Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Brandsch, Rudolf

Brandsch, Rudolf, siebenbürgisch-sächsischer Volkstumspolitiker, * Mediasch 22.07.1880, † 1953, Sohn eines evangelischen Dechanten.

Leben

Nach dem Studium ab Wintersemester 1898/99 in Marburg (Lahn), Klausenburg, Berlin und Jena legte der Germanist B. in Klausenburg 1903 das Oberlehrerexamen ab und bestand 1904 in Hermannstadt die theologische Prüfung. Auf eine Lehrtätigkeit weniger Jahre folgte eine vieljährige Tätigkeit als siebenbürgisch-sächsischer Abgeordneter - zuerst 1910-1918 im Budapester Parlament, dann 1919-1933 in der Bukarester Nationalversammlung. Anderthalb Jahre lang fungierte B. als erster Unterstaatssekretär für Minderheitenfragen in den rumänischen Kabinetten von Nicolae Iorga und Alexandru Vaida-Voievod. Seit 1933 war er von öffentlichen Ämtern im großen ganzen ausgeschlossen. 1936 entschied sich B. im innervölkischen Streit für die oppositionelle „Deutsche Volkspartei“ gegen die „Deutsche Volksgemeinschaft“ unter Fritz Fabritius. Bis 1939 vermittelte er mehrfach zwischen den Regierungen in Bukarest und Berlin. 1945 war es ihm eine Zeitlang möglich, das Los mancher Volksgenossen in Rumänien zu erleichtern, bis er schließlich selbst 1953 ohne nähere Begründung verhaftet wurde, und - fast gleichzeitig mit dem etwas jüngeren volkspolitischen Antagonisten, Senator a. D. Hans Otto Roth - in der Strafhaft verstarb.
Diese staatspolitischen Daten der Karriere B.s deuten ungenügend an, daß der kraftvolle, kämpferische und rednerisch ungemein begabte Politiker für ein Vierteljahrhundert südosteuropäischer Nationalitätenpolitik bestimmend war. Zwischen 1907 und 1918 verhalf er dem gesamtdeutschen Denken innerhalb des Stephansreiches zum Durchbruch - gegen „kleinsächsische“ und „kleinschwäbische“ Selbstisolierung. In Zusammenarbeit mit Edmund Steinacker, Adam Müller-Gutenbrunn leisteten B. und einige weitere Siebenbürger Sachsen ihren Beitrag zum nationalen Erwachen des ungarländischen Schwabentums, besonders der Banater Schwaben. 1918 bekannte sich B. - im Gegensatz zu anderen Vertretern seiner Generation - zu den realpolitischen Gegebenheiten, wie sie im Friedensvertrag von Trianon (1920) besiegelt wurden. Entscheidend wurde für die nächsten Jahre die Zusammenfassung des Deutschtums aus sechs Siedlungsgebieten zum „Verband der Deutschen in Rumänien“ (am 18.09.1921 in Czernowitz). Als nächste, persönlich zu wertende Tat B.s ist die Gründung des „Verbandes der Deutschen Volksgruppen in Europa“ im Oktober 1922 in Wien zu verzeichnen. Sein Begründer wurde der erste Vorsitzende und behielt dieses Amt ein Jahrzehnt hindurch bis zur Übernahme des Postens als Unterstaatssekretär für Minderheitenfragen (1932-1933). Während der Umbruchsjahre seit 1933 wurde B. vielfach als Oppositioneller, als Liberaler, als Judenfreund und politischer „Geschäftemacher“ sowie Freimaurer denunziert. Tatsächlich hat B. aber noch die übernationale Gemeinsamkeit des südosteuropäischen Schicksals in seinem persönlichen Geschick durchlebt und bis zu seinem tragischen Tode im Gefängnis durchlitten.

Literatur

Steinacker, Edmund: Lebenserinnerungen. München 1937.
Schuller, Rudolf: Politische Erinnerungen. Hermannstadt 1940.
Hartl, Hans: Das Schicksal des Deutschtums in Rumänien. Würzburg 1958.
Riedl, Franz Hieronymus: Das Südostdeutschtum in den Jahren 1918-1945. München 1962. = Südostdeutsches Kulturwerk. Kleine Südostreihe. 3.
Keßler, Karl: Rudolf Brandsch. Ein südostdeutscher Volksmann. München 1969. = Veröffentlichungen des Südostdeutschen Kulturwerks. Reihe B. 25.

Verfasser

Otto R. Ließ (GND: 172238870)


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