der Flüsse Drin und Mati) sowie Fandi (zwischen den beiden Zuflüssen des Mati), die Malcija und schließlich den Bezirk zwischen den Oberläufen des Fandi und des Mati annehmen. Dieses große Gebiet hielten die D. während des 15. Jh.s nicht definitiv in Besitz, vielmehr glaubten sie darauf Rechtsansprüche erheben zu können. Auch gehörten Peć und Djakovica, die während der Türkenzeit zum Sandschak Dukagjin zählten, nicht zum Herrschaftsbereich dieser Familie.
Ende des 14. Jh.s wurden die D. osmanische Vasallen; nach dem Tode Sultan Bayezids I. erlangten sie, ähnlich wie andere albanische Adelsfamilien, wieder ihre Selbständigkeit. Die D. nahmen dann aktiven Anteil am Türkenkampf Gjergj Arianitis und Skanderbegs. Nach Barletius waren Pal und Nikollë D. Teilnehmer der Versammlung von Alessio, auf der (1444) Skanderbeg zum Anführer der albanischen Liga gewählt wurde. Im Konflikt, der 1447/48 zwischen Skanderbeg und Venedig um den Besitz der Stadt Dagno ausgetragen wurde, kämpften die D. auf seiten Skanderbegs. In der Folgezeit nutzten sie jede sich bietende Gelegenheit, ihr Herrschaftsgebiet auszuweiten, was noch zu Lebzeiten Nikollë D.s († 1454) zum Bruch mit Skanderbeg, dessen steigende Macht den Gebietsansprüchen der D. im Wege stand, führte. Zu einer Zeit, als sich Skanderbeg heftigster türkischer Angriffe erwehren mußte, verbündeten sich die D. mit den Türken. Dieser Streit kam dem Papst (Nikolaus V.) und Skanderbegs Verbündetem König Alfons von Neapel äußerst ungelegen und veranlaßte sie dazu, den Erzbischof von Antivari, den Bischof von Drivasto und andere Vertreter der Geistlichkeit zu beauftragen, zwischen den streitenden Parteien zu vermitteln; zu einer Einigung kam es jedoch erst nach dem Tode des Papstes (1455). Die Führung der Familie übernahm jetzt Pal D.s Sohn Lekë, dessen Name in der Volkstradition bis heute mit dem albanischen Gewohnheitsrecht, dem sogenannten „Kanuni i Lekë Dukagjinit“, verbunden wird. Während der Türkeneinfälle der Jahre 1455-1456 hatte Lekë D. als venezianischer Vasall Dagno verteidigt. Wegen einiger zweifelhafter Verdächtigungen überwarf er sich mit den Venezianern und besetzte am 4. November 1456 mit seinen Truppen Dagno. Allerdings gelang es den Venezianern bereits im folgenden Jahr, im August 1457, als ein türkisches Heer Kruja belagerte, die Stadt zurückzugewinnen. Lekë D. verband sich mit den Türken und nahm mit ihrer Hilfe Sati. Dieses Bündnis und der Tod Alfons' V. von Aragon veranlaßten Skanderbeg, sich mit den Venezianern gegen Lekë D. zu verbinden; der Bündnisvertrag wurde am 18. August 1458 vom venezianischen Senat gebilligt. Lekë D. sah sich gezwungen, Gesandte nach Venedig zu schicken, die im Namen seiner Familie die Kapitulation anboten. Am 19. Februar 1459 wurde der Friede geschlossen. Da darin aber Skanderbeg nicht eingeschlossen war und Lekë D. die Beziehungen zu den Türken nicht abbrach, intervenierte Papst Pius II. und forderte den Erzbischof von Antivari auf, Lekë D. und seine Brüder zu exkommunizieren, falls sie nicht binnen 15 Tagen die Beziehungen zu den Türken abbrächen. Als das keinen Erfolg hatte, besetzte Skanderbeg die Stadt Sati samt ihrer Umgebung. Die Venezianer blieben im Konflikt zwischen Skanderbeg und Lekë D. neutral - bis 1463, als sie selbst in den Türkenkrieg verwickelt wurden und Pius II. sich anschickte, einen Kreuzzug gegen die Türken durchzuführen. Im Herbst 1463 wurde der neue Provveditore von Albanien Gabriele Trevisano angewiesen, Lekë D. zum Bruch mit den Türken und zum Friedensschluß mit Skanderbeg zu veranlassen. Durch Vermittlung des Erzbischofs von Durazzo Paolo Angelo kam das im folgenden Jahr auch zustande.
