Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Seton-Watson, Robert William

Seton-Watson, Robert William, britischer Historiker und Publizist, * London 20.08.1879, † Skye (Schottland) 25.07.1951, Sohn des schottischen Kaufmannes William Watson und seiner Frau, einer geb. Seton.

Leben

Nach seinem Geschichtsstudium an der Universität zu Oxford 1898-1902 und Studienaufenthalten 1903/04 in Berlin und Paris sowie 1905/06 in Wien bereiste S.-W. in den folgenden Jahren bis 1914 beinahe alljährlich weite Teile der Habsburgermonarchie, auf die sich nunmehr alle seine Interessen konzentrierten. Auf diesen Reisen lernte S.-W. eine ungewöhnlich große Anzahl führender Repräsentanten aller ethnischen und politischen Gruppen der Monarchie näher kennen: neben den Österreichern Heinrich Friedjung, Josef Redlich, Karl Renner und Josef Maria Baernreither, die Slowaken Anton Štefánek, Kornel Stodola, Milan Hodža, die Siebenbürger Sachsen Friedrich Teutsch und Carl VJolff, die Rumänen Iuliu Maniu, Alexandru Vaida-Voievod, Vasile Goldiş, Nicolae Iorga, Ionel Braţianu, Take Ionescu, die Ungarn Oszkár Jászi und Edmund Steinacker, den Tschechen Tomáš Garrigue Masaryk, die Kroaten Josip Smodlaka, Ivo Lupis-Vukić, Frano Supilo, Ante Trumbić und die Serben Jovan M. Jovanović, Svetozar Pribićević, Ilija Jukić und Jovan Cvijić, um nur einige zu nennen. Diese Kontakte machten zusammen mit dem Studium der Tagespresse und der Fachliteratur S.-W. zu einem der besten ausländischen Kenner aller Existenzprobleme der Habsburgermonarchie. Als oberstes Ziel jeder Reichspolitik betrachtete S.-W. die Lösung ihrer Nationalitätenfrage, die er als überzeugter Liberaler aus der Schule William Ewart Gladstones nur auf demokratischer Basis und unter peinlicher Beachtung aller historischen, ethnisch-geographischen und sonstigen Gegebenheiten für möglich hielt. Die Monarchie wertete er bis 1914 als einen entscheidenden Faktor des europäischen Gleichgewichts im Hinblick auf deutsche wie auf russische Expansionsabsichten. Ihre notwendige Reichsreform hatte sich an der von S.-W. ihr zugewiesenen Funktion einer Schutzmacht der kleinen Völker diesseits und jenseits ihrer Grenzen zu orientieren. Das sind die Grundgedanken seiner ersten Publikation, die unter dem von ihm noch häufig gebrauchten Pseudonym "Scotus Viator“ erschien (,,The future of Austria-Hungary“, London 1907; deutsche Ausgabe: ,,Die Zukunft Österreich-Ungarns und die Haltung der Großmächte“, Leipzig, Wien 1908). S.-W.s Hoffnungen auf eine, seiner Meinung nach von Wien aus noch realisierbare Neuordnung der Monarchie waren bei ihm sehr stark mit der Person des von ihm geschätzten Thronfolgers Franz Ferdinand verbunden. In Annäherung an dessen Pläne schlug S.-W. eine zentralisierte Reichsverfassung vor, mit einem gemeinsamen Parlament und einer gemeinsamen Regierung auf der oberen und einer föderalistischen Gliederung auf der mittleren Ebene in drei Ländergruppen: Ungarn, Südslawien und Österreich-Böhmen. Zunächst setzte sich S.-W. in seinem ersten größeren Werk mit der Lage der ungarländischen Nationalitäten auseinander („Racial problems in Hungary“, London 1908; tschechische Ausgabe Brünn 1913). Unter dem Eindruck mehrerer Reisen nach Budapest und in die nördlichen und östlichen Landesteile verfestigte sich rasch seine Überzeugung, daß „das ganze politische Leben der Magyaren korrupt und faul (ist) und das Gebäude der magyarischen Hegemonie langsam zerbricht, aber unaufhaltsam“, wie er dies auch am Beispiel der von ihm dargestellten innenpolitischen Auseinandersetzungen des Landes („Political persecution in Hungary“, London 1908) und des Reichstags-Wahlkampfes von 1910 („Corruption and reform in Hungary“, London 1911; deutsche Ausgabe: „Ungarische Wahlen. Beitrag zur Geschichte der politischen Korruption“, Leipzig 1912) näher belegte. Die Vorgänge in und um Bosnien und seine persönliche Teilnahme am Agramer Hochverratsprozeß im Mai 1909 und am Friedjung-Prozeß im Dezember gleichen Jahres in Wien veranlaßten S.-W., sich sodann ganz der Erforschung der südslawischen Problematik zu widmen. Seine Ergebnisse faßte er in seinem ersten großen Standardwerk zusammen: „The South-Slav Question and the Habsburg Monarchy“ (London 1911; deutsche Ausgabe: „Die südslawische Frage im Habsburger Reiche“, Berlin 1913). Darin kritisierte S.