Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Rallis, Dimitrios

 Rallis, Dimitrios, griechischer Politiker, * Athen 1844, † ebd. 19.(6.) 08. 1921, Sohn des Georgios R., aus der bekannten Athener Politikerfamilie der R.

Leben

 R. hörte die Juravorlesungen seines Vaters an der Athener Universität und nahm an den Studentenaufständen gegen König Otto und die Regierung Miaulis teil, in der sein Vater Justizminister war. Er setzte seine Studien in Paris fort und erwarb 1866 den Doktor der Rechte mit einer Arbeit über Marineanleihen. Nach Athen zurückgekehrt, wurde er 1868 Dozent für Handelsrecht. Nach der Erreichung des Mindestalters für Politiker wurde er 1872 zum Parlamentsabgeordneten des Bezirks Attika gewählt, eine der Schlüsselstellungen der griechischen Innenpolitik. Als populärer Oppositionspolitiker bekleidete er dieses Amt mehrere Male in seiner politischen Laufbahn, die die politischen, sozialen und kulturellen Spannungen und Ambivalenzen der Zeit widerspiegelt. 1875 trat er der neugegründeten „5. Partei“ (Verfassungspartei) von Charilaos Trikupis bei und wurde Minister für öffentliche Erziehung und Religionsfragen. Mit dem Abgeordneten von Lakonien, Leonides Petropulos, geriet er in Streit und verwundete ihn im Duell. Am 15. (3.) März 1882 übernahm er das Justizministerium in der 4. Regierung Trikupis, überwarf sich jedoch mit diesem und ging eigene Wege. 1888 gründete er seine eigene Partei, die „Dritte“, und gewann schnell Anhang. Als König Georg I. nach dem Rücktritt des Kabinetts Theodoros Dilijannis (29.02.1892) seinen Parteifreund Konstantinos Konstantinopulos mit der Regierungsbildung betraute und nicht ihn, forderte er den neuen Ministerpräsidenten zum Duell, ohne aber auf ihn zu schießen. Der Großteil der Partei folgte R. in der Weigerung, an einer solchen provisorischen Regierung teilzunehmen. Während der neuerlichen Regierungsperiode von Trikupis (21.06.1892-14.05.1893) trat R. mit seiner Partei offen in Opposition. Nach Trikupis’ Sturz kam zwar die „Dritte“ an die Macht, aber wieder wurde nicht R. Ministerpräsident, sondern Sotirios Sotiropulos. Als Innenminister besetzte R. aber alle Ministerien ausschließlich mit Freunden. Schon am 11. November (30.10.) 1893 mußte die Regierung zurücktreten, weil sie den drohenden Staatsbankrott nicht abwenden konnte, und Trikupis ergriff wieder das Ruder. R. verblieb in der Opposition, auch als nach den Wahlen vom 28. (16.) April 1895 wieder Dilijannis an die Macht kam. Nachdem sich Trikupis nach seiner Wahlniederlage aus der Politik zurückgezogen hatte, war R. plötzlich Führer der gesamten Opposition. 1896 brach der kretische Aufstand aus, und im folgenden Jahr kam es zum Krieg mit der Türkei. Nach der Übergabe von Larisa an die türkische Armee wiegelte R. die Bürgerschaft von Athen auf, zwang Dilijannis zum Rücktritt, bildete am 29. April 1897 eine eigene Regierung aus der vereinigten Opposition und setzte sich selbst als Minister für Marinewesen ein. Doch der Vormarsch der Türken wurde erst durch das Eingreifen von Zar Nikolaus II. gestoppt. R. wurde im September 1897 gestürzt, und die Regierung Alexandros Zaimis handelte den Frieden mit dem Feind aus (4.12./22.11.1897). Als im Februar 1899 Georgios Tkeotokis an die Macht kam, kooperierte R. mit seinem einstigen Gegner Dilijannis. 1902 wurde er zum Parlamentsvorsitzenden ernannt, 1903 zum Finanz- und Außenminister. Nach der Ermordung von Dilijannis übernahm er 1905 die Führung seiner Partei, verlor sie jedoch bald an Theotokis. Erst am 20. (7.) Juli 1909 bildete er wieder eine Regierung, die schon 40 Tage später durch den Militärputsch von Gudi (28./15.08.1909) gestürzt wurde. Eleftherios Venizelos betrat die politische Bühne, und R.’ Rolle in der Opposition wurde unbedeutender. Während des Ersten Weltkrieges war er kurzfristig Finanz- und Verkehrsminister. Am 14. (1.) November 1920, nach der Niederstimmung der Liberalen, bildete er seine letzte Regierung, die bis zum 3. Februar (21.01.) 1921 an der Macht blieb. Ein Krebsleiden setzte seiner bewegungsreichen politischen Laufbahn ein Ende.

Literatur

Evangelidis, Triphon E.: Ta meta tu Othona. In: Ders.: Istoria tis Mesovasileias kai tis Vasileias Georgiu tu A’ (1862-1898). Athen 1898.
Mavrocordato, John: Modern Greece 1800-1931. London 1931.
Kiriakopulos, Kostas A.: Selides apo tin neoteran istorian 1821-1912. Athen 1965.
Markezinis, Spiros V.: Politiki istoria tis neoteras Ellados, 1828-1964. 4 Bde. Athen 1966/68.

Verfasser

Walter Puchner (GND: 115411496)

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Empfohlene Zitierweise: Walter Puchner, Rallis, Dimitrios, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 30-31 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1586, abgerufen am: (Abrufdatum)

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