Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

In den Suchergebnissen blättern

Treffer 
 von 1526

Görgey, Artúr

Görgey, Artúr, ungarischer General, * Toporc 30.1.1818, † Visegrád 21.05.1916, aus dem verarmten Zweig einer angesehenen Adelsfamilie der Zips.

Leben

Der elterliche Besitz in Form eines Kompossessorats machte für die Familie die Erwerbung bürgerlicher Berufe zu einer Existenzfrage. G. schlug somit auf Wunsch seines Vaters 1832 die Militärlaufbahn ein, besuchte die Pionierschule in Tulln und diente anschließend als Kadett beim 60. Infanterieregiment. 1837 wurde er als Unterleutnant zur ungarischen adeligen Leibgarde nach Wien versetzt und 1842 als Oberleutnant in das Palatinshusarenregiment aufgenommen. Nach dem Tode seines Vaters verließ G. 1845 das Militär, um an der Universität von Prag Chemie zu studieren. Hier heiratete er Anfang 1848 Adèle Auboin, eine französische Erzieherin.
Nach der Sanktionierung der 1848er Gesetze kehrte G. nach Ungarn zurück und unternahm vergeblich den Versuch, durch den Unterrichtsminister der neuen Regierung, Baron József Eötvös, eine Professur zu erhalten. Seine Studie über die Laurinsäure (Liebigs Annalen, 1848) wurde in dieser Zeit in den „Sitzungsberichten der Wiener Akademie“ veröffentlicht. Die daraufhin angenommene Verwaltung eines Gutes von Verwandten in Nordungarn gab er alsbald auf und folgte dem Aufruf der ersten verantwortlichen ungarischen Regierung zum Kriegsdienst. G. kam zum Raaber Honvéd-bataillon im Range eines Hauptmanns. Für die Beschaffung von Kriegsmaterial, insbesondere Schwarzpulver, reiste er nach Izmir und Istanbul. Nach dem Scheitern des Unternehmens wurde G. mit der Errichtung einer Zündkapselfabrik beauftragt, wozu er im August 1848 nach Prag und Wiener Neustadt eine Studienreise unternahm. Am 27. August wurde G. als Major zum Kommandanten der mobilen Nationalgarde diesseits der Theiß mit dem Sitz in Szolnok ernannt. Im September erhielt er den Auftrag, als Kommandant des „Volksaufstands Untere Donau“ auf der Insel Csepel, dem Vorrücken des Jelačić-Heeres entgegenzutreten. Hier gelang es ihm, den Kurier des Bans, den Grafen Ödön Zichy, gefangenzunehmen, den er am 30. September hängen ließ. Seine zweite in den Augen der Regierung „radikale“ Tat war sein offener Auftritt gegen den Feldmarschalleutnant János Móga, der trotz seines bedeutenden Sieges über Jelačić bei Pákozd (29.09.) mit dem Ban einen dreitägigen Waffenstillstand einging. G.s Popularität und das Vertrauen von seiten der Regierung stieg durch seinen Sieg bei Ozora (7.10.), wo es ihm unter Oberst Mór Perczel gelang, das Heer des Generals Karl Roth zu schlagen. Am 1. November wurde G. von Kossuth aufgefordert, als General das Kommando über das Armeekorps von der oberen Donau zu übernehmen. Hier sah er sich als Organisator vor die Aufgabe gestellt, die größte militärische Einheit des Landes in eine reguläre Truppe umzuwandeln. Die antirevolutionäre Stimmung im Offizierskorps, das aus Tradition dynastietreu war, und die Unkenntnis über die weiteren Pläne Kossuths sowie nicht zuletzt die erwartete kaiserliche Offensive bestimmten G.s weitere militärische Haltung, die sich mit Kossuths Vorstellungen nicht decken konnte. In den Persönlichkeiten beider standen der Politiker und der Soldat mit verschiedenen Konzeptionen gegenüber. G. widerstrebte vor allem das die Revolution begleitende Guerillatum.
