Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Anonymus

Anonymus, übliche Bezeichnung des sich als „P. dictus magister quondam ... Belae regis Hungariae notarius“ ausweisenden Chronisten, Verfasser einer „Gesta Hungarorum“, der ältesten, im Originaltext auf uns gekommenen Geschichte der Ungarn.

Leben

Die Identität des A. ist seit Beginn der kritischen Quellenstudien im 18. Jahrhundert bis zum heutigen Tage umstritten. Die Datierung des Werkes in die Zeit Bélas III. wurde vielfach angenommen, dann überzeugend von L. Szilágyi (1937) durch Formelvergleich mit der Kanzleipraxis des späten 12. Jahrhunderts nachgewiesen. Diese allerseits anerkannte Datierung wurde 1962 von Csóka, im Anschluß an Jakubovich und Heilig (1934), bezweifelt und als Entstehungsort das Benediktinerkloster Martinsberg (Pannonhalma) vorgeschlagen. Horváth und Sólyom legten Argumente für eine Identifizierung des A. mit Peter, Bischof von Raab († 1218), vor, während Györffy bis zuletzt (1970) den Ofener Probst P. (um 1200) als Verfasser annnahm. Dagegen will jedoch Karsai durch Palimpsestuntersuchung des unbeschriebenen Vorsatzblattes bewiesen haben, daß der A. mit dem Dominikaner Pósa, dem zeitweiligen Bischof von Bosnien († nach 1272), sein König also mit Béla IV. zu identifizieren seien.
Der A., wen auch immer das Signum P. verdecken mag, war - als ehemaliger Pariser Student - ein belesener und sprachgewandter Mann und mit den Verhältnissen und politischen Ideen des Adels um die Wende des 12./13. Jahrhunderts recht gut vertraut. Seine „Gesta“ berichten in 57 Kapiteln (48 fol. Seiten im Cod. lat. med. ae. 403 der „Nationalbibliothek Széchényi“ in Budapest) über die Urheimat der Magyaren (Skythien), über die Landnahme und die Kämpfe mit den Völkern im Karpatenbecken und kurz über die Staatsgründung. Durch „eine seltsame Mischung von Traditionen der Dynastie und der großen Geschlechter, von Volkssagen und gelehrten Kombinationen“ (Bogyay) werden Herkunft und Rechte der Amtsaristokratie, ihre Ansprüche auf Mitsprache im Königsrat und Donationen in die Landnahmezeit zurückprojiziert. Durch Verarbeitung älterer mündlicher und uns nur fragmentarisch bekannter schriftlicher Traditionen enthalten zwar die „Gesta“ manche Auskünfte über die Verhältnisse im 10. Jahrhundert, doch ihr Quellenwert besteht vornehmlich in der Wiedergabe des adeligen Selbstverständnisses (und auch der Topographie) ihrer Entstehungszeit. Die sichtlich unvollständige Chronik des A. übte keine Wirkung auf die mittelalterliche Geschichtsschreibung aus: sie war offenbar kurz nach Niederschrift bis zum Jahre 1746, als sie in der Wiener Hofbibliothek auftauchte, verschollen. Die Chroniken des 13. und 14. Jahrhunderts gehen auf gemeinsame Quellen mit dem A., nicht jedoch auf seine „Gesta“ zurück.

Literatur

Jakubovich, Aemilius (Hrsg.): P. magistri, qui Anonymus dicitur, Gesta Hungarorum. In: Szentpétery, Emericus (Hsrg.): Scriptores rerum Hungaricarum tempore ducum regumque stirpis Arpadianae gestarum. Bd 1. Budapest 1938, 13-117.
Csóka, Lajos: Ki volt Anonymus? In: Magy. Nyelv 58 (1962) 153-159, 336-346.
Győrffy, György: Formation d’Etats aux IXe s. suivant les „Gesta Hungarorum“ du Notaire Anonyme. In: Nouvelles Etudes historiques. Bd 1. Budapest 1965, 27-53. Ifj.
Horváth, János: P. mester és műve. In: Irod.-tört. Közl. 70 (1966) 1-52, 261-282.
Sólyom, Károly: Új szempontok az Anonymus-probléma megoldásához. In: Irod.-tört. Közl. 70 (1966) 54-83.
Csóka, J. Lajos: A latin nyelvű történeti irodalom kialakulása Magyarországon a XI-XIV. században. Budapest 1967. = Irodalomtörténeti Könyvtár. 20.
Karsai, Géza: Az Anonymus-kódex első levele. (Kutatási beszámoló.) In: Magy. Könyvszle 84 (1968) 42-51.
Győrffy, György: Anonymus Gesta Hungarorumának kora és hitelessége. In: Irod.-tört. Közl. 74 (1970) 1-13.

Verfasser

János M. Bak (GND: 12185485X)


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