Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Tocco, Carlo

Tocco, Carlo, Herzog von Levkas, Despot von Janina 1415-1429, * Kephallonia ca. 1374, † Janina 4.07.1429.

Leben

Die Familie T.s stammte aus dem Königreich Neapel, sein Großvater Guglielmo war 1328-1335 neapolitanischer Statthalter auf Korfu; sein Sohn Leonardo (I.) wurde 1357 wegen seiner Verdienste bei der Befreiung Roberts von Tarent, des lateinischen Titular- kaisers von Konstantinopel, zum Grafen von Kephallonia, Ithaka und Zante ernannt; 1362 wurde er auch Herr von Levkas und Vonitsa. Nach seinem 1375/76 erfolgten Tode führte die Witwe Maddalena dei Buondelmonti Acciaiuoli für ihre unmündigen Söhne Carlo und Leonardo die Regentschaft, nachdem sie deren Herrschaftsrechte von der neapolitanischen Königin Johanna hatte bestätigen lassen. T. heiratete 1388 Francesca Acciaiuoli, eine Tochter Nerios I., des Herrschers über Korinth und Athen. Auf ihre Veranlassung hin zeigte er nach seinem Regierungsantritt eine tolerante Haltung gegenüber seinen griechischen Untertanen und ließ auf Levkas einen griechischen Bischof zu. Um sich vor einem eventuellen Angriff von seiten Venedigs zu schützen, mit dem sein Schwiegervater in Konflikt lag, bemühte er sich um ein Bündnis mit Genua und um die Verleihung des genuesischen Bürgerrechtes; beides wurde ihm am 7. Oktober 1390 gewährt. Venedig behagte dieses Bündnis natürlich nicht, zumal T. durch seinen Vater das erbliche venezianische Bürgerrecht besaß. Die Beziehungen zu den Venezianern verschlechterten sich noch, als T. anfing, von venezianischen Schiffen Zoll zu erheben. Venedig wies im April 1391 seine Kapitäne an, T.s Territorium zu meiden. Im März 1392 verbot die Markusrepublik ihren Untertanen überhaupt jeden Handelsverkehr mit dem Herzogtum Levkas und belegte von dort stammende Waren mit einem Zoll von 20%. T. sah sich daraufhin genötigt nachzugeben, auf das Bündnis mit Genua zu verzichten, erneut um das venezianische Bürgerrecht anzusuchen und die venezianischen Untertanen wie die eigenen zu behandeln. Die Gelegenheit für einen neuen Konflikt mit Venedig ergab sich jedoch schon bald wieder, und zwar als Nerio I. Acciaiuoli im September 1394 starb. Dieser hatte seine Tochter Francesca, T.s Gattin, zur Universalerbin eingesetzt und ihr die Kastelle Megara und Basilikata übereignet. Da das Testament sehr kompliziert angelegt war und verschiedene Auslegungen offen ließ, kam es bald zum Streit um die Erbschaft. Vor allem war es T., der die Nachfolge im ganzen Herzogtum Athen beanspruchte. Schon bald nach dem Tode seines Schwiegervaters erschien er vor Korinth und verlangte die Übergabe der Kastellanie. Als die Testamentsvollstrecker bei Venedig um Unterstützung nachsuchten und dieses auch zum Einschreiten bereit war, rief T. die Türken zu Hilfe. Zusammen mit diesen und Albanern, die ihm sein Schwager Theodoros I. Palaiologos, Despot von Mistra, zur Verfügung gestellt hatte, verwüstete er das zu Venedig gehörende Gebiet um Argos. Ende Oktober 1395 nahm T. Korinth in Besitz und setzte dort seinen Bruder Leonardo  als Statthalter ein. Den Venezianern hatte er noch im Juli 1395 Korinth und Megara für 40.000 Dukaten angeboten, was diese entrüstet ablehnten, da T. diese Gebiete nicht rechtmäßig in Besitz habe. Das Verhältnis zu Venedig verbesserte sich dann, nachdem sich T. im Januar 1396 bereit erklärt hatte, für die Verwüstungen in Argos 5.000 Dukaten Schadenersatz zu leisten. Venedig erneuerte damals sogar T.s Bürgerrecht.