Der österreichische Angriff unter Fürst Alfred Windisch-Graetz begann am 13. Dezember 1848. Entgegen Kossuths Aufforderung ging G. nicht in die Offensive, sondern befahl den Rückzug auf die Hauptstadt. Besorgt über die immer stärker werdende republikanische Stimmung in der Regierung, versuchte G., sich von der politischen Führung der Revolution zu distanzieren, was er in einer am 5. Januar 1849 in Waitzen erlassenen Proklamation zum Ausdruck brachte: Die Armee von der oberen Donau sei nur bereit, die von König Ferdinand V. sanktionierten Gesetze zu befolgen, Befehle seien nur vom königlichen Kriegsminister entgegenzunehmen. Von Waitzen aus führte G. sein Armeekorps nach Nordungarn in die Bergstädte und lehnte am 28. Januar in Rosenberg eine von Fürst Windisch-Graetz angebotene Kapitulation ab. Nach erfolgreichen Einzelgefechten durchbrachen seine Honvéds am 5. Februar die feindlichen Linien am Branyiszkó-Paß und vereinigten sich mit dem Armeekorps des Obersten György Klapka. Unter dem neu ernannten Oberbefehlshaber Feldmarschalleutnant Henryk Dembiński erlitten am 26. Februar 1849 die Ungarn bei Kápolna eine Niederlage. Daraufhin forderte G. vor dem Kriegsrat in Tiszafüred - unterstützt von der Mehrzahl der Offiziere - den Rücktritt Dembińskis. Dieser Auftritt wurde von Kossuth und den Radikalen als Auflehnung und als möglicher Verrat angesehen. Nachdem aber das Oberkommando zuerst an Feldmarschalleutnant Antal Vetter übertragen worden war, fiel es am 30. März provisorisch an G. Die Unentschlossenheit in Kossuths Haltung gegenüber G. lag in der Tatsache, daß es der Zivilmacht nie gelang, eine Stütze im Militär auszubauen. Nach siegreichen Schlachten bei Hatvan (2.04.), Tápióbicske (4.04.) und Isaszeg (6.04.) nahm G. Richtung auf Pest und befreite Komorn (22.04.). Die inzwischen am 14. April erlassene Unabhängigkeitserklärung Kossuths wurde von G. abgelehnt, er folgte ihm jedoch, indem er am 29. April die Bindung der Armee zum König als gelöst erklärte. Vom 7. Mai bis zu seiner Absetzung am 1. Juli 1849 war G. Kriegsminister. Am 18. Mai erhielt er das Mandat des Wahlbezirkes Dédesd im Komitat Borsod. Nach der entscheidenden Niederlage bei Temeschwar am 9. August übertrug ihm Kossuth am 11. August die gesamte Zivil- und Militärmacht, damit G. Friedensverhandlungen mit dem russischen General Graf Fedor Vasil'evič Rüdiger führen konnte. Am 12. August führte G. die Armee nach Világos (Komitat Arad) und kapitulierte am 13. August - ohne gegebene Verhandlungsmöglichkeiten auszunützen - bedingungslos vor der russischen Armee. G. wurde in Großwardein festgesetzt, jedoch begnadigt und am 27. August nach Klagenfurt verbannt. Er kehrte 1867 nach Ungarn zurück und lebte bis zu seinem Tode zurückgezogen in Visegrád.
In der ungarischen Historiographie besteht noch immer die „Görgey-Frage“; die Beurteilung bewegt sich zwischen Verräter und Realpolitiker.

Literatur

Görgey, Arthur: Mein Leben und Wirken in Ungarn. Leipzig 1852.
Kosáry, Domokos: Görgey. Budapest 1939.
Spira, György: A magyar forradalom 1848-49-ben. Budapest 1959.
Varga, János: A Görgey-kérdéshez. In: Valóság 2 (1960) 94-104.

Verfasser

O. Zobel


Treffer 
 von 1526
Ok, verstanden

Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Mehr Infos