Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

Széchenyi, István Graf
Bild: Wikimedia Commons
Wikidata: Q279397

In den Suchergebnissen blättern

Treffer 
 von 1526

Széchenyi, István Graf

Széchenyi, István (Stephan) Graf, ungarischer Staatsmann, * Wien 21.09.1791, † Döbling bei Wien 08.04.1860, jüngster Sohn des Grafen Ferenc (Franz) Sz. und seiner Gattin, geb. Gräfin Juliana Festetics.

Leben

Zum Soldaten bestimmt, diente Sz. schon vor Vollendung des 18. Lebensjahres 1809 als Oberleutnant in dem gegen Napoleon aufgebotenen ungarischen Adeligenheer und in den folgenden Jahren als Rittmeister während der Feldzüge Österreichs. Obwohl er sich mehrfach ausgezeichnet hatte (und Sohn einer einflußreichen Familie von Latifundienbesitzern war), wurde er nicht befördert, er war in anrüchige Liebesabenteuer verwickelt gewesen, auch konnte er seine Zunge nicht zügeln, er führte aufsässige Reden, und bei Hof wurde er als unzuverlässig abgestempelt.
Sz. hatte die damals standesübliche oberflächliche Erziehung erhalten, wurde aber, anders als die meisten seiner Offizierskameraden, der Bildungsmängel bald schmerzlich bewußt, und er eignete sich nach den napoleonischen Kriegen - ebenso gierig-unersättlich wie er in seinen Affären gewesen war - umfassende politische, ökonomische und technische Kenntnisse aus Büchern und auf ausländischen Studienreisen an. England und seine Einrichtungen wurden ihm zu Vorbildern. Er entwickelte allmählich den Ehrgeiz, für das Gemeinwohl zu wirken, aber in Wien wurde sein Reifen nicht zur Kenntnis genommen, sein schlechter Ruf stand ihm im Weg.
Als er in der Kaiserstadt noch 33jährig stets nur auf Ablehnung stieß, wandte er sich schließlich dem in Lethargie versunkenen rückständigen Ungarn zu, wo die Familienbesitzungen lagen und dem die Heimatliebe seiner (freilich in Wien lebenden) Eltern gehörte. Sz.s Umgangssprache war Deutsch, das Madjarische beherrschte er zunächst nur mangelhaft, er erlernte es erst später gründlich. Aber sein erstes öffentliches Auftreten galt - 1825 - der ungarischen Sprache und Kultur: Er stiftete ein Jahreseinkommen seiner Güter, 60000 Gulden, für die Schaffung einer gelehrten Gesellschaft zu Pest und wurde damit zum Gründer der Ungarischen Akademie der Wissenschaften; und er war der erste Magnat, der in einer Sitzung des Reichstags, dessen Amtssprache noch Lateinisch war, das Madjarische benutzte. Diese Gesten lösten in Wien Mißfallen aus, und um sich Handlungsfreiheit zu sichern, nahm der „ewige Rittmeister“ Sz. 1826 seinen Abschied von der Armee.
Danach bemühte sich Sz. vorerst darum, im Königreich Kristallisationspunkte für ein die Oberschicht einbeziehendes gesellschaftliches Leben zu schaffen. Er gründete zu diesem Zweck Ungarns ersten Klub nach englischem Muster (den er aber „Casino“ nannte, weil das Wort „Klub“ für höfische Ohren französisch-revolutionäre Obertöne hatte), und er führte den Pferdesport gleichfalls englischer Art ein. 1828 erschien sein erstes madjarisches Buch, „Lovakrul“ (Von Pferden), im selben Jahr verlegte er demonstrativ seinen Wohnsitz von Wien nach Pest.
Er gewann Autorität im Kreis der ungarischen Reformfreunde, und als 1830 sein Buch „Hitel“ (Kreditwesen) erschien, wurde er über Nacht zum anerkannten Führer der Nation. In diesem Buch forderte Sz. die Abschaffung entwicklungshemmender Adelsvorrechte und die Beseitigung mittelalterlicher Wirtschaftsweisen, jedoch nicht gewaltsam, sondern durch Änderung des öffentlichen Bewußtseins; das Neue sollte nicht erzwungen werden, Sz. ermunterte seine Leser zur Selbsterziehung, damit die Nation die Reformen kollektiv wolle. Die ungeheure Wirkung von „Hitel“ hatte vor allem zwei Gründe: Der Autor sprach als erster offen aus, was „in der Luft lag“, und er war Angehöriger der Schicht, der die Reform die größten Opfer und Verzichte abverlangt hätte. Zudem begeisterte Sz.s das Gemüt anrührende Argumentation unzufriedene Fortschrittsfreunde ebenso wie einsichtige Konservative; diesen rief Sz. zu, nur durch freiwillige Zugeständnisse könne die Gefahr einer grausamen Revolution abgewendet werden. Sz. geißelte die Fehler der Adelsnation, die Wiener Regierung schonte er; dies war - und blieb bis 1848 - die Grundlage seiner politischen Taktik. Angesichts der vorgegebenen Kräfteverhältnisse hielt er das Wagnis einer Herausforderung Österreichs für selbstmörderisch; er war der Überzeugung, in einem Konflikt mit Österreich müßte Ungarn verlieren und untergehen.
Zur Abwehr extrem konservativer Kritiker des „Hitel“ legte Sz. 1831 das Buch „Világ“ (Licht) vor. 1833 erschien sein Werk „Stádium“; es enthielt den Wortlaut zwölf vollständig ausgearbeiteter Gesetzentwürfe, mit deren Verabschiedung der Reichstag die Wiedergