Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Hohenwart zu Gerlachstein, Karl Sigmund Graf von

Hohenwart zu Gerlachstein, Rabensberg und Raunach, Karl Sigmund Graf von, österreichischer Staatsmann, * Wien 12.02.1824, † ebd. 26.04.1899, aus einem alten Adelsgeschlecht der Krain, das 1767 in den erbländisch-österreichischen Grafenstand erhoben wurde; Sohn des Andreas Graf von H., k. k. Geheimrat und Präsident des österreichischen Kunstvereins in Laibach, und der Theresia von Tachauer, aus einer siebenbürgisch-sächsischen Familie.

Leben

H. erhielt seine Erziehung am Wiener Theresianum. Er wurde 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung als Nachfolger von Anton Alexander Fürst Auersperg gewählt, übte jedoch sein Mandat nicht aus. Nach väterlicher Tradition trat er in den Staatsdienst ein und wurde 1856 Komitatsvorstand in Fiume. Nach dem Ende der neoabsolutistischen Ära stieg er 1860 zum Statthaltereirat in Laibach, 1862 zum Hofrat und Leiter der Statthaltereiabteilung in Trient und im selben Jahr noch zum Landeshauptmann von Krain, 1867 zum Landeshauptmann von Kärnten und 1868 schließlich zum Statthalter von Oberösterreich auf.
Als Kaiser Franz Joseph sich von den Deutschliberalen löste und mit Hilfe der konservativen föderalistischen Rechten zu einem Ausgleich mit den in Opposition zur Verfassung von 1867 stehenden föderalistischen und tschechischen Kreisen Böhmens zu gelangen suchte, schien H. auf Grund seiner Bekanntschaft mit dem schwäbischen Nationalökonomen und Wiener Universitätsprofessor Albert Schäffle, der ein Konzept der Föderalisierung ausgearbeitet hatte, geeignet zu sein, diese Absichten zu verwirklichen. Am 7. Februar 1871 wurde H. zum Vorsitzenden des Ministeriums und zum Minister des Innern berufen, Schäffle nahm die Position des Handelsministers ein. Schon die ersten Versuche, für eine Erweiterung der Rechte der Landtage wie für einen galizischen Ausgleich eine parlamentarische Mehrheit zu erhalten, zeigten jedoch, daß das Ministerium Hohenwart-Schäffle nur das Vertrauen des Kaisers, nicht jedoch des Abgeordnetenhauses des Reichsrates besaß. Mit der Auflösung des deutschliberal dominierten Reichsrates und von acht Landtagen und der gleichzeitigen Einleitung von Verhandlungen über einen böhmischen Ausgleich sollten zugleich die Föderalisierung wie die Schaffung einer tragfähigen Regierungsmehrheit vorbereitet werden. Mit kaiserlichem Reskript vom 12. September 1871 („Septemberpatent“) wurde der böhmische Landtag aufgefordert, eine Verfassung mit Rücksicht auf den Ausgleich von 1867 und die staatsrechtliche Stellung Böhmens auszuarbeiten. Die Regierung legte ferner dem Landtag die von Schäffle ausgehandelten Gesetze vor: Erstens die sog. „Fundamentalartikel“, die - um die Tschechen zu versöhnen - einen weitgehenden Eingriff in die Verfassungsstruktur der österreichischen Reichshälfte vorsahen, zweitens ein Nationalitäten- und ein Wahlgesetz, die die nationale Frage innerhalb der böhmischen Länder regeln sollten. Sowohl der Widerstand des ungarischen Ministerpräsidenten Andrássy und des Reichskanzlers Beust wie der deutschen Liberalen, aber auch der politische Druck des Deutschen Kaiserreiches bewogen Kaiser Franz Joseph zu einer Änderung seiner Absichten und führten am 30. Oktober 1871 zur Demission H.s.
H. trat wieder 1873 in das politische Geschehen ein, als er zum Abgeordneten Krains gewählt wurde. Aus der Erkenntnis, daß ein Sturz der liberalen Vormachtstellung nur durch die Sammlung aller konservativen und föderalistischen Kräfte und die Erlangung einer parlamentarischen Mehrheit herbeigeführt werden konnte, gestaltete H. seinen Klub, der aus südslawischen, rumänischen und deutschen konservativ-klerikalen Abgeordneten bestand, zum Zentrum der konservativen Rechten aus. Den politischen Höhepunkt erreichte H. nach dem Sturz der liberalen Regierung und der Berufung des Ministeriums Taaffe, das sich auf den von H. koordinierten und geleiteten „Eisernen Ring“ der slawischen und konservativen Gruppen des Abgeordnetenhauses stützen konnte. Mit dem Vordringen der demokratischen und der nationalistischen Massenparteien begann jedoch Ende der achtziger Jahre der Zerfall der Regierungskoalition und 1893 trug H. selbst durch seinen Widerstand gegen die Erweiterung des Wahlrechtes zum Sturz Taaffes bei. Die folgende Regierung unter Alfred August Fürst zu Windisch-Graetz, die sich auf die Liberalen mit Ignaz Plener und die Konservativen um H. stützte, konnte auf Grund der inneren Gegensätze der beiden Gruppen nur von kurzer Dauer sein und stürzte über der Schulfrage von Cilli 1895. Damit hatte H. jedoch seinen Einfluß im politischen Leben weitgehend verloren, 1897 zog er sich aus dem Abgeordnetenhaus zurück und übernahm ein Mandat im Herrenhaus, das er bis zu seinem Tode ausübte.

Literatur

Schäffle, Albert E.: Aus meinem Leben. 2 Bde. Berlin 1905.
Kolmer, Gustav: Parlament und Verfassung in Österreich 1848-1918. 8 Bde. Wien 1902/14.
Czedik, Alois Freiherr von: Zur Geschichte der k. k. österreichischen Ministerien 1861 bis 1916. 4 Bde. Teschen 1917/20.
Schenk-Sudhof, Emilie: Karl Graf Hohenwart. (Diss.) Wien 1952.
Fellner, Fritz: Kaiser Franz Joseph und das Parlament. Materialien zur Geschichte der Innenpolitik Österreichs in den Jahren 1867-1873. In: Mitt. österr. Staatsarch. 9 (1956) 287-347.
Kann, Robert A.: Das Nationalitätenproblem der Habsburgermonarchie. Geschichte und Ideengehalt der nationalen Bestrebungen vom Vormärz bis zur Auflösung des Reiches im Jahre 1918. Graz, Köln 1964(2).
Sutter, Berthold: Die Badenischen Sprachenverordnungen von 1897. 2 Bde. Graz, Köln 1960/65.
Jenks, William A.: Austria under the Iron Ring 1879-1893. Charlottesville 1965.

Verfasser

Rudolf Gustav Ardelt (GND: 1018257101)


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