-W. scharf die politischen Methoden des Außenministers Baron Lexa von Aehrenthal, die S.-W. zufolge nicht nur auf eine Unterdrückung der Südslawen, sondern auch auf eine Gefährdung seines eigenen außenpolitischen Erfolges hinausliefen, nämlich auf die von S.-W. im Prinzip begrüßte Annexion Bosnien-Herzegowinas. In dieser erblickte S.-W. eine notwendige Stärkung der Großmachtstellung Österreich-Ungarns und einen Schritt zur Lösung der südslawischen Frage, die er in der Zusammenfassung aller südslawischen Volksgruppen im Habsburgerreich gegeben sah. Das Attentat von Sarajevo und der Kriegsausbruch im August 1914 zerstörten jedoch alle seine Pläne und Hoffnungen und seinen Glauben an eine Existenzberechtigung der Donaumonarchie. Nach einer offiziösen Mission S.-W.s mit seinem Kollegen George M. Trevelyan im Januar 1915 in Serbien und Rumänien trat er für eine gemeinsame Balkanpolitik der Alliierten ein, um Rumänien und Griechenland, später vielleicht auch Bulgarien, zum Anschluß an die Ententemächte zu überreden. Doch der von ihm wegen der Preisgabe Dalmatiens an Italien hart aber vergeblich bekämpfte Vertrag von London (1915) und der Zusammenbruch Serbiens forderten S.-W. zu einer scharfen Kritik der britischen Außenpolitik unter Sir Edward Grey heraus. Das Foreign Office, das bis 1916 gerne S.-W.s Rat in Balkanfragen eingeholt hatte, suchte den nun unbequem gewordenen Kritiker durch seinen Einzug zum Militär im Herbst 1916 zum Schweigen zu bringen. Erst eine Unterhausdebatte sicherte S.-W. eine sinnvollere Tätigkeit als Beamter des Nachrichtenbüros im britischen Kabinettsrat und später im Propagandaministerium unter Lord Alfred Northcliffe bis zum Kriegsende. Von größerer historischer Bedeutung blieb jedoch das geschickte, weil durch große Sachkenntnis fundierte Eintreten S.-W.s für die Auflösung der Donaumonarchie und die politische Neuordnung in diesem Teil Europas, die er in ihren wesentlichen Grundzügen in der eigens zu diesem Zweck 1916 gegründeten Zeitschrift „The New Europe“ für die Weltöffentlichkeit konzipierte. Dem gleichen Ziel dienten seine in der Kriegszeit veröffentlichten Werke: „Roumania and the Great War“ (London 1915), „The Balkans, Italy and the Adriatic“ (London 1915), „The future of Bohemia“ (London 1915), „German, Slav and Magyar: a study in the origins of the Great War“ (London 1916) und „The rise of nationality in the Balkans“ (London 1917), in denen S.-W. stets für das Selbstbestimmungsrecht der Völker zugunsten eines von ihnen frei gewählten Staatswesens auf den von ihm aufgezeigten historischen Grundlagen plädierte. S.-W. entwarf in diesen Werken ein neues, mit Siebenbürgen und Bessarabien vereinigtes Großrumänien, ein neues unabhängiges Böhmen in seinen historischen Grenzen und erweitert um die slowakischen Bezirke Nordungarns, und schließlich ein neues Jugoslawien als föderativen Zusammenschluß der Slowenen, Kroaten und Serben mit Serbien und seiner Dynastie als Machtgrundlage, obwohl er der regierenden Oligarchie dieses Landes unter Nikola P. Pašić und später unter dem König Alexander stark mißtraut hat, doch andererseits seit den Balkankriegen 1912/13 von der Lebenskraft dieses Volkes tief beeindruckt blieb. Parallel zu dieser publizistischen Tätigkeit bildete sich um S.-W. und seinen Freund aus der gemeinsamen Wiener Zeit, dem nunmehrigen „Foreign Editor“ der „Times“ Henry Wickham Steed, ein wichtiges westeuropäisches Zentrum für die politische Arbeit der emigrierten Nationalitätenführer aus der Monarchie und ihrer Gremien (so z. B. des Jugoslawischen Nationalkomitees in London), allen voran Masaryk, mit dem S.-W. bereits seit dem Herbst 1914 eng zusammenarbeitete und den er gleich vielen anderen mit Regierungsvertretern der Entente zusammenbrachte. Durch die von ihm im Januar 1918 eingeleiteten Grenzausgleichsverhandlungen zwischen dem italienischen Ministerpräsidenten Vittorio Emanuele Orlando und Trumbić suchte S.-W. zwischen Italien und den Südslawen zu vermitteln, hatte dabei jedoch nur vorübergehend Erfolg. Einen solchen stellte der von ihm mit geplante Kongreß der unterdrückten Völker Österreich-Ungarns im April 1918 in Rom dar, der die Zusammenarbeit der Exilpolitiker und ihre Anerkennung von seiten der Alliierten beträchtlich förderte. Auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 spielte S.