Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Alexander II. Nikolaevič

Alexander II. (Aleksandr) Nikolaevič, Kaiser von Rußland 1855-1881, * Moskau 29.04.1818, † St. Petersburg 13.03.1881, Sohn von Nikolaus I. und Charlotte (Aleksandra Fedorovna), der Tochter Friedrich Wilhelms III. von Preußen; vermählt 1841 mit Maximiliane Wilhelmine Auguste Sophie Marie von Hessen (Marija Aleksandrovna).

Leben

A. begann seine Herrschaft mit dem schweren Erbe eines verlorenen Krieges (Krimkrieg 1853-1856). Er hatte sich nach der Verantwortung der Zarenkrone nicht gesehnt, übernahm aber sein Amt nicht unvorbereitet, da ihn sein Vater Nikolaus I. schon früh an den Regierungsgeschäften teilhaben ließ. A.s Erziehung lag in den Händen des romantischen Lyrikers Žukovskij. Im Unterschied zu dem robusten, psychologisch unproblematischen Nikolaus war er eine weiche, sensible Natur. Seinen liberalen Neigungen hatte er freilich bereits in den Revolutionsjahren 1848/49 abgesagt. Unvermindert hielt er an den überkommenen Prinzipien der Selbstherrschaft fest. Aller politische, gesellschaftliche und ideologische Wandel fand auch unter A. seine Grenze am autokratischen Machtanspruch des Monarchen. Daß seine Regierungsjahre dennoch eine Ära der Reformen wurden, stellt seine Einsicht in die innenpolitischen Notwendigkeiten nach dem Fiasko des russischen Imperiums im Krimkrieg unter Beweis.
Um sein Land auf den Weg der inneren Gesundung zu führen, mußte er zunächst und vor allem das Leibeigenschaftssystem beseitigen. Das nach jahrelangen Vorarbeiten verkündete Manifest des „car’-osvoboditel“ (Zar-Befreier) vom 19. Februar 1861 löste das Problem allerdings nur juristisch, indem es den Bauern die persönliche Freiheit und volle individuelle Rechtsfähigkeit garantierte, nicht aber wirtschaftlich: die allzu geringe Landzuweisung und die Beibehaltung des kollektiven Gemeindebesitzes (mir) hatte eine latente Agrarkrise zur Folge. 1863 stellte er durch ein neues Universitätsstatut die unter Nikolaus liquidierte Autonomie der Hochschulen wieder her. Den ständischen Verfassungswünschen des Adels kam A. 1864 zum Teil entgegen mit der Einrichtung der Landschaftsselbstverwaltung (zemstvo). Im November 1864 erlangte die Justizreform Gesetzeskraft. An die Stelle eines nach Ständen gegliederten und von der Verwaltung abhängigen Gerichtsverfahrens trat eine vereinfachte Ordnung mit unabhängigen und unabsetzbaren Richtern. 1874 wurde die unmenschliche 25jährige Dienstpflicht und die Zwangsrekrutierung von der 6jährigen allgemeinen Wehrpflicht ohne Ansehen der Person abgelöst.
Die Außenpolitik A.s war auf die Überwindung der Isolierung Rußlands als Folge des Krimkrieges, auf Asien und auf die orientalische Frage gerichtet. Rußlands Expansion im Kaukasus war 1864 beendet. 1858 und 1860 nahm A. durch Verträge mit China das Amur- und Ussuri-Gebiet in Besitz, in Mittelasien erwarb er Taškent (1865), Samarkand und Buchara (1868), Chiva (1873) und Kokand (1876). Seit die Londoner Pontuskonferenz die Neutralisierung des Schwarzen Meeres aufgehoben hatte (Januar 1871), wurde die russische Balkanpolitik zunehmend aktiver. Getragen von der starken panslawistischen Strömung, die den Gedanken der ursprünglichen slawischen Gemeinsamkeit als Panrussismus verstand, strebte A. die Lösung der orientalischen Frage im Sinne einer russischen Vorherrschaft auf dem Balkan an. Die Erhebung der slawischen Balkanvölker, deren Befreiung von der türkischen Oberherrschaft sich das 1858 in Moskau gegründete slawische Hilfskomitee zur Aufgabe gestellt hatte, unterstützte er durch diplomatische Interventionen, woraus sich nach langen internationalen Verhandlungen (Abgrenzung der Interessensphären zwischen Rußland und Österreich-Ungarn in der Konvention von Budapest, Januar 1877) der russisch-türkische Krieg ergab. In die russische Armee war neben Serben, Montenegrinern und Griechen auch eine bulgarische Befreiungstruppe eingegliedert. Ende Januar 1878 mußte die Türkei den Waffenstillstand unterzeichnen. A. beendete den Krieg mit dem Präliminarfrieden von San Stefano, dem namentlich in der bulgarischen Außenpolitik jahrzehntelang eine besondere Bedeutung zukam: er sah die Errichtung eines Großbulgariens vor, welches neben dem heutigen Staatsgebiet auch noch ganz Mazedonien umfaßte (San Stefanska Bulgarija). Die russische Neuordnung der Balkanhalbinsel rief den Einspruch Wiens und Londons hervor, so daß A. auf dem Berliner Frieden (Juni/Juli 1878) - für Südosteuropa der eigentliche Beginn der Moderne - auf seine Gewinne größtenteils wieder verzichten mußte: der großbulgarische Vasallenstaat wurde ein autonomes und der Pforte tributäres Fürstentum und um Mazedonien verkleinert, das unter osmanische Verwaltung zurückkehrte; Wien okkupierte Herzegowina und Bosnien; Serbien, Montenegro und Rumänien wurden selbständige Staaten; Rußland gewann den 1856 verlorenen Südteil Bessarabiens bis zur Donaumündung sowie Armenien (Kars, Batum). Damit war - unter der Vermittlung Bismarcks als „ehrlichem Makler“ - den Großmachtinteressen Englands und Österreich-Ungarns zur Geltung verholfen und die Kriegsgefahr gebannt.
An seinem Todestag billigte A. unter dem Eindruck der seit dem Türkenkrieg noch gestiegenen sozialen Unruhe in weiten Teilen der Bevölkerung das Projekt des Innenministers Loris-Melikov, eine die Regierung beratende Körperschaft aus Vertretern der Selbstverwaltungsorgane zu bilden. Im März 1881 fiel er dem Bombenattentat der anarchistischen Aktionsgruppe „Narodnaja volja“ (Volkswille) zum Opfer.

