Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Vlora, Eqrem Bey

Vlora, Eqrem Bey, albanischer Politiker und Publizist, * Valona 1.12.1885, † Wien 29.03.1964, Sohn von Süreya Bey V. und Mihri Hartëm Toptani.

Leben

V. erhielt seine gesamte Grundausbildung von Privatlehrern, zunächst von einem italienischen Ingenieur und einem albanischen islamischen Theologen; ab seinem 10. Lebensjahr wurde er von einem Lehrer aus Basel unterrichtet, der ihm Deutsch und Französisch beibrachte und ihm das in der Schweiz übliche Volksschulwissen vermittelte. Aus Istanbul holte man dann einen Lehrer für Türkisch, Arabisch und Persisch, so daß V. schon in früher Jugend über sehr gute Kenntnisse in der italienischen, deutschen, französischen, arabischen und türkischen Sprache verfügte. 1897 begann ihn ein Wiener Lehrer auf die Unterstufe des Gymnasiums vorzubereiten. Im Herbst 1899 fuhr er dann nach Basel, um die Prüfungen für den Volksschulabschluß und die Unterstufe des Gymnasiums abzulegen. Danach schrieb er sich im berühmten Theresianum in Wien ein, wo er sich auch erstmals mit albanischen Problemen zu beschäftigen begann. Er trat in Korrespondenz mit Faik Konica und mit den albanischen Thronprätendenten Don Aladro Kastriota und Prinz Albert Gbica, wobei er letzteren später persönlich kennenlernte und sich mit ihm anfreundete. 1903 beendete er das Theresianum und reiste sofort nach Istanbul, wo er sich im Oktober gleichen Jahres an der juristischen Fakultät einschrieb. 1904 wurde er durch Vermittlung seines Onkels, des Großwesirs Ferid Pascha, als Sekretär in der Rechtsabteilung des Außenministeriums angestellt. Im Juni 1904 war er Mitglied der staatlichen Kommission, die den Teilabschnitt der Hedschasbahn Damaskus-Al Maan feierlich eröffnete. Bei dieser Gelegenheit besuchte er verschiedene Städte in Syrien, Libanon, Jordanien und Palästina. 1905 unternahm er erneut eine Reise durch den Nahen Osten an Bord eines türkischen Kriegsschiffes, das Ägypten, Akaba, Hadramaut, Muskat, Oman, Kuwait anlief; über Karatschi kehrte er dann nach Istanbul zurück. Da wenig später zwei seiner Schwestern an Typhus erkrankten, begab er sich wegen eines Klimawechsels zusammen mit ihnen nach Europa, wo er sich etwa vier Monate in Cannes und Nizza aufhielt.
In Cannes verfaßte V. seine erste politische Schrift unter dem Titel,,Ziele und Zukunft der Albanesen“, die er später unter dem Pseudonym Merke Yeb Arolv in der „österreichischen Rundschau“ 15 (1908) S. 39lf. veröffentlichte. Darin setzte er sich vor allem mit dem Werk von Leopold Freiherr von Chlumecky „Österreich-Ungarn und Italien“ (Wien 1906) auseinander. Vom Heimweh getrieben, kehrte er Ende 1906 nach Albanien zurück und reiste kreuz und quer durch das Land. Im Januar 1907 kehrte er über Tripolis nach Istanbul zurück. Im Herbst gleichen Jahres reiste er erneut nach Paris, wo er sich mit zahlreichen Politikern traf. Nach der jungtürkischen Revolution gehörte er zu den Gründern des Klubs „Bashkimi“ (Union) in Istanbul. Zusammen mit Dervish Hima wurde er als Delegierter der Albaner Istanbuls zum albanischen Alphabet-Kongreß nach Bitola (Monastir) entsandt; seine Abreise wurde aber von der türkischen Polizei verhindert. In Istanbul war er an der Herausgabe des in albanischer und türkischer Sprache erscheinenden Blattes „Shqiptari- Arnavud“ beteiligt, das Dervish Hima und Hil Mosi redigierten; gleichzeitig nahm er aktiv am Kampf für das albanische Alphabet mit lateinischen Lettern teil. Damals erschien auch sein Büchlein „Abeceja Pelasgjike“ (Pelasgische Fibel, Istanbul 1909). Die Zusammenarbeit zwischen