-W. eine bedeutende Rolle als Autorität für die Fragen Zentral- und Südosteuropas, insbesondere für die Grenzziehung zwischen Jugoslawien-Österreich-Italien, bei der er sich allerdings vergeblich für den Anschluß ganz Dalmatiens an Jugoslawien einsetzte. Die Auflösung seiner Zeitschrift „The New Europe“ Ende Oktober 1920 markiert die Hinwendung S.-W.s zur ernsten Geschichtswissenschaft, die er durch seinen entscheidenden Anteil an der Gründung und dem Aufbau der Londoner „School of Slavonic and Eastern Studies“, des Zentrums der britischen Osteuropaforschung, und deren Organ, der „Slavonic and East European Review“, sowie durch zahlreiche Arbeiten wesentlich bereichert hat. Zu nennen sind hier seine Gesamtdarstellungen: „A history of the Roumanians“ (Cambridge 1934, französisch Paris 1937, Reprint Hamden/Conn. 1963), „A history of the Czechs and Slovaks“ (London 1943, Reprint Hamden/Conn. 1965) und sein Beitrag in „A short history of Yugoslavia“ (Cambridge 1966); ferner seine Monographien über die britische Europapolitik („Britain in Europe, 1789 to 1914“, Cambridge 1937; „Disraeli, Gladstone and the Eastern Question“, London 1935; „Britain and the Dictators“, Cambridge 1938, 3. Auflage als: „From Munich to Danzig“, London 1939) und schließlich seine Studie zum Kriegsausbruch: „Sarajevo“ (London 1926). Doch der 1922 zum ersten Inhaber des „Masaryk Chair of Central European History“ an der Londoner Universität gewählte S.-W. verband auch weiterhin die historische Erforschung der Zeitgeschichte nicht nur mit akademischen Ansprüchen, sondern auch mit politischen Aufgaben, denen er bis 1929 vor allem im Rahmen seiner persönlichen Reisen durch die betreffenden Länder nachzukommen suchte. In Jugoslawien, das ihn mit der Verleihung der Ehrendoktorwürde an den Universitäten zu Zagreb (1920) und zu Belgrad (1928/29) feierte, bekämpfte er bis 1945 als strenger Anwalt einer föderalistischen Lösung stets die großserbische Politik und mochte aus diesem Grund nach 1945 seine Sympathie für Tito und seine Staatsreform niemals verleugnen. In der Tschechoslowakei widmete er seine Aufmerksamkeit besonders den slowakischen Verhältnissen („The new Slovakia“, Prag 1924; „Slovakia then and now“, London, Prag 1931 und „25 years of Czechoslovakia“, London 1945). In Ungarn nahm S.-W. gegen das Horthy-Regime und seine Revisionspolitik Stellung („Treaty revision and the Hungarian frontiers“, London 1934), und auch in Rumänien, das ihn im ganzen Land als Einiger des Vaterlandes ehrte, verurteilte er streng die faschistischen Tendenzen und die Politik König Karls II. In den Jahren 1938-1945 arbeitete S.-W. wiederum für die britische Regierung und deren Nachrichtendienst und setzte sich insbesondere für die Freiheit der Tschechoslowakei ein. 1945 gab er seinen Londoner Lehrstuhl auf, wurde für die Jahre 1945-1948 durch die Wahl zum Präsidenten der „Royal History Society“ ausgezeichnet und lehrte noch einige Jahre (1945 bis 1947) in Oxford auf dem von der tschechischen Regierung unter Eduard Beneš unterstützten Lehrstuhl für tschechoslowakische Studien, bis ihn seine schwache Gesundheit zwang, sich vollkommen zurückzuziehen. Als Vorkämpfer einer neuen Staatenordnung Ostmitteleuropas nach 1914 hat sich S.-W. unter Einsatz der von ihm mitbegründeten psychologischen Kriegsführung gegen die Mittelmächte in der Geschichte dieses Raumes einen festen Platz erobert. Mit seinem von ihm maßgeblich mit entworfenen Konzept der Nachfolgestaaten der Habsburgermonarchie wollte er ein starkes demokratisch-liberales und nationalstaatliches Forum für die seiner Meinung nach dringend notwendige geistige Begegnung und Verschmelzung der westlich-lateinischen mit der östlich-slawisch-orthodoxen Kultur schaffen. In seiner Begeisterung für diese Völker überschätzte er den von ihm geforderten Kooperationswillen der neugebildeten Staaten, der der von ihm klar erkannten Gefahr eines Machtvakuums begegnen sollte, so daß er noch zu seinen Lebzeiten und zu seiner tiefen Enttäuschung die Eroberung dieser Länder zuerst durch den deutschen und nach 1945 durch den sowjetischen Imperialismus erleben mußte.

