Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Zinzendorf, Ludwig Graf

Zinzendorf, Ludwig Graf, kaiserlicher Staatsmann, * Nürnberg 23.09.1721, † Wien 4.10. 1780, aus einer dem Herrenstand angehörigen niederösterreichischen Familie, von dem ein Zweig evangelisch geworden war und meist in kursächsischen Diensten stand. Sein Vater, Graf Friedrich Christian Z., war der ältere Halbbruder des berühmten Herrenhuter-Bischofs Nikolaus Ludwig Z.

Leben

Erzogen im pietistischen Elternhaus in Sachsen, trat Z. 1739 zum Katholizismus über, um der Familie das Fideikommiß in Österreich zu erhalten. Zunächst trat er in sächsische Dienste, reiste aber 1740 zum Chef der älteren Linie, Graf Ludwig Z., und übernahm 1742 die Familiengüter. 1746/47 studierte er in Leipzig die Rechtswissenschaften und erhielt dann eine Stelle beim niederösterreichischen Landrecht. Entscheidend für seine Zukunft wurde die enge Freundschaft mit Graf Wenzel Kaunitz, der ihn 1750 nach Paris kommen ließ, wo Z. das französische Finanz- und Staatsschuldenwesen studierte und den Grund zu Finanzkenntnissen legte, die er 1753 auf einer kurzen Englandreise vertiefte. Im selben Jahr wurde er Hofrat im Directorium in publicis et cameralibus und im Commerz-Directorium. Durch seine Kenntnis des Geld- und Kreditwesens errang er das Vertrauen des Kaisers Franz I. 1755 verhandelte er im Auftrag von Kaunitz in St. Petersburg über die Kriegsvorbereitungen gegen Preußen. Die größte Bedeutung erlangte Z. durch die Kaunitz-Zinzendorf’sche Reform von 1760, die er durch den Druck von „Finanzvorschlägen zur Fortsetzung des gegenwärtigen Krieges“ (1759) vorbereitete. Um die schwierige Finanzlage zu überbrücken, schlug Z. die Aufnahme eines Kredits unter Bürgschaft der Stände der Deutschen Erbländer vor, der 1761 durch die Ausgabe von Staatsobligationen in Höhe von achtzehn Millionen Gulden tatsächlich zustandekam. Das bedeutete auch die erste Ausgabe von Papiergeld in Mitteleuropa. Maria Theresia ernannte Z. dafür zum Präsidenten der ständischen Kredits-Deputation und am 23. Dezember 1761 zum Präsidenten der nach seinen Plänen neu geschaffenen Hofrechenkammer, der ersten staatlichen unabhängigen Finanzkontrolle in der Monarchie, die noch heute im Obersten Rechnungshof weiterlebt. Z. fertigte auch ein „Staatsinventar“ an, ein Verzeichnis aller Einnahmen
 und Ausgaben. Mit der Neuordnung des Finanzwesens trug Z. als Hauptberater von Kaunitz am meisten zum Sturz des „Directoriums“ bei, er war der eigentliche Erfinder dieser meist Kaunitz zugeschriebenen Reform. Im Wesen der neuen Kontrollstelle lag es freilich, daß ihr Chef in Gegensatz zu den übrigen Behörden geriet und daß über das Ausmaß der Kontrolle keine Einigkeit erzielt werden konnte. Z. versuchte, eine Kontrolle „von Anfang an“ (ab ante) zu erreichen, die ihm einen übermächtigen Einfluß auf die gesamte Verwaltung gegeben hätte. Dazu kam es nicht, Z. wurde aber immer wieder von der Kaiserin zur Begutachtung finanzieller Fragen herangezogen, da sie seine „ausgezeichneten Fachkenntnisse ebenso wie seine unerschrockene Aufrichtigkeit“ zu schätzen wußte. Z.s Stellung wurde durch ständige Angriffe erschüttert. 1771 konnte die Absicht Hatzfelds, die Rechenkammer der Hofkammer zu unterstellen, noch abgewehrt werden, im Januar 1773 kam es aber doch dazu, was den Abschied Z.s bedeutete. Seine Ernennung zum Staatsminister war nur mehr eine Formsache, da er wegen einer schweren Erkrankung im Staatsrat keine Dienste mehr leistete. Er hielt sich meist zur Kur in Montpellier auf. Erst knapp vor seinem Tod ist er nach Wien zurückgekehrt.

Literatur

Pettenegg, E. Gaston Graf: Ludwig und Karl Grafen und Herren von Zinzendorf. Ihre Selbstbiographien. Wien 1879 [in Wirklichkeit wurde die Biographie Ludwigs von Karl Z. geschrieben].
Walter, Friedrich: Geschichte der österreichischen Zentralverwaltung 1740-1780. Wien 1938. = Veröffentlichung der Kommission für Neuere Geschichte Österreichs. 32 (17).
Hönig, Rudolf: Der österreichische Rechnungshof. Wien 1951.

Verfasser

Hans Wagner (GND: 118945564)


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