Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Selim III.

Selim III., osmanischer Sultan 1789-1807, * Istanbul 24.12.1761, † (ermordet) ebd. 28.07.1808, Sohn Sultan Mustafas III.

Leben

S. erhielt eine sorgfältige Ausbildung und zeigte früh eine große Begabung für Musik und Literatur. Er bewunderte die technische Überlegenheit Europas und korrespondierte heimlich mit Ludwig XVI., der ihn jedoch enttäuschte. Seinem verhältnismäßig freien Leben als Kronprinz wurde 1785 durch Abdülhamid I. aus innenpolitischen Gründen ein Ende gesetzt; er folgte diesem am 7. April 1789 auf den Thron. Von seinem Vorgänger hatte S. einen verlustreichen Krieg gegen Österreich und Rußland übernommen und konnte neue osmanische Niederlagen und den Verlust Belgrads (08.10.1789) nicht verhindern. Ein Bündnis mit Schweden und Preußen, die Ausbreitung der Französischen Revolution und das Interesse der europäischen Mächte an einer Beendigung des Krieges auf der Grundlage des Status quo ante führten über einen Waffenstillstand mit Österreich zum Friedensschluß von Svištov (04.08.1791); Alt-Orşova blieb österreichisch, und an der walachischen und bosnischen Grenze wurden einige Korrekturen vorgenommen. Mit Rußland wurde erst im August 1791 ein Waffenstillstand und am 9. Januar 1792 der Friede von Jassy erreicht; der Kuban und der Dnestr wurden zur Grenze zwischen beiden Ländern bestimmt, Očakov (Özü), die Krim und Georgien blieben russisch. Die folgenden Jahre waren angefüllt von Bemühungen um innere Reformen, in deren Mittelpunkt das Militärwesen stand; 1792 wurden das Arsenal und die Marine neugeordnet, im folgenden Jahr begann die Aufstellung regulärer technischer Truppenteile sowie die Reform der Artillerie, 1794 wurde eine Ingenieurschule gegründet. Auch die Janitscharen wurden von dieser „Neuen Ordnung“ (Nizam-ı Cedid) nicht ausgeschlossen. Weniger erfolgreich war S. bei der Wiederherstellung der inneren Ordnung im Reich. Trotz jahrelanger Kämpfe gelang es ihm nicht, die Macht lokaler Herrschaften wie etwa des Tepedelenli Ali Pascha in Janina (Yanya), des Pazvandoğlu in Vidin, des Bushatlliu Kara Mahmud Pascha in Skutari (İşkodra) oder auch der Wahhabiten in Zentralarabien zu zerschlagen. Wichtig für die auswärtigen Beziehungen wurde die Einrichtung ständiger Botschaften zuerst in London (1793), danach auch in Berlin, Wien und Paris; St. Petersburg wurde noch nicht vorgesehen. Inzwischen begann die Landkarte Europas sich zu verändern, und durch den Vertrag von Campo Formio zwischen Frankreich und Österreich (17.10.1797) gewann letzteres Venedig und Dalmatien, während Frankreich die Jonischen Inseln und Parga erhielt und so direkter Nachbar des Osmanischen Reiches wurde. Die Landung Napoleons in Ägypten (01.07.1798) veranlaßte die Pforte zur Kriegserklärung (02.09.1798) und brachte ihr Rußland und England als Verbündete. Ägypten wurde mit britischer Hilfe 1801 zurückgewonnen und 1803 von den Engländern geräumt; ab 1805 sollte es jedoch der osmanischen Kontrolle durch den Aufstieg von Mehmed Ali Pascha völlig entgleiten. Die von S. dringend gewünschte Wiederherstellung des Friedens mit Frankreich erfolgte am 25. Juni 1802. Die innere Lage des Reiches wurde jedoch immer chaotischer. Die Wahhabiten dehnten ihre Macht bis in den Irak und zu den Heiligen Stätten im Hedschas aus. Versuche, die Schreckensherrschaft der von Pazvandoğlu gestützten Janitscharen in Belgrad (yamaklar, dayılar) zu beseitigen, führten 1802 zum ersten serbischen Aufstand unter Karadjordje, bis 1805 noch unter Wahrung der Loyalität zur Pforte, dann auch gegen sie. Der Sieg Napoleons bei Austerlitz (02.12.1805) und der Friede von Preßburg (26.12.1805), durch den Frankreich für das Königreich Italien Istrien und Dalmatien erwarb, veranlaßten S., das französische Kaisertum anzuerkennen und andererseits gegen mögliche russische und englische Angriffe Rüstungen einzuleiten. Sein Versuch, auch in Edirne reguläre Heereseinheiten aufzustellen, scheiterte am Widerstand der lokalen Machthaber (Edirne vak‘asi, Sommer 1806) und schwächte seine eigene Position entscheidend. Dieses, die serbischen Erfolge gegenüber den osmanischen Truppen und eine Umbesetzung in der Regierung der Donaufürstentümer nahm Rußland zum Anlaß, in die Moldau und in Bessarabien einzumarschieren, woraufhin die Pforte am 22. Dezember 1806 den Krieg erklärte. England nahm für Rußland Partei; eine britische Flotte erschien am 19. Februar 1807 vor Istanbul, erlitt bei der Ausfahrt durch die Dardanellen indessen schwere Verluste, und eine erneute Landung in Ägypten (16.03.1807) mußte nach wenigen Monaten abgebrochen werden. Die von S. erhoffte französische Unterstützung blieb jedoch aus. Eine Weigerung der Janitscharen in der Bosporusfestung Rumeli Kavağı am 25. Mai 1807, die neuen Uniformen und die militärische Organisation des Nizam-ı Cedid zu übernehmen, ging rasch in einen allgemeinen Aufstand der reaktionären Truppen unter Führung des Kabakçı Mustafa Ağa über, und am 29. Mai mußte S. zugunsten seines Neffen Mustafa IV. auf den Thron verzichten. Er wurde im kaiserlichen Palast inhaftiert; Mustafa IV. ließ ihn am 28. Juli 1808 kurz vor seiner eigenen Absetzung umbringen. S. suchte sein Land soweit wie möglich aus den europäischen Konflikten herauszuhalten und war lange Zeit ehrlich um eine Modernisierung bemüht. Er scheiterte an den außenpolitischen Verwicklungen und an dem Chaos im Innern, das er nicht beseitigen konnte, zugleich aber auch dadurch, daß er selbst keine beherrschende Persönlichkeit besaß und seine Mitarbeiter für ihre Aufgaben meist noch unzureichend vorbereitet waren. In den späteren Jahren verlor er angesichts der Enttäuschungen zunehmend das Interesse an den Reformen.

Literatur

Zinkeisen: Bd 6 -7.
Jorga: Bd 5.
Âsım, Ahmed: Tarih. 2 Bde. Istanbul (o.J.).
Cevdet Pascha, Ahmed: Tarih. 12 Bde. Istanbul 1271-1301/1854-84 (1309/1891 f.(2)) (Neue Ausgabe Istanbul 1972 ff.).
Karal, Enver Ziya: Selim III’in hatt-ı hümayunları. 2 Bde. Ankara 1942/46.
Ders.: Osmanlı tarihi. Bd 5. Ankara 1947 (1961(2)).
Shaw, Stanford J.: Between Old and New. The Ottoman Empire under Selim III, 1789-1807. Cambridge/Mass. 1971.
Marlowe, John: Perfidious Albion. The Origins of Anglo-French Rivalry in the Levant. London 1971.


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