Nach dem Tode Pius' II. und dem Scheitern des mit seiner Person verbundenen Kreuzzugsplanes beteiligte sich Lekë D. mit einer größeren Truppenformation an der Verteidigung des von den Türken belagerten Kruja. Nach Skanderbegs Tod kam es zum Bruderzwist zwischen den D., im Gefolge dessen Lekë und Nikollë von dem dritten Bruder Progon aus dem Familienbesitz verdrängt wurden. Lekë wandte sich an die Türken, Nikollë an den venezianischen Provveditore. Bald darauf kehrte sich das Verhältnis um: Nikollë verband sich mit den Türken, gab seinen Sohn dem Sultan als Geisel und wurde zum erbittertsten Gegner der Venezianer in Albanien, während Lekë mit der Lagunenrepublik zusammenarbeitete. Den Venezianern gelang schließlich aber doch, auch Nikollë D. auf ihre Seite zu ziehen. Beide Brüder nahmen an den venezianisch-türkischen Kämpfen in Nordalbanien teil und flohen nach der Eroberung von Skutari durch die Türken (1479) nach Italien. Nach dem Tode Mehmeds II. (1481) kehrten sie nach Albanien zurück; die Ragusaner berichteten Anfang Juni 1481 nach Neapel, daß Nikollë D. wieder in Albanien eingetroffen sei; am 15. Juni konnten sie das gleiche von Lekë D. berichten. Über die folgende Zeit schweigen die Quellen.
Über die christlich gebliebenen Mitglieder der Familie D. ist nichts bekannt; diejenigen, die den Islam angenommen hatten, stellten hohe türkische Beamte, Schriftsteller und Wissenschaftler. So war z. B. Dukagjinzade Mehmed Pascha Wesir unter Selim I. und Süleyman I.; sein Sohn Dukagjinzade Osman Efendi war Kadi von Istanbul und machte sich als Wissenschaftler und Autor verschiedener Werke einen Namen. Einer der bedeutendsten Dichter der türkischen Klassik (16. Jh.) war Dukagjinzade Yahya Bey; Dukagjinzade Ahmed Bey gilt als ein bedeutender Vertreter der türkischen mystischen Dichtkunst.

Literatur

Makušev, Vićentije: Istorijski spomenici Južnih Slovena i okolnih naroda. Bd 2. Beograd 1882.
Gegaj, Athanase: L’Albanie et l’invasion turque au XVe siècle. Paris, Louvain 1937.
Studime e tekste. Juridika I. Hrsg. Instituti i studimevet shqiptare. Roma 1944.
Božić, Ivan: O Dukadjinima. In: Zborn. filoz. Fak., Beograd 8 (1964) 385-427 (mit Bibliographie).
Barleti, Marin: Historia e jetës dhe e vepravet të Skënderbeut. Tiranë 1967(2).
Pupovci, Surja: Gradjanskopravni odnosi u zakoniku Leke Dukadjina. Priština 1968 (mit Bibliographie).
Valentini, Giuseppe: Skanderbeg e il Kanun. In: Studia Albanica Monacensia. In Memoriam Georgii Castriotae Scanderbegi 1468-1968. München 1969, 11-22. = Beiträge zur Kenntnis Südosteuropas und des Nahen Orients. 8.

Verfasser

Hasan Kaleshi (GND: 1084144948)

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Empfohlene Zitierweise: Hasan Kaleshi, Dukagjini, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 444-446 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=765, abgerufen am: (Abrufdatum)

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