Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Valvis, Dimitrios

Valvis, Dimitrios, griechischer Rechtsgelehrter, * Mesolongi 1814, † Athen 30.11. (12. ?) 1892.

Leben

Zwölfjährig erlebte V. die heißen Kämpfe um die Stadt Mesolongi während des Freiheitskrieges mit. Kurz vor dem legendären Exodus im April 1826 wurden er und seine Mutter zusammen mit anderen Frauen und Kindern aus der belagerten Stadt auf die kleine Insel Kalamos in der Ionischen Republik gebracht. Die britische Verwaltung versagte den Flüchtlingen aber jegliche Hilfe, da sie auf strenge Neutralität der Pforte gegenüber bedacht war. Um dem Elend zu entgehen, setzten Mutter und Kind nach Italien über, wo sie bei einem Schwager in Livorno Zuflucht fanden, der auch die Ausbildung des Knaben übernahm. V. besuchte das italienische Gymnasium der Stadt und wurde vom Pfarrer der orthodoxen Kirche im Griechischen unterwiesen. Nach dieser Grundausbildung ging er zu Rechtsstudien nach Pisa und errang die Doktorwürde.
Nach Beendigung des Freiheitskrieges kehrte V. in seine Heimat zurück und begann eine Gerichtslaufbahn als Vertreter des Staatsanwalt in der ersten Instanz. Er durchlief diese Karriere mit großer Konsequenz, und nach fünfzigjährigem Wirken in der Justiz wurde er 1872 zum Präsidenten des Obersten Gerichtshofes (Areopag) ernannt. V. war als Persönlichkeit und als Justizfachmann in der Fachwelt wie in der Öffentlichkeit geehrt und geachtet. Besonders in der legislativ schwierigen Periode nach 1872 galt er als Garant des Weiterfunk- tionierens der Justiz im Lande. Nach dem von der Regierung Dimitrios Vulgaris unternommenen Versuch zum Umsturz der Staatsverfassung vertrat er im Gegensatz zu den damaligen politischen Führern die Meinung, daß kein Grund für eine strafrechtliche Verfolgung der Akteure gegeben sei, da ihnen durch die Folgen der Wahlniederlage von 1875 die politische Rechtskraft entzogen sei. Er drang im wesentlichen mit seiner Meinung durch, und der am 19. April 1875 begonnene Prozeß gegen die Regierung Vulgaris wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt vor einem eigens zusammengestellten Gerichtshof, in dem V. den Vorsitz führte, wurde schon am ersten Verhandlungstag auf den 20. September vertagt und verlief später im Sande. Auch bei dem aufsehenerregenden Simonieprozeß gegen den Exminister Ioannis Valasopulos (26. I. - 31.03.1876), der ziemlich einzigartig in der Rechtsgeschichte des neueren Griechenland dasteht, und der mit der Verurteilung des Angeklagten zu einjähriger Haft, der Entziehung der bürgerlichen Rechte auf drei Jahre und einer hohen Geldbuße endete, führte V. nicht nur den Vorsitz, sondern leitete auch persönlich die Indizienaufnahme.
Im Mai 1885 zog sich V. von der aktiven Laufbahn zurück und wurde zum Ehrenpräsident des Areopag ernannt. Infolge der Blockade Griechenlands durch die Flotte der europäischen Großmächte im April 1886 trat die Regierung Theodoros Dilijannis plötzlich zurück und König Georg I. bat V. angesichts der Schwierigkeit der Bildung einer parlamentarischen Regierung in solcher Krisenzeit, die Formung einer provisorischen Regierung zu übernehmen. Am 30. April 1886 war die neue Regierung gebildet, und wenige Tage später berief V. das Parlament ein, das Charilaos Trikupis das Vertrauensvotum gab. Dieser übernahm die Regierung und legte König Georg I. nahe, V. dafür das Großkreuz des Heilands zu verleihen. V. verblieb bis zu seinem Tode geachteter Privatmann.

Literatur

Petropulos, Konstantinos P.: Mesolongitikes ethnikes doxes. Athen 1971, 93-109 (mit Bibliographie).

Verfasser

Walter Puchner (GND: 115411496)

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Empfohlene Zitierweise: Walter Puchner, Valvis, Dimitrios, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 382-383 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1825, abgerufen am: (Abrufdatum)

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