Literatur

Golovin, I.: Rußland unter Alexander II. Leipzig 1870.
Laferté, V. (Pseudonym der Fürstin E. M. Dolgorukaja-Jur’evskaja): Alexander II. Einzelheiten über sein Familienleben und seinen Tod. Basel 1882.
Cardonne, C. de: L'Empereur Alexandre II. Vingt-six ans de règne, 1855-1881. Paris 1883.
Pfeil und Klein-Ellguth, R. von: Das Ende Alexanders II. Meine Erlebnisse in russischen Diensten, 1878-1881. Paris 1883.
Tatiščev, S. S.: Imperator Aleksandr II. Ego žizn' i carstvovanie. 2 Bde. Petersburg 1911(2) .
Kornilov, A. A.: Obščestvennoe dviženie pri Aleksandre II. Moskau 1909.
Velikaja Reforma. Russkoe obščestvo i krest’janskj vopros v prošlom i nastojaščem. 6 Bde. Moskau 1911.
Grünwald, C. de: An den Wurzeln der Revolution. Alexander II. und seine Zeit. Wien 1965.
Seton-Watson, H.: The Russian Empire 1801 to 1917. Oxford 1967.

Verfasser

Klaus Appel

GND: 118501860

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Empfohlene Zitierweise: Klaus Appel, Alexander II. Nikolaevič, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 40-42 [Onlineausgabe]; URL: http://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=424, abgerufen am: (Abrufdatum)

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