Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Godin, Marie Amelie Freiin von

Godin, Marie Amelie Freiin von (eigentlich Amelie Maria Julie Anna Freiin von Godin), deutsche Albanienforscherin und Literatin, * München 7.03.1882, † ebd. 22.02.1956, Tochter des königlich-bayerischen Geheimen Justizrats Bernhard Freiherr von G. und der Julie Freiin von Eichthal.

Leben

Aus einer angesehenen katholischen Adelsfamilie Bayerns stammend, brach die junge Baronin aus den Fesseln einer strengen Erziehung im Elternhaus und in der Klosterschule Sacré-Coeur in Riedenburg (bei Bregenz) aus. Reisen führten sie nach Palästina, Athen und Istanbul. Durch eine zufällige Begegnung mit dem jungen Eqrem Bey Vlora wurde sie ab 1906 für dessen albanische Heimat gewonnen. Frühe literarische Versuche (Erzählungen und Novellen) hatten ihr den Zugang zu deutschen Zeitungen geöffnet, als deren Korrespondentin sie nun aus und über Albanien berichtete. Sie war genau eingeweiht in die Vorbereitung der Unabhängigkeitserklärung (28.11.1912) und arbeitete beim Aufstand gegen den gerade ins Land gekommenen Fürsten Wilhelm zu Wied (Juli 1914) unter hohem persönlichen Einsatz als Sanitäterin in einem Lazarett in Durrës. Die Anstrengungen warfen sie für Jahre aufs Krankenlager.
Nach dem Ersten Weltkrieg widmete sie sich karitativ und publizistisch der Überwindung der Not in ihrer bayerischen Heimat (während der Münchner Räterepublik und der Inflationszeit). Trotz der Arbeit an mehreren Romanen und Übersetzungen (aus dem Französischen) verlor sie Albanien, das sie selbst als ihre zweite Heimat bezeichnete, nicht aus den Augen. Teils verarbeitete sie ihre früheren Erlebnisse zu Dichtungen (u. a. Die Befreiung, Regensburg 1920; Der tolle Nureddin, Köln 1936; Gjoka und die Rebellen, Trier 1939), teils bemühte sie sich auf neuen Reisen in das Land, sprachliches und völkerkundliches Material zu sammeln. 1930 erschien in Leipzig als Frucht dieser Anstrengungen der erste (und einzige) Band des „Wörterbuchs der albanischen und deutschen Sprache“, das bis heute das umfangreichste deutsch-albanische Wörterverzeichnis geblieben ist und viele bis dahin ungebuchte Wörter aus den Dialekten enthält. Erst in ihren letzten Lebensjahren konnte die Übersetzung des albanischen Gewohnheitsrechtes (Kanun i Lek Dukagjinit) veröffentlicht werden, die erste vollständige Übertragung in eine andere Sprache überhaupt, begleitet von Varianten aus dem südalbanischen Gewohnheitsrecht (Kanun i Pazhulit), teils von ihr, teils von Eqrem Bey Vlora beigesteuert (in der „Zeitschrift für vergleichende Rechtswissenschaft“ 1953, 1954 und 1956). Daneben hat G. in zahlreichen Aufsätzen die politischen, kulturellen und sozialen Verhältnisse Albaniens einer weiteren Öffentlichkeit vorgestellt (Die südalbanische Grenze, 1913; Pater Fishta, 1921; Die katholische Kirche in Albanien, 1928; Albanische Frauen, 1932; Die albanische Literatur, 1940 u. a.). Ihrem persönlichen Engagement und ihrer fleißigen Feder ist es zu danken, wenn im deutschen Sprachbereich allmählich die romantische Szenerie von Karl May (Durch das Land der Skipetaren) und die Einseitigkeiten eines Spiridion Gopčević durch ein wirklichkeitsgetreueres Bild ersetzt wurden. Darüber hinaus hat sie durch ihre intime Vertrautheit mit Land und Leuten der Wissenschaft sehr schätzenswerte Beiträge geliefert.

Literatur

Godin, Marie Amelie von: Ein Bekenntnis (Selbstporträt). In: Schönere Zukunft 4 (Wien 1928/29) 506-507, 528-529.

Verfasser

Gerhard Grimm (GND: 13735374X)


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