den Albanern und den Jungtürken hielt bekanntlich nicht lange an, es kam schon bald zu Auseinandersetzungen zwischen den albanischen Nationalisten und der jungtürkischen Führung. V. verfaßte damals seine politisch-historische Abhandlung „Die Wahrheit über das Vorgehen der Jungtürken in Albanien“ (Wien 1911), die bis heute ihren Wert nicht verloren hat, da V. damals aktiv am Geschehen beteiligt war. Im gleichen Jahr erschien sein Buch „Aus Berat und vom Tomor“ (Sarajevo 1911), ein Buch voll von persönlichen Eindrücken, politischem, volkskundlichem und soziologischem Material, ein Buch, das aber auch die hohe Bildung und das schriftstellerische Talent des Autors zeigt. Allerdings muß man beide Bücher mit einer gewissen Vorsicht betrachten, denn V. war zur Zeit der Veröffentlichung ein blinder Nationalist und betrachtete alles durch das albanische Prisma. Im September 1911 fuhr er über Constanţa und Bukarest, wo er sich über die Aktivitäten der dortigen albanischen Kolonien informierte, nach Wien. Von Wien reiste er über Triest dann nach Alexandria und Kairo, wo er auch mit Lord Herbert Kitchener zusammentraf. Ende März 1912 kehrte er nach Albanien zurück und reiste über Ohrid, Debar und Tetovo nach Skopje, wo er gerade in dem Augenblick ankam, als die Albaner die Stadt genommen und mit der türkischen Regierungskommission zu verhandeln angefangen hatten. Im Juli 1912 kehrte er über Dubrovnik nach Valona zurück. Besorgt über die Zukunft Albaniens, schrieb er damals einen Brief an den Grafen Berchtold, in dem er der Donaumonarchie nahelegte, sich im Falle des Zerfalls des Osmanischen Reiches Albaniens anzunehmen.
Als Montenegro die Türkei angriff und damit den 1. Balkankrieg begann, berief V.s Vater Süreya Bey V. eine Versammlung der südalbanischen Notabein nach Valona ein, während er gleichzeitig V. nach Wien schickte, um Österreich-Ungarn zu veranlassen, entweder die Unabhängigkeit Albaniens anzuerkennen, oder das Protektorat über das Land zu übernehmen. In Wien erhielt V. jedoch keine sichere Zusage und kehrte nach Valona zurück, wo er vom Vali und Kommandanten von Janina Esad Pascha Haiasti zum Befehlshaber der albanischen Freiwilligentruppen ernannt und in die Himara zum Kampf gegen die Griechen geschickt wurde. Er füllte diese Mission zur vollsten Zufriedenheit aus, vertrieb die Griechen und ließ seine Freiwilligen Stellungen an der albanischen Grenze beziehen, um weitere griechische Einfälle abzuwehren. Wenige Tage nach der Proklamation der albanischen Unabhängigkeit (28.11.1912) ließ ihn Ismail Qemal Bey V. dann aber nach Valona kommen und ernannte ihn zum Senator. Das war möglicherweise sein erster größerer Fehler, denn die griechische Grenze blieb dadurch unbewacht. Der Verlust der öameria unc[ die Vertreibung von Zehntausenden von muslimischen Albanern aus diesem Gebiet waren die Folge. V. wurde zum Vizepräsidenten des Senats ernannt, der 18 Personen umfaßte. Ende Juni 1913 reiste er zusammen mit einigen albanischen Notabein nach Rom und Wien und suchte um den Schutz der Großmächte zur Verteidigung der albanischen Südgrenze und zur Beendigung der Progrome gegenüber der muslimischen albanischen Bevölkerung in den Südgebieten nach. In Rom veröffentlichte er damals eine Broschüre unter dem Titel ,,Le dolanze del popolo albanese“ (Rom 1913). Im November 1913 reiste er nach Wien und Berlin, denn er war zum Berater des für den albanischen Thron bestimmten Prinzen Wied ausgewählt worden. Als Wied am 7. März 1914 in Durazzo eingezogen war, wurde V. zum Generalsekretär des Außenministeriums ernannt. Am 3. September 1914 verließ Prinz Wied bereits wieder Albanien; V. begab sich nach Brindisi und von dort nach Athen und nach Korfu. Mitte März 1916 fuhr er nach Messina, wurde von dort nach Rom befohlen und in Cagliari interniert. Das österreichisch-ungarische Außenministerium tauschte dann, durch Vermittlung der spanischen Regierung, V. gegen drei in Wien festgehaltene Italiener aus. Im März 1919 erhielt er die Erlaubnis, nach Rom zurückzukehren und fuhr dann über Istanbul nach Valona. Sowohl er als auch sein Vater wurden in Valona schlecht empfangen, denn sie galten als Italienfreunde. Im August 1920 verließ er deshalb Valona und reiste acht Monate lang durch Europa und den Mittleren Osten. Im Februar 1921 kam er nach Rom zurück und blieb dort bis zum Herbst und fuhr danach nach Hause.
Bei den Wahlen zur Verfassunggebenden Nationalversammlung Ende 1923 wurde V. zum Verteter Valonas gewählt; er gehörte der Gruppe der konservativen Abgeordneten an, an deren Spitze der spätere König Zogu stand. Seit daher hatte er eine ausgesprochene Hochschätzung vor Zogu, die bis an sein Lebensende anhielt. Als im Juni 1924 die „Demokraten“ mit Fan Noli an der Spitze an die Macht kamen, wurden Süreya Bey V. und V. verhaftet, aber bald wieder freigelassen. Nach der Rückkehr Zogus wurde V. erneut Abgeordneter und bald darauf auch Senator. 1928 wurde er zum albanischen Botschafter in London ernannt. Während der italienischen Okkupation hatte V. verschiedene Staatsämter, einmal war er auch Kultusminister. Ende 1944 emigrierte er nach Italien. Im Exil schrieb er eine historische Abhandlung „Kalaja e Kanines“ (Die Festung von Kanina, in: Shejzat 5 (1961) 150-156, 224-230, 305-311; 6 (1962) 28-34, 92-97, 165-173). Die Untersuchung zeigt V.s Fähigkeit zu wissenschaftlicher Forschung und es ist zu bedauern, daß er so viele Jahre mit fruchtloser politischer Tätigkeit vergeudete. Im Exil schrieb er auch seine Memoiren („Lebenserinnerungen“, 2 Bde, München 1968/73), welche unter den wenigen Dokumenten dieser Literaturgattung in Albanien einen hervorragenden Platz einnehmen. Obwohl sich der Autor in vielen Fällen nicht von einer subjektiven Sicht der Ereignisse befreien kann und seine Herkunft aus der Bey-Schicht in jeder Zeile unverkennbar her- vortritt, stellen seine Memoiren ein bedeutsames Dokument für den Verfall der einst herrschenden Klasse dar, die genau wußte, daß sie mit dem Osmanischen Reich untergehen mußte. Dem Stil und der plastischen Beschreibung nach gehören diese Memoiren zur schönen Literatur, wegen der Beschreibung von führenden Persönlichkeiten und Ereignissen werden sie aber auch zur historischen Quelle. V. war ein Intellektueller europäischen Formats, in Albanien nur noch vergleichbar mit Faik Konica; er konnte sein Volk ebensowenig begreifen, wie dieses ihn verstand.
Handschriftlich befinden sich im Südost-Institut München die „Beiträge zur Geschichte der Türkenherrschaft in Albanien“ (1500 Seiten), die er zusammen mit Marie Amelie Freiin von Godin verfaßt hat. Es handelt sich dabei um ein Werk von hohem Quellenwert, denn V., der im osmanischen Außenministerium gearbeitet hatte, standen osmanisches Archiv- material und auch Dokumente aus dem Familienarchiv der Vlora zur Verfügung, die etwa 400 Jahre lang Südalbanien beherrscht hatte und deren Mitglieder höchste Stellungen im Osmanischen Reich innehatten.

Literatur

Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien, PA, Albanien XIV, Karton 10.
Vlora, Ekrem Bey: Lebenserinnerungen. 2 Bde. München 1968/73.

Verfasser

Hasan Kaleshi (GND: 1084144948)


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