Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Mehmed I.

Mehmed I., osmanischer Sultan 1413-1421, † Adrianopel 04.05.1421, jüngster Sohn Bayezids I.

Leben

M. darf als der Restaurator des nach der Schlacht von Ankara (1402) zerschlagenen osmanischen Frühreiches betrachtet werden. Er hatte die Prinz-Gouverneursstelle in Amasya (Anatolien) inne, als durch den Einbruch Timurs, veranlaßt durch Bayezids I. aggressive Ostpolitik, der Untergang des osmanischen Frühstaates gekommen war. Dem in der Schlacht von Ankara zunächst Gefangenen gelang die Flucht und die Festsetzung im Raume Amasya-Tokat, wo er sich gegen den Mongolendruck zu behaupten verstand. Das der Entscheidungsschlacht von Ankara folgende Interregnum sah M. in Auseinandersetzungen mit seinen Brüdern, die sich mit wechselndem Glück und Erfolg in verschiedenen Gegenden des Reiches als „Teil-Sultane“ festsetzten. Unterstützt von den Karamanoğlu und den Dulkadroğlu, vermochte M. seinen Bruder Isa aus Brussa (Bursa) zu vertreiben (nach 1403), ebenso den zunächst in Adrianopel (Edirne) als Teil-Sultan herrschenden Bruder Süleyman, der im Zusammenhang mit dem Smyrnaer Lokalherrscher Cüneyd Bey nach Anatolien übergegriffen und sogar Brussa genommen hatte, nach Rumelien zurückzuwerfen. M. hatte seinen Bruder Musa nach dessen Entlassung aus dem Gewahrsam der Germiyanoğlu eigens nach Rumelien entsandt, wohl um Süleyman und Musa dort sich gegenseitig aufreiben zu lassen. Nach dem Siege Musas über den unbeliebten Süleyman (1410) mußte die endgültige Entscheidung über den Alleinsieg und den osmanischen Thron zwischen Musa und M. fallen. M. benutzte die Jahre 1410 bis 1413 zur Vorbereitung für die Auseinandersetzung mit Musa durch ein Bündnis mit dem byzantinischen Kaiser Manuel II. und dem serbischen Fürsten Stefan Lazarević sowie durch Herüberziehen prominenter Anhänger Musas auf seine Seite (Çandarli Ibrahim, Evrenos u. a.). In der Schlacht von (Çamurlu (bei Samokov) schlug M. seinen Bruder Musa, der dabei sein Leben verlor (05.07.1413). Zwar war durch die Beseitigung der letzten Teilherrschaft das Osmanische Reich wieder in einer Hand vereinigt, aber keineswegs befriedet. Abgesehen von den wirtschaftlichen Wunden, die durch die erregte Interregnumszeit dem Lande geschlagen worden waren, erhob sich die notleidende Bauernschaft, durch die Rajah unterstützt, unter den Bauernführern Börklüce Mustafa und Torlaq Hu Kemâl, deren Zugkraft nicht zuletzt durch die Persönlichkeit des berühmten Schejch Bedreddîn mitbedingt war. Die Niederschlagung des Aufstandes erforderte äußerste Anstrengungen und war zwar mit der Hinrichtung Bedreddîns äußerlich beendet (1416), doch schwelte der Brand unterirdisch noch lange weiter. Auch wurde das Reich beunruhigt durch den Thronanspruch des Düzme Mustafa (Falscher Mustafa), der aber anscheinend tatsächlich ein bei Ankara verschollener Bruder M.s war. Die Endlösung dieses Problems hinterließ M. seinem Nachfolger Murad (II.). 1414 unterwarf M. in Anatolien Karamanoğlu Mehmed und verjagte Cüneyd Bey Izmiroğlu. Im Westen durch den probyzantinischen Kurs gedeckt, konnte sich M. 1416 gegenüber Venedig zum mindesten behaupten (Flottengefecht bei Gallipoli), in den Thronfolgefragen der Walachei nach dem Tode Mirceas des Alten (1418) sogar intervenieren, aber auch in Anatolien Teile des Gebietes von Kastamonu an sich bringen. Die behauptete ausgedehnte Streifzugtätigkeit bis in die Steiermark ist etwas umstritten. Bemerkenswert für Südosteuropa ist das Sicherungssystem, das M. an der unteren Donau aufbaute, indem er die Furten durch Befestigungen unter seine Kontrolle brachte. Einige davon, z. B. Djurdjevo (Yerkökü), verdanken diesem Umstand ihren Aufstieg zur Stadt. Da der Kampf um die Macht und die Befriedung des Landes alle Kräfte in Anspruch nahm, war die kulturelle Leistung unter M. nicht sonderlich hoch, immerhin wurde in Adrianopel die Ulu Cami (Große Moschee) vollendet und in Brussa die Yeşil  Cami (Grüne Moschee) errichtet. M. starb jäh und unerwartet und noch jung an Jahren 1421 in Adrianopel unter nicht ganz geklärten Umständen. Gemessen an anderen Herrschern war M. vergleichsweise milde von Charakter, doch konnte er auch brutale Züge nicht verhehlen. Er trug den Beinamen Güreşçi (Ringer).

Literatur

Uzunçarşılı, Ismail Hakkı: Mehmed I. In: Islâm Ansiklopedisi. Bd 7. Istanbul 1955. 496-506.
Kreutel, Richard F.: Vom Hirtenzelt zur Hohen Pforte. Graz, Wien, Köln 1959. = Osmanische Geschichtsschreiber. 3.
Ders.: Leben und Taten der türkischen Kaiser. Graz, Wien, Köln 1971. = Osmanische Geschichtsschreiber. 6.

Verfasser

Hans-Joachim Kißling (GND: 118723251)


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