Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Berchtold, Leopold Anton

Berchtold, Leopold Anton Johann Sigismund Joseph Korsinus Ferdinand Graf, Freiherr von und zu Ungerschitz, Fratting und Pullitz, österreichisch-ungarischer Politiker, * Wien 18.04.1863, † Schloß Pressing (Peresznye, Ödenburger Komitat) 21.11.1942.

Leben

Aus einer Familie sehr begüterter Großgrundbesitzer stammend war B., nach juristischen Studien und einer kurzen Tätigkeit bei der Statthalterei in Brünn, seit 1894 im diplomatischen Dienst tätig (zunächst Paris, 1899 London); 1906 wurde B. Botschafter in Petersburg. Am 17. Februar 1912 übernahm er als Amtsnachfolger Aehrenthals - der bereits im September 1908 auf seinem Schloß Buchlau (Buchlowitz) in Mähren mit Izvol’skij zusammengetroffen war - das österreichisch-ungarische Außenministerium.
B.s Außenpolitik bis zum Kriegsausbruch wird man im wesentlichen als stagnierend insofern bezeichnen dürfen, als echte, erfolgversprechende Auseinandersetzungen mit den zahlreichen zu lösenden äußeren (und auch inneren) Problemen fehlten, namentlich im Hinblick auf Italien (eventuelle Festigung des Dreibunds), Serbien (Zugang zum Meer) und auf die Politik in den Balkankriegen. B.s Rolle in der Julikrise zeigt dann durchaus Züge, die aus einer wenigstens teilweisen Verkennung der Realitäten resultierten: Seine Entschlossenheit zum kriegerischen Vorgehen gegen Serbien, das sich auf deutsche Hilfe stützen sollte, implizierte selbstverständlich das Eingreifen Rußlands und damit den europäischen Krieg. Da sich B. durchaus bewußt war, daß das wahrscheinliche Eingreifen Rußlands ohne deutsche Hilfe für Österreich-Ungarn ein zu großes Risiko darstellte, sandte er Graf Hoyos nach Berlin, wo Wien alsbald der berühmte „Blankoscheck“ ausgestellt wurde. Mit dieser Zusage der deutschen Hilfe, die sich allerdings später immer mehr gegen die Interessen der Donaumonarchie auswirkte, war der Kriegskurs in den Wiener Führungskreisen, insbesondere bei Hoyos, Musulin und Forgách klar, stieß allerdings noch auf den Widerstand Graf Tiszas. Die daraus sich ergebenden extrem langen internen Debatten ließen für Wien die ursprünglich durchwegs österreichfreundliche Haltung abklingen. Auch der nächstfolgende Schritt Wiens war außenpolitisch-diplomatisch mangelhaft vorbereitet, zumal es B. im Hinblick auf den Dreibundpartner Italien unterlassen hatte, die im Bündnisvertrag vorgesehene Konsultation herbeizuführen, wodurch Rom, erst am Tage der Überreichung des Ultimatums an Serbien informiert, wegen des Defensivcharakters des Bündnisses und abgelehnter Territorialkompensationen korrekterweise neutral bleiben konnte. Das Ultimatum, welches dann erst am 23. Juli in Belgrad überreicht wurde, beinhaltete schließlich mit B.s voller Absicht Forderungen, von denen man annehmen durfte, daß sie ein souveräner Staat zurückweisen müßte. Eine tragende Rolle dürfte dabei gespielt haben, daß B. davon ausging, nur durch eine Gewaltlösung könnte die tiefe Krise der Donaumonarchie beseitigt werden. Dies mag darauf zurückzuführen sein, daß B. selbst und seine nähere Umgebung einen „ehrenvollen Untergang“ im Kampfe dem ewigen „Weiterwursteln“ vorzogen. Mit einem Krieg gegen Serbien hoffte B. auch gleichzeitig die inneren Probleme der Habsburgermonarchie zu lösen, die durch die „nationalistische Wühlarbeit“ des kleinen südslawischen Staates verursacht schienen. Im Grunde handelte es sich dabei um einen tragischen und mörderischen Irrtum, da weder der „Feind“ außen stand, noch die Donaumonarchie in einem Krieg eine echte Chance haben konnte. Feindprojektion und mangelnde Einsichten in die eigentlichen inneren Probleme des Vielvölkerreichs waren begründet in einer letztlich fatalistischen Weltanschauung, die ihrerseits in einer langen, als „faul“ empfundenen Friedenszeit zu wurzeln scheint, deren fraglos vorhandene Stagnation von B. nicht in den tatsächlichen Kausalitäten erkannt wurde. Unrichtig ist es zweifellos, B. dafür eine Schuld zuzuschreiben, er beging allenfalls - gemessen am damaligen Klima und an seiner Herkunft und Denkungsweise - Unterlassungssünden, jedoch stellte er in der äußeren Mechanik der Entwicklung des Jahres 1914 mit Sicherheit nicht jenen Faktor der Ruhe, Besonnenheit und außerordentlichen Fähigkeit dar, der erforderlich gewesen wäre. Offenbar aus der Einsicht heraus, dem Amt nicht länger gewachsen zu sein, trat B. am 15. Januar 1915 zurück. Kaiser Karl ernannte ihn zum Obersthofmeister, dann zum Oberstkämmerer. Sein weiteres Leben verbrachte B. - nach dem Zusammenbruch der Monarchie - als Privatier auf seinen Besitzungen.
Ein wirklich abschließendes Urteil hat sich die Geschichtswissenschaft über B. bislang nicht bilden können, vor allem wohl deshalb, weil seine Rolle in der Julikrise 1914 eng verknüpft ist mit der Interpretation des Ausbruchs des Weltkrieges. Die hinsichtlich B.s häufig geäußerte Ansicht von dessen Schwäche kann wohl auch als gewisse Weltfremdheit, vielleicht als frivoles Desinteresse an den eigentlichen tieferen Problemen der alten Monarchie gesehen werden; sicher ist, daß B. ein eher mangelhaftes Verständnis der inneren Probleme Österreich-Ungarns hatte, was um so schwerer ins Gewicht fiel, als der österreichisch-ungarische Außenminister praktische Befugnisse im Hinblick auf die Gesamtmonarchie innehatte, die über die gewöhnlichen Agenden anderer Außenminister hinausgingen; B. hielt sich kompensatorisch an gewisse überkommene Normen des Großmachtprestiges.

Literatur

Hantsch, Hugo: Leopold Graf Berchtold. Grandseigneur und Staatsmann. 2 Bde. Graz, Wien, Köln 1963.

Verfasser

Georg Erich Schmid (GND: 13221637X)


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