Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Bedreddîn, Simavna Kadısıoğlu

Bedreddîn, Simavna Kadısıoğlu, osmanischer Rechtsgelehrter, Mystiker und Aufrührer, * Simavna bei Adrianopel 1358/59, † Serres (Mazedonien) 18.12.1416, Sohn des Richters Ghâzî Isrâ’îl und einer Griechin, führte sein Geschlecht väterlicherseits auf die Seldschuken zurück.

Leben

In Adrianopel aufgewachsen und von seinem Vater sowie den Rechtsgelehrten Yûsuf und Şâhidî unterrichtet, studierte B. später in Brussa, wo er sich mit dem berühmten Mathematiker und Astronomen Mûsâ Çelebi anfreundete. Bis 1381 studierte er in Konya Logik und Sternkunde und wanderte dann, damaligem Gelehrtenbrauch gemäß, zu verschiedenen Gelehrten, um deren Vorlesungen mitzuhören. Auf diese Weise gelangte er nach Jerusalem und dann nach Kairo, wo er in einen Gelehrtenkreis aus Anatolien geriet, der zweifellos seine Laufbahn entscheidend beeinflußte.
Nachdem er 1383 die Pilgerfahrt nach Mekka vollzogen hatte, ernannte ihn der Mamlukensultan Barqûq zum Prinzenerzieher. Bisher scharfer Gegner der islamischen Mystik (Sufismus), trat B. in Kairo unter dem überwältigenden Einfluß des Sufi-Scheichs Hüsein Ahlâtî ins sufische Lager über.
Nach einigen Jahren Klosterlebens in Kairo reiste B. 1402-1403 nach Täbris, vermutlich angezogen vom Rufe der Safawîya-Bewegung. Er geriet dabei in die durch Timur den Lahmen (Tamerlan) verursachten Wirren, konnte sich jedoch der drohenden Verschleppung nach Zentralasien durch die Flucht entziehen. Als Nachfolger des Scheichs Hüsein Ahlâtî geriet er in Zwist zu seinen Klosterbrüdern in Kairo, weshalb er die Stadt verließ und auf Reisen in Kleinasien und Rumelien für seine Ideen warb, wobei er besonders Erfolg bei den Fürsten von Konya und Germiyan und bei verschiedenen safawidischen Scheichen hatte. Wohl schon damals wurden seine Lehren immer radikaler und gestalteten sich zu einer übersteigerten Form der ketzerischen Lehre des Mûhyî ed-Dîn al-'Arabî aus. Die stark sozialistische Komponente seiner Lehre sowie die im Sufitum begründete Toleranz gegenüber der christlichen und jüdischen Religion, die bei ihm bis nahe an den Gedanken einer neu zu schaffenden muslimisch-christlich-jüdischen Einheitsreligion heranreichten, brachten ihm Zulauf aus den Reihen der verarmten Bevölkerung, aber auch der Ra'âyâ. B. soll sogar Verbindung mit den Christen von Chios aufgenommen haben.
In seiner Heimatstadt Adrianopel angekommen, zog er sich zunächst zum Studium in die Einsamkeit zurück, wurde dann aber um 1410 gegen seinen Willen von dem osmanischen Teil-Sultan Mûsâ zum Heeresrichter ernannt. Nach der Niederlage Mûsâs gegen seinen Halbbruder Mehmed I. (1413) verungnadet, lebte und lehrte er in Iznik. Vermutlich kam er hier in Verbindung mit der kommunistischen Untergrundbewegung der Bauernführer Börklüce Mustafa und Torlaq Hû Kemâl, die 1416 zur offenen Rebellion überging. Von dem mißvergnügten Fürsten von Sinope heimlich unterstützt, begab sich B. nach Rumelien, wo er von den Truppen Sultan Mehmeds I. gefangengenommen und nach einem etwas fragwürdigen Ketzergericht im Dezember 1416 in Serres als Hochverräter gehängt wurde.
Die Frage, ob B. als aktiver führender Kopf des Bauernaufstandes von 1416 oder nur als Chef-Ideologe derartiger Bewegungen auftrat, ist bis heute noch nicht geklärt, nachdem sein Enkel und Lebensbeschreiber Ismâ‘îl mit Nachdruck seine Schuld an dem Bauernaufstand leugnet.
Die Ideen des B., die von seinen Anhängern noch verschärft im Sinne der absoluten Gütergemeinschaft weitergetragen wurden, wirkten noch bis in die Zeit von Sultan Süleyman dem Prächtigen fort. Viele seiner Anhänger wandten sich zum Teil der Safawîya zu, andere gingen später im Bektaschi-Orden auf. Als Schriftsteller war B. ungewöhnlich fruchtbar. Er schrieb mehr als 50 juristische Werke. Seine sufischen Ideen sind vor allem in seinen Vâridât und Nûr-al-kulûb niedergelegt.
Unter seinen Nachkommen ist sein Enkel und Lebensbeschreiber Ismâ‘îl bemerkenswert.

Literatur

Babinger, Franz: Schejch Bedr ed-Dîn, der Sohn des Richters von Simâw. In: Der Islam 11 (1921) 1-106.
Ders.: Beiträge zur Frühgeschichte der Türkenherrschaft in Rumelien (14.- 15. Jh.). Brünn, München, Wien 1944. = Südosteuropäische Arbeiten. 34.
Kissling, Hans Joachim: Das Menâqybnâme Scheich Bedr en-Dîn’s, des Sohnes des Richters von Samâvnâ In: Z. dt. morgenländ. Ges. 100 (1950) 112-176.
Ders.: Zur Geschichte des Derwischordens der Bajrâmijje. In: Südost-Forsch. 15 (1956) 237-268.
Werner, Ernst: Häresie, Klassenkampf und religiöse Toleranz in einer islamisch-christlichen Kontaktzone: Bedr ed-dîn und Bürklüce Mustafâ. In: Z. Gesch.-Wiss. 12 (1964) 255-276.
Gölpınarlı, Abdülbaki und Ismet Sungurbey: Sımavna kadısıoğlu Şeyh Bedreddin Manakıbı. Istanbul 1967.
Filipović, N.: Princ Musa i Šejh Bedreddin. Sarajevo 1971.

Verfasser

Hans-Joachim Kißling (GND: 118723251)

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Empfohlene Zitierweise: Hans-Joachim Kißling, Bedreddîn, Simavna Kadısıoğlu, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 1. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1974, S. 168-170 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=546, abgerufen am: (Abrufdatum)

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