Als 1399 Gjin Bua Shpata, der Despot von Arta, starb, sah T. eine Gelegenheit, seine Stellung auf dem epirotischen Festland zu festigen, wo er bisher nur Vonitsa besaß. Erfolg hatte er damit zunächst nicht, denn Sguros Shpata und nach ihm Muriki Shpata kamen relativ problemlos in den Besitz des Despotats von Arta. Erst 1404/05 gelang es T. mit seinen zumeist aus Albanern bestehenden Truppen, Dragamesto und 1406 Anatolikon (bei Nav- paktos) mit seinen reichen Fischereien zu besetzen. 1407 gewann T. Clarenza (Kalokairi) und Angelokastron in Akarnien, deren Verwaltung er ebenfalls seinem Bruder überließ. Clarenza mußte er bereits im darauffolgenden Frühjahr wieder aufgeben. Eine Folge dieses Vordringens auf dem epirotischen Festland war, daß Muriki Shpata und Esau dei Buondelmonti Acciaiuoli, Despot von Janina und T.s Onkel, ein Bündnis gegen die gemeinsame Bedrohung schlossen. Als Buondelmonti am 6. Februar 1411 starb, übernahm zunächst seine Witwe Evdokia Balsic die Regierung. Da sie nicht beliebt war und man auch eine albanische Machtergreifung (Muriki Shpata) befürchtete, beriefen die Bewohner von Janina T. in ihre Stadt, nachdem sie bereits am 28. Februar 1411 Evdokia vertrieben hatten. T. zog am 1. April 1411 dort ein und suchte mit seinen albanischen Nachbarn Gjin Zenebishi und Muriki Shpata einen friedlichen Ausgleich, was ihm jedoch nicht gelang. Vielmehr brachten ihm die Albaner bei Kraniä (Metsovon) eine vernichtende Niederlage bei (1412). Muriki Shpata schloß nach diesem Erfolg sofort eine Allianz mit Asan Cen-turione Zaccaria, dem Fürsten von Achaia. 1413 versuchten die neuen Verbündeten einen Angriff auf Levkas, worauf sich T. an Venedig um Hilfe wandte. Vendig schickte eine Galeere, und die Schiffe der Tocchi brachten ihren Gegnern vor Zante eine Niederlage bei; im Juli 1414 schloß T. auf venezianische Vermittlung einen dreijährigen Waffenstillstand. Zum Osmanensultan scheint er damals in ein Abhängigkeitsverhältnis getreten zu sein, denn Mehmed I. bestätigte ihn gegen Tributzahlung als Herrn von Janina; angeblich soll er auch eine illegitime Tochter an den Mitsultan Musa verheiratet haben. Am 6. August 1415 wurden T. von Kaiser Manuel II. Palaiologos die Despoteninsignien für Janina zugesandt. Nach dem Tode von Muriki Shpata (1414/15) bemühte sich T. um die Wiederherstellung des gesamten ehemaligen Despotats Epiros, dessen Hauptstadt Arta gewesen war. Auf Muriki war dort sein islamisierter Bruder Yakuh nachgefolgt; T. ließ ihn am 1. Oktober 1416 ermorden. Am 4. Oktober zog T. in Arta ein und nannte sich fortan „Despot der Rhomäer“. Nach seinem Tode übernahm Carlo II. (1429-1448), der Sohn seines Bruders Leonardo, die Herrschaft über das Despotat, das bis zur türkischen Eroberung 1479 in Familienbesitz blieb.

Literatur

Hopf, Karl: Geschichte Griechenlands vom Beginn des Mittelalters bis auf unsere Zeit. In: Ersch-Grubers „Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften und Künste“ I. Section 86 (Leipzig 1868) 1-173.
Ders.: Chroniques gréco-romanes inédites ou peu connues. Paris 1873.
Schirò, Giuseppe (Hrsg.): Cronaca dei Tocco di Cefalonia di Anonimo. Roma 1975. = Corpus Fontium Historiae Bizantinae. 10.

Verfasser

Peter Bartl (GND: 133417492)

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Empfohlene Zitierweise: Peter Bartl, Tocco, Carlo, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 333-334 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1790, abgerufen am: (Abrufdatum)

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