Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Beneš, Edvard

Beneš, Edvard (Eduard), tschechoslowakischer Staatsmann, * Kožlány (Böhmen) 28.05. 1884, † Sezimovo Ústí (Böhmen) 3.09.1948.

Leben

1909 war B. Professor der Nationalökonomie in Prag, 1915 ging er mit Masaryk ins Exil als Vertreter eines unabhängigen tschechoslowakischen Staates. Als Außenminister der ČSR auf der Pariser Friedenskonferenz 1919 gelang es ihm, auch weite Gebiete Böhmens, Mährens und Oberungarns, die nicht von Tschechen und Slowaken bewohnt waren, seinem Land einzuverleiben. Im östlichen Landesteil verhinderte er eine von der ungarischen Regierung Károlyi geforderte Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit Oberungarns. B. erhielt von den Alliierten die Zustimmung, die bis zu einer am 3. Dezember 1918 festgesetzten und am 23. Dezember 1918 revidierten strategischen Linie von Slowaken und Ruthenen bewohnten Komitate Oberungarns durch tschechoslowakische Truppenverbände zu besetzen. B. ging dabei trotz des slowakischen Protestes von der Fiktion eines tschechoslowakischen Staatsvolkes aus. Ferner behauptete er, die Slowakei sei eine geographische Einheit. Als Südgrenze für die Slowakei forderte er eine strategische Linie, die zunächst der Donau entlang, dann quer durch die Hügelkette von Matra und Bükk zu den Tokajer Bergen bis an den Bodrog verlaufen sollte. Für den östlichen Teil dieses Gebietes legte B. der Friedenskonferenz im Mai 1919 ein Autonomiestatut vor, das der Nationalrat von Karpato-Ruthenien bereits gutgeheißen hatte. Eine von Ungarn geforderte Volksabstimmung über die staatliche Zugehörigkeit des südlichen Teils von Karpato-Ruthenien konnte B. verhindern. Seinem diplomatischen Geschick war es zu verdanken, daß die Bildung eines slowakisch-ungarischen Kondominiums nicht verwirklicht werden konnte. Der slowakische Nationalrat als selbständiger internationaler Verhandlungsfaktor wurde ausgeschaltet.
Nachdem die Slowakei mit französischer Hilfe an der Jahreswende 1918/19 durch tschechoslowakische Truppenverbände besetzt wurde, bestätigte der Friedensvertrag von Trianon im Juni 1920 die 1918 festgesetzte Demarkationslinie als Staatsgrenze zwischen Ungarn und der Tschechoslowakei. Das Vordringen der kommunistischen ungarischen Revolutionstruppen 1919 unter Béla Kun und die Ausrufung einer Slowakischen Volksrepublik blieb eine Episode, die B. geschickt für seine Gebietsansprüche bei den Alliierten ausnützte. Die im Vertrag von Trianon vorgesehene Zollunion zwischen der ČSR, Ungarn und Österreich wußte B. zu verhindern. Sein Versuch, durch die Rückgabe von einigen rein magyarischen Grenzdistrikten und die Sicherstellung des Minderheitenschutzes der in Ungarn verbliebenen 140 000 Slowaken zu einem Ausgleich zu kommen, scheiterte. Die Absicht König Karls IV. im Jahre 1921 auf den ungarischen Thron zurückzukehren, beantwortete B. mit der Mobilmachung und einer Defensivallianz der Kleinen Entente (ursprünglich ironische Bezeichnung dieses Bündnisses zwischen der Tschechoslowakei, Rumänien und Jugoslawien durch die ungarische Presse), die bis 1938 bestanden hat. Dadurch war der Status quo im Donauraum gesichert, Karl IV. wurde auf Madeira verbannt. Die Aussöhnung zwischen Ungarn und der Kleinen Entente, die B. durch kleine Grenzkorrekturen zu erreichen suchte, scheiterte 1933. B. erreichte schließlich durch die Machtergreifung Hitlers in Deutschland ein engeres Bündnis innerhalb der Kleinen Entente.
