Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Boris I.

Boris I., erster christlicher bulgarischer Fürst 852-889, † 2.05. 907, Sohn von Presian.

Leben

Die ersten Regierungsjahre des B. standen im Zeichen der Auseinandersetzungen zwischen Ludwig dem Deutschen und Rastislav, dem großmährischen Fürsten, in die er wechselseitig eingriff. Die bulgarischen Beziehungen zum Frankenreich eröffneten die Möglichkeit der Annahme des christlichen römischen Glaubens. Rastislav wiederum wandte sich 863 an den byzantinischen Kaiser Michael III. mit der Bitte um Entsendung christlicher Missionare, wodurch dem fränkischen kulturellen und politischen Einfluß begegnet werden sollte. Der Gefahr, daß B. das Christentum durch westliche Missionare annehme, suchte Byzanz mit Kriegsvorbereitungen gegen Bulgarien zuvorzukommen. Die Lage Bulgariens wurde noch durch eine Hungersnot erschwert, so daß B. Ende 864 oder zu Beginn des Jahres 865 das Christentum für sich und sein Volk von Byzanz übernahm und sich auf den Namen Michael, den Namen seines Taufpaten, des byzantinischen Kaisers, taufen ließ.
Die Christianisierung ist das bedeutendste Ereignis in der bulgarischen Geschichte des 9. Jh.s; es spiegelt auch die politischen und religiösen Auseinandersetzungen zwischen Byzanz und Rom wider. B. dürfte die Situation klar erkannt haben: die Unterwerfung unter den Patriarchen von Konstantinopel hätte die politische Einflußnahme und kulturelle Überfremdung durch das byzantinische Reich zur Folge gehabt, während ihm die römische Kirche die ersehnte nationale Unabhängigkeit nicht hätte garantieren können. Diese Tatsachen zwangen B., Verhandlungen nach beiden Seiten anzustrengen und aus der bereits bestehenden Rivalität zwischen Ost- und Westrom zu profitieren. Politische Erwägungen und wohl nicht persönliche religiöse Überzeugung veranlaßten schließlich B., das Christentum von Byzanz zu übernehmen, wodurch er sich außenpolitische Vorteile versprach. Die Christianisierung bedeutete für den jungen bulgarischen Staat aber auch einen innenpolitischen Fortschritt. Erst das Christentum führte zu einer Verschmelzung der beiden Volksgruppen, der Protobulgaren und Slawen, die die ethnischen und sozialen Unterschiede aufzuheben begann. Die Annahme des christlichen Bekenntnisses vollzog sich nicht in einem einmaligen historischen Akt, sondern die Quellen berichten von Widerstand, den vor allem protobulgarische Boljaren organisierten. Die Missionare aus Byzanz bauten in Bulgarien eine fremde kirchliche Hierarchie auf und feierten die Liturgie in griechischer Sprache, wodurch die sich erst entwickelnde bulgarische Nationalkultur bedroht war. Die Bestrebungen von B. gingen deshalb dahin, eine selbständige Kirchenhierarchie zu errichten. Der Patriarch Photios verweigerte aber die Ernennung eines bulgarischen Patriarchen und ließ B. über die zukünftige Kirchenorganisation und viele Glaubensfragen im unklaren. Diese wollte B. daraufhin von Papst Nikolaus I. gelöst wissen, der ihm auch 106 Antworten übermitteln ließ. Geschickt verstand es Nikolaus die Bulgaren für sich einzunehmen, ohne ihnen konkrete Zusagen zu machen. Schließlich sind päpstliche Gesandte, unter ihnen der Bischof Formosa, in Bulgarien anzutreffen. Aber erst das Konzil von Konstantinopel im Jahre 870 entschied die Zugehörigkeit der Bulgaren zur christlichen Gemeinschaft. Die Beziehungen zur römischen Kirche wurden abgebrochen und die bulgarische Kirche mit einem eigenen Erzbischof dem Patriarchat unterstellt.
Neben dem politischen Ringen um Eindämmung des bedrohlichen byzantinischen Einflusses machte sich B. um den Aufbau einer bulgarischen Nationalkultur verdient. Die slawischen Missionare, die aus Mähren vertrieben worden waren, fanden um 885 in Bulgarien eine neue Wirkungsstätte. Übersetzungen der Bibel und der liturgischen Bücher standen am Beginn einer bald blühenden Nationalliteratur. Preslav, wohin B. die Residenz verlegte, und Ohrid wurden kulturelle Zentren mit Schulen und Schreibstuben. Im Alter zog sich B. in ein Kloster zurück (889), fand aber keine Ruhe, weil sein Sohn Vladimir den heidnischen Glauben und die alten Sitten wiedereinführen wollte. Der Vater zog gegen den Sohn, der zur Strafe geblendet wurde und den Thron seinem Bruder Simeon überlassen mußte.

Literatur

Zlatarski: Bd 1/2, 1-211.
Mutafčiev, Petŭr: Istorija na bŭlgarskija narod. Bd 1. Sofija 1943, 217-270.
Mitev, Jono: Pokrŭstvaneto na bŭlgarite. In: Ist. Pregled 2 (1945/46) 412-434.
Gjuzelev, Vasil: Knjaz Boris pŭrvi. Bŭlgarija prez vtorata polovina na IX vek. Sofija 1969.

Verfasser

Detlef Kulman (GND: 128703393)

GND: 119377616


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Empfohlene Zitierweise: Detlef Kulman, Boris I., in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 237-238 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=602, abgerufen am: (Abrufdatum)

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