Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Petŭr I. (Bulgarien)

Peter I. (Petŭr I.), bulgarischer Zar 927-969, † 30.01.969, zweitältester Sohn und Nachfolger Simeons, verheiratet mit Maria (Irina) Lakapene, der Enkelin des byzantinischen Kaisers Romanos I. Lakapenos.

Leben

Simeons jahrelange Kriege mit Byzanz hatten Bulgarien so schwer belastet, daß P. zwar ein riesiges, aber völlig erschöpftes Reich übernahm. P., den die Geschichtsschreibung als schwächlichen und energielosen Zaren darstellt, vermochte den Staat nicht in derselben Weise wie sein Vater zentralistisch zu regieren, sondern mußte aufgrund seiner persönlichen Unfähigkeit Zusehen, wie das Land zum Spielball seiner Nachbarn wurde und unweigerlich dem Untergang entgegenging.
Die eigentlichen Regierungsgeschäfte führte fortan P.s Onkel Georgi Sursuvul, während sich der neue Zar lieber mit religiösen Fragen beschäftigte. Noch im ersten Regierungsjahr wurde mit Byzanz Frieden geschlossen, das wegen der wieder einmal drohenden Arabergefahr ebenfalls Frieden mit dem nördlichen Nachbarn suchte. Im Vertrag wurde festgehalten, alle nach 913 von Simeon eroberten byzantinischen Gebiete zurückzugeben; ferner wurde der Austausch der Gefangenen verabredet und P. mußte Byzanz einen jährlichen Tribut zahlen, wie es im Friedensvertrag von 896 vereinbart worden war. Wichtiger jedoch waren die Zugeständnisse von seiten des byzantinischen Reiches, das P. den Titel „Zar der Bulgaren“ und dem kirchlichen Oberhaupt den Titel „Patriarch“ zuerkannte. Zur Bekräftigung der neu einsetzenden Beziehungen zwischen den beiden Reichen nach den jahrelangen Kriegen ehelichte P. die Enkelin des Kaisers Romanos I. Lakapenos, Maria, die symbolhaft den Namen Irina (Frieden) annahm. Schon 928 bildete sich eine Gruppe unzufriedener Boljaren um P.s jüngeren Bruder Ivan, die den Zaren absetzen wollte. Das Komplott wurde rechtzeitig aufgedeckt, die Boljaren bestraft und Ivan in ein Kloster geschickt, aus dem er aber bald mit byzantinischer Hilfe fliehen konnte. Zwei Jahre später stand der in der Thronfolge übergangene älteste Sohn Simeons,  Michail, an der Spitze einer neuen Verschwörung und erklärte sich zum unabhängigen Fürsten. Nur der plötzliche Tod Michails bewahrte P. vor einem Kampf. Die innenpolitischen Unruhen schwächten die Zentralgewalt, was sich auch außenpolitisch auswirkte. 931 versuchten sich die Serben von der bulgarischen Herrschaft, unter die sie 924 gekommen waren, zu befreien. Der serbische Fürst Časlav, der in Preslav gefangengehalten worden war, floh nach Serbien und entfachte mit byzantinischer Unterstützung einen Aufstand gegen Bulgarien. Im Jahre 934 drangen die Ungarn zum erstenmal in Bulgarien ein, plünderten weite Gebiete im Norden und zogen bis nach Thrakien und die byzantinische Reichsgrenze im Süden. Bis zum Tode P.s sollten die Ungarn eine ernste Gefahr für Bulgarien bleiben. In seiner Regierungszeit wurde auch die Donau die endgültige Nordgrenze, nachdem die Petschenegen die transdanubischen Gebiete eingenommen hatten. Als Nikephoros II. Phokas 963 zum neuen byzantinischen Kaiser ausgerufen wurde, wurde der Frieden erneuert, jedoch mußten Boris und Roman, P.s Söhne, in Byzanz als Friedensbürgen verbleiben. Nach dem Tode der Zarin Maria-Irina verschlechterten sich die nachbarlich-verwandtschaftlichen Beziehungen. Der Kaiser rief schließlich 968 den Kiever Fürsten Svjatoslav (945—972) gegen die Bulgaren ins Land, der den Nordosten Bulgariens verwüstete. Noch vor der russischen Einnahme der Zarenstadt Preslav starb jedoch Zar P.
Der langjährige Frieden, den P. mit Byzanz geschlossen und durch die Heirat mit der Kaiserenkelin bekräftigt hatte, konnte den inneren Verfall des Staates nicht auf- halten, beschleunigte ihn vielleicht sogar noch. Durch Simeons Kriege war das Volk ausgebeutet und unzufrieden geworden, die sozialen Gegensätze wurden immer größer. Am Zarenhof und im kirchlichen Bereich ließ sich eine zunehmende Byzantinisierung beobachten. All dies führte zu einer Neubesinnung, die sich sowohl in einer aufstrebenden Mönchs- und Einsiedlerbewegung als auch in der neuen Lehre der Bogomilen äußerte.

Literatur

Zlatarski: Bd 1/2, 516-590.
Mutafčiev, Petŭr: Madžarite i bŭlgaro-vizantijskite otnošenija prez tretata četvŭrt na X vek. In: God.Sof.Univ., ist.-filos. Fak. 31 (1934/35) 1-35.
Ders.: Istorija na bŭlgarskija narod. Bd 1. Sofija 1943(2), 321-358.
Angelov, Dimitŭr: Die gegenseitigen Beziehungen und Einflüsse zwischen Byzanz und dem mittelalterlichen Bulgarien. In: Byzantinoslavica 20 (1959) 40-49.

Verfasser

Detlef Kulman (GND: 128703393)

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Empfohlene Zitierweise: Detlef Kulman, Petŭr I. (Bulgarien), in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 3. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1979, S. 431-432 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1519, abgerufen am: (Abrufdatum)

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