Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Carp, Petre P.

Carp, Petre P., rumänischer Staatsmann, * Jassy 11.07.1837, † Tâncăbeşti 19.06.1919.

Leben

C. besuchte das Gymnasium in Berlin und studierte anschließend Staatswissenschaften an der Universität Bonn. Er begann schon unter Fürst Cuza seine politische Laufbahn als Referendar im Staatsrat. Zur gleichen Zeit entwickelte er eine rege literarische Tätigkeit und war zusammen mit Titu, Maiorescu, Iacob Negruzzi, Vasile Pogor und Theodor Rosetti Mitbegründer der literarischen Gesellschaft „Junimea" (1863). Bemerkenswert waren seine Shakespeare-Übersetzungen sowie seine literarischen und kritischen Beiträge, die er unter dem Pseudonym „Bătăuşul" (Der Kämpfer) veröffentlichte. In Zusammenarbeit mit Alexandru Lahovari organisierte er eine Gruppierung der Konservativen, „Juna dreaptă", die die Zeitschrift „Terra" unter der Anleitung und Redaktion C.s, Nicolae Blarembergs und Aristide Pascals herausbrachte. Die „Terra“ griff besonders die liberal-radikale Partei scharf an. Die Revolution von 1848 wurde ebenfalls als verfrüht und sinnlos hingestellt, da man meinte, das Land habe mit der kulturellen Entwicklung der westlichen Welt nicht Schritt halten können. Sie habe für die tatsächlichen Zustände in den Fürstentümern überhaupt keine Rolle gespielt.
Im konservativen Kabinett Epureanu, das wegen seiner Vorliebe, jüngere Minister zu ernennen, den Spitznamen „Die Glucke mit den Küchlein“ erhielt, war C. zum ersten Mal Minister des Auswärtigen (2.05.1870-30.12.1870). Nach einem Jahr ging er als diplomatischer Berater nach Wien und Berlin, wo er den Abtritt der Strousbergschen Obligationen an die „Rumänischen Eisenbahnen“ durchsetzte. Auf Bismarcks Anraten gründete C. daraufhin die Gewerkschaft der Eisenbahnaktionäre. 1876 war er in der Regierung Lascăr Catargius Kultusminister, wobei er Maiorescus alten Gesetzentwurf über den obligatorischen Schulunterricht in den Dörfern, die über ein eigenes Schulhaus verfügten, zu verabschieden half. 1882 ging er als Gesandter Rumäniens nach Wien, um die Donaufrage zu regeln und vermittelte die denkwürdige Begegnung Ion C. Brătianus mit Fürst Bismarck in Bad Gastein. Außerdem gelang es ihm, ein Bündnis mit Österreich-Ungarn zu schließen, wonach Rumänien für 30 Jahre in die Dreierallianz aufgenommen wurde (1883). In den Folgejahren war C. im Kabinett Rosetti abwechselnd Außen- und Landwirtschaftsminister (25.11.1888-11.04.1889), dann im Kabinett Catargiu Landwirtschaftsminister (30.12.1891-16.10. 1895).
Am 19. Juli 1900 wurde C. mit der Neubildung der Regierung betraut, die jedoch schon am 26. Februar 1901 am Mißtrauensvotum der Abgeordnetenkammer scheiterte; im Zuge seiner Finanzpolitik hatte C. neue Steuern auf Alkohol, Tabak, Zigarettenpapier, Patentanmeldungen usw. festgesetzt und Einsparungsmaßnahmen getroffen. Das gleiche Mißgeschick traf ihn bei seiner zweiten Berufung als Premierminister (11.01.1911-10.04.1912), obwohl er hervorragende Männer in seinem Kabinett hatte; er stürzte über unpopuläre Maßnahmen wie die Verstaatlichung der Straßenbahnen. Im Grunde wurde er ein Opfer des Zwistes zwischen den alten Konservativen um Lascăr Catargiu und den jungen Leuten in der „Junimea", deren geistiger Führer er war.
Im Kronrat vom 3. August 1914 war C. der einzige, der König Karls I. Ansicht vertrat, Rumänien müßte als Verbündeter sofort an der Seite Deutschlands in den Krieg treten. Während der deutschen Besetzung von Bukarest blieb C. zurück und versuchte eine deutschfreundliche Regierung als Gegenregierung zu jener in Jassy aufzustellen. Man unterstellte ihm sogar, die Absetzung König Ferdinands zugunsten eines der Söhne Wilhelms II. zu betreiben. C. handelte im guten Glauben, den begangenen „Fehler“ des Kriegsbeitritts Rumäniens auf der Seite der Aliierten wieder gut machen zu können und dadurch die Integrität des Landes zu retten.
Trotz seiner hervorragenden Persönlichkeit, seines unbeugsamen, aufrechten Charakters, seiner Autorität, die ihn zu einem der markantesten Männer des rumänischen politischen und Geisteslebens stempelten, konnte C. nicht die Karriere machen, die ihm zweifellos zustand. Er war und blieb vielmehr ein Verfechter des ideologisch-konservativen Gedankens, wonach ein Land sich allmählich zu dem entwickeln muß, was man wahre Demokratie und Kapitalismus nennt.
C.s politische Anschauungen fanden ihren Niederschlag in den Werken „Era Nouă“ (1888), „România şi războiul european“ (1914) und „Auswärtige Politik und Agrarreform“ (1917). Seine Reden (Discursuri) wurden 1907 herausgegeben.

Literatur

Budişteanu, Radu: Petre P. Carp. Bucureşti 1933.
Gane, Constantin: P. P. Carp şi locul său în istoria politică a ţării. 2 Bde. Bucureşti 1936.

Verfasser

George Ciorănescu (GND: 130641340)


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