Nach dem Einfall Italiens in Abessinien 1936 versuchte B. die Kleine Entente unter Einschluß von Österreich zu erweitern, um den deutschen Einfluß im Donauraum abzufangen. Nachdem er 1935 zum Staatspräsidenten gewählt worden war, setzte er seine diplomatischen Bemühungen in dieser Richtung fort. Obwohl er die Pläne Hodžas, einen eventuellen Donaupakt auch auf Ungarn auszudehnen, zunächst ablehnte, war er 1938 bereit, Ungarn in ein derartiges Paktsystem einzubeziehen und kleinere Grenzkorrekturen an der slowakischen Südgrenze zugunsten Ungarns vorzunehmen. Während der Sudetenkrise erhielt B. keinerlei Unterstützung durch die Staaten der Kleinen Entente. Radikale ungarische Gebietsforderungen auf slowakisches Gebiet wies er selbst nach der Abtretung des Sudetenlandes energisch zurück.
Nach der Besetzung des Sudetenlandes durch die deutschen Truppen stellte B. sein Präsidentenamt zur Verfügung. Er ging ins Exil und wurde während des Zweiten Weltkrieges der Chef der tschechoslowakischen Exilregierung in London. Die slowakischen Exilpolitiker zogen sich bald aus diesem Gremium zurück, da sie den zentralistischen Kurs, die antibürgerliche Haltung und das Bündnis mit der Sowjetunion mißbilligten. Im Exil versuchte B. zunächst eine Bündnispolitik mit der jugoslawischen und polnischen Exilregierung. Als er aber sah, daß diese Regierungen durch die machtpolitische Konstellation kaum als politische Faktoren anzusehen waren, schloß er sich der Sowjetunion an. Beim Abschluß des sowjetisch-tschechoslowakischen Freundschaftspaktes Ende 1943 einigte sich B. mit den tschechoslowakischen Kommunisten in Moskau über das künftige Regierungsprogramm. Noch im Exil erreichte er die Zustimmung der Großmächte zur Vertreibung der Sudetendeutschen und Magyaren. Beim slowakischen Aufstand 1944 versuchte er die politische und militärische Führung in seine Hand zu bekommen. Aus der Sowjetunion reiste B. mit seiner Regierung in die von der Roten Armee befreite ČSR ein. Das erste Regierungsprogramm (Kaschauerprogramm) trug schon deutlich sozialistische Züge. Entgegen seiner politischen Vorstellung mußte er in der Slowakei der Bildung von Selbstverwaltungsorganen zustimmen. B.s politisches Konzept, einen Mittelweg zwischen kommunistischen und westlichen Ländern zu suchen, scheiterte an der gut durchdachten Strategie der KPČ. Im Juni 1945 unterschrieb er die Abtretung der Karpato-Ukraine an die UdSSR. Seit 1945 wieder Staatspräsident konnte er 1948 trotz der verfassungsmäßigen Möglichkeit die Machtergreifung der KPČ nicht verhindern. Die Verweigerung der Unterschrift unter die unter kommunistischem Druck entstandene Verfassung führte am 7. Juni 1948 zu seinem Rücktritt als Staatspräsident.

Literatur

Hartl, A.: Bibliografie prací Edvarda Beneše. In: Dr. E. B., spoluzakladatel nové svobody a tvůrce zahraniční politiky československé. Sborník statí. Praha 1924, 249-283.
Jakowenko, Boris: La bibliographie ďEdouard Beneš. Prag 1936. = Internationale Bibliothek für Philosophie. 7/8.
Jaksch, W.: Europas Weg nach Potsdam. Stuttgart 1958.
Hoensch, J. K.: Der ungarische Revisionismus und die Zerschlagung der Tschechoslowakei. Tübingen 1967.
Bosl, Karl (Hrsg.): Handbuch der Geschichte der böhmischen Länder. Bd 4. Stuttgart 1969.

Verfasser

Horst Glassl (GND: 128931752)

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Empfohlene Zitierweise: Horst Glassl, Beneš, Edvard, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 179-181 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=556, abgerufen am: (Abrufdatum)

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