Literatur

Steed, Henry Wickham: Through Thirty Years, 1892-1922. 2 Bde. Garden City/N.Y. 1925.
Ders. [u.a.]: Tributes to R. W. Seton-Watson: A Symposium. In: Slavonic and East Europ. Rev. 30 (1951/52) 331-363.
May, Arthur J.: Seton-Watson and the Treaty of London. In: J. mod. Hist. 29 (1957) 42-47.
Ders.: R. W. Seton-Watson and british Anti-Hapsburg sentiment. In: Amer. Slavic and East Europ. Rev. 20 (1961) 40-54.
Hanak, Harry: Great Britain and Austria-Hungary during the First World War. London 1962.
Milutinović, Kosta: R. W. Seton-Watson i Jugoslavenski odbor u Londonu. Zagreb 1966.
Ders.: R. W. Seton-Watson i jugoslavensko pitanje u Habsburškoj Monarhiji. In: Jugoslavenski istorijski časopis 6 (1967) 209-242.
Schuster, Peter: Henry Wickham Steed und die Habsburgermonarchie. Wien, Köln, Graz 1970.
Seton-Watson, Hugh: R. W. Seton-Watson i jugoslavensko pitanje. In: Časopis za suvremenu povijest 2 (1970) 75-97.
Ders.: R. W. Seton-Watson and the Roumanians. In: Rev. roum. Hist. 10 (1971) 25-41.
Ders.: R. W. Seton-Watsons Einstellung zur Habsburger-Monarchie 1906-1914. In: Österr. Gesch. u. Lit. 17 (1973) 361-381.
R. W. Seton-Watson i Jugoslaveni. Korespondencija. 2 Bde. London, Zagreb 1976.
Seton-Watson, Hugh: Anton Štefanek and R. W. Seton-Watson. In: Bohemia 18 (1977) 226-254.

Verfasser

Gerhard Seewann (GND: 1069961280)

GND: 118796755

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