Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Ivan Aleksandŭr

Ivan Aleksandŭr, bulgarischer Zar 1331-1371, † Februar 1371, aus der Dynastie der Sismaniden.

Leben

 Nach dem für die Bulgaren unglücklichen Ausgang der serbisch-bulgarischen Schlacht bei Velbüzd im Jahre 1330 vergrößerte sich die Gefahr der serbischen Einflußnahme auf die bulgarische Politik. Die Serbin Anna, Schwester von Uros III. Decanski und zweite Ehefrau des gefallenen Zaren Michail Sisman, übernahm nämlich in Türnovo die Regentschaft für ihren minderjährigen Sohn Ivan Stefan. Um dem fremden Einfluß entgegenzuwirken, unternahmen die beiden Boljaren Raksin und Filip im Frühjahr 1331 einen Staatsstreich. Die Zarin Anna mußte mit ihren Söhnen das Land verlassen und bei ihren serbischen Verwandten Zuflucht suchen. Den Verwandtschaftsbeziehungen nach fiel die Thronfolge auf die Familie des Despoten Sracimir, der mit einer Schwester des Zaren Michail Sisman verheiratet war. Die Boljaren wählten deren Sohn I., der an der Schlacht bei Velbüzd teilgenommen hatte und Despot der Gebiete von Lovec und Krün war, zum neuen bulgarischen Zaren.
 Die Wahl durch die Boljaren sicherte I. gleich zu Beginn seiner Herrschaft deren Unterstützung, so daß er sich der Außenpolitik widmen konnte. Erste Aufgabe war es, die feindseligen Auseinandersetzungen mit dem serbischen Nachbarstaat zu beenden. Erleichtert wurde dies durch die Thronbesteigung eines neuen serbischen Herrschers, des Zaren Stefan Dusan, ebenfalls im Jahre 1331. Als Nachfolger des gestürzten Uros III. Decanski suchte Stefan Dusan freundschaftlichere Beziehungen zu Bulgarien; seine Verehelichung mit Elena, der Schwester Ls, im Jahre 1332, leitete ein jahrelanges friedliches Nebeneinanderleben zwischen Serben und Bulgaren ein. Das Verhältnis wurde auch nicht getrübt, als Stefan Dusan seinen Machtbereich immer weiter nach dem Südosten der Balkanhalbinsel ausdehnte. Schwieriger entwickelten sich zunächst die Beziehungen zu Byzanz. Nach der Schlacht bei Velbüzd hatte Andronikos III. Gebiete zwischen Jambol und dem Schwarzen Meer mit den wichtigen Hafenstädten Mesembria und Anchialo eingenommen. Mit Ausnahme von Mesembria konnten die Bulgaren die Gebiete zurückerobern, bis sie wenig später wiederum in byzantinische Hände fielen. Eine Entscheidung brachte erst der bulgarische Sieg am 18. Juli 1332 bei der Festung Rosokastro in der Nähe der heutigen Stadt Burgas. Die Byzantiner mußten die eroberten Gebiete an Bulgarien zurückgeben. Außerdem wurde ein Ehevertrag geschlossen zwischen Michail Äsen, dem bulgarischen Thronfolger und Maria, der Tochter des byzantinischen Kaisers Andronikos III. Da beide anscheinend noch minderjährig waren, fand die Hochzeit erst 1338 in Adriano- polis statt. Die innenpolitische Entwicklung in Byzanz in den vierziger Jahren des 14. Jh.s wirkte sich auch auf Bulgarien aus. Im Bürgerkrieg zwischen 1341 und 1347 buhlten die rivalisierenden Parteien von Johannes VI. Kantakuzenos und Johannes V. Palaio-logos um die militärische Unterstützung Bulgariens. Trat I. zunächst auf die Seite des ersteren, ließ er sich vom letzteren umstimmen, als ihm einige Festungen, wie Čepino, Kričim, Peruštica, Stanimaka u. a., sowie die Stadt Plovdiv im Jahre 1344 versprochen wurden. Dies sollte zugleich der letzte territoriale Gewinn vor der türkischen Eroberung werden. Der Bürgerkrieg im byzantinischen Reich hatte aber auch verhängnisvoll zur Folge, daß sich die Türken als Hilfstruppen bald der einen, bald der anderen Seite zur Verfügung stellten. Johannes VI. Kantakuzenos ging 1347 als Sieger aus den jahrelangen Unruhen hervor. In den byzantinisch-bulgarischen Beziehungen traten keine einschneidenden Veränderungen ein; Bulgarien behielt die Gebietszuwachse. Der Versuch des Kantakuzenos, 1351 I. für den Bau einer gemeinsamen Flotte zu gewinnen, scheiterte. Bereits 1352 brachen neue Kämpfe in Byzanz aus. I. stand wiederum dem Palaiologen zur Seite, während Kantakuzenos türkische Söldner anwarb. Die Türken nahmen 1352 die Festung Tzympe und 1354 die Festung Kallipolis ein, womit der erste Schritt zur Eroberung der Balkanhalbinsel vollzogen war. 1354 mußte Kantaku zenos zu Gunsten von Johannes V. abdanken. Der neue byzantinische Kaiser suchte bereits im Jahr darauf Bulgarien für ein byzantinisch-bulgarisches Bündnis gegen die Türken zu gewinnen, das aber nicht zustande kam. Um die Mitte des 14. Jh.s brach das partikularistische Denken einzelner bulgarischer Boljaren offen zutage. Einzelne Gebiete lösten sich von Türnovo und erklärten ihre Unabhängigkeit. Diese Entwicklung wurde vom Zarenhof indirekt gefördert. Nach dem Tod des legitimen Thronfolgers Michail Äsen (1355) kam es in der Familie Ls zu Erbfolgestreitigkeiten. Aus Ls erster Ehe mit der Rumänin Teodora stammten die Söhne Michail Äsen, Ivan Sracimir und Ivan Äsen; aus der zweiten Ehe mit der zur Orthodoxie übergetretenen Jüdin Teodora (Sara) ging Ivan Sisman hervor. Die Auseinandersetzung wurde dadurch beendet, daß Ivan Sisman zum Thronfolger ernannt wurde und Ivan Sracimir das Gebiet von Vidin erhielt. In der Gegend zwischen Donau und Schwarzem Meer errichteten Balik, nach ihm sein Bruder Dohrotica und später dessen Sohn Ivanko ein selbständiges Fürstentum. Neben diesen Separatistenstaaten existierten ein paar Dutzend kleinere von Türnovo unabhängige Gebiete. Diese negative Entwicklung sollte sich schon Jahrzehnte später schicksalvoll auswirken, als den einbrechenden Türken nämlich kein nationaler, geschlossener Staat mehr entgegentreten konnte. Bereits zehn Jahre nach ihrem Einbruch in Europa wurden die Türken zu einer ernsten Gefahr für die Bulgaren. Nach Eroberung des byzantinischen Thrazien fielen 1364 die bulgarischen Städte Plovdiv und Stara Zagora. I. suchte eine Annäherung an Sultan Murad um sein Land vor weiteren Einfällen zu schützen. Der Plan gelang, und bereits 1364 entfachte I. mit Unterstützung türkischer Söldner einen Krieg gegen Byzanz. Zur gleichen Zeit wurden die nordwestbulgarischen Gebiete von Ungarn bedroht. Ludwig I. fiel in Bulgarien ein und eroberte Vidin. Initiiert waren die Pläne nicht zuletzt von Byzanz und Papst Urban V., der sich mit dem Gedanken eines Kreuzzuges gegen die verbündeten Türken und Bulgaren trug. Die gespannten Beziehungen zwischen Byzanz und Bulgarien hatten auch zur Folge, daß dem byzantinischen Kaiser die Durchreise durch Bulgarien verwehrt wurde. Aus Vidin konnte Johannes V. erst Weiterreisen, als die Flotte des Grafen Amadeo von Savoyen einige bulgarische Hafenstädte erobert hatte. Als Ludwig I. die Vorbereitungen für einen Feldzug gegen Türken und Bulgaren aufgab, konnte Vidin 1369 oder 1370 zurückerobert werden. Im Februar 1371 starb I. Die Regierungszeit Ls war geprägt von innerstaatlichem Verfall. Ohne den außenpolitischen Vorgängen Rechnung zu tragen, entstanden Teilreiche und selbständige Fürstentümer, die eine eigensüchtige Politik betrieben. Das byzantinische Reich wiederum erschöpfte zu dieser Zeit seine letzten Kräfte in innenpolitischen Auseinandersetzungen, ohne den so entscheidenden Vorgängen, wie der drohenden Türkengefahr, zu begegnen. Die drei großen Reiche, Byzanz, Bulgarien und Serbien, führten gegenseitig Kriege, anstatt sich gegen den Türkensturm zusammenzuschließen. Man kann es wohl tragisch nennen, daß Bulgarien und das byzantinische Reich, die sechs Jahrhunderte lang immer wieder um die Vorherrschaft gerungen hatten, nun das Opfer eines Dritten, der Türken, wurden. Trotz des staatlichen Niederganges erlebte das Kultur- und Geistesleben in Bulgarien in der Mitte des 14. Jh.s noch einmal einen Höhepunkt. In I. fanden Literatur und Baukunst ihren vornehmsten Mäzen. Die politische Uneinigkeit und der staatliche Verfall Bulgariens ließen aber auch wieder jene Erscheinungen deutlich werden, die bereits aus der Zeit Petürs in der ersten Hälfte des 10. Jh.s bekannt sind. Das Volk, das sowohl die Feudalherrschaft der Boljaren wie auch die einsetzenden Türkeneinfälle am bedrückendsten empfinden mußte, suchte von neuem bei verschiedenen Sekten, wie Bogo- milen oder Adamiten, die von der staatlichen Obrigkeit verfolgt wurden, Zuflucht und Trost. Daneben entwickelte sich im Hesychasmus eine neue mystisch-asketische Strömung.

Literatur

Slatarski, W. N.: Geschichte der Bulgaren. 1. Teil. Von der Gründung des bulgarischen Reiches bis zur Türkenzeit (679-1396). Leipzig 1918.
Trifonov, Jurdan: Despot Ivan-Aleksandŭr i položenieto na Bŭlgarija sled Velbuždkata bitka. In: Spis. Bŭlg. Akad. Nauk. 43 (1930) 61-91.
Mutafčiev, Petŭr: Istorija na bŭlgarskija narod. Bd 2. Sofija 1944.
Istorija: Bd 1.

Verfasser

Detlef Kulman (GND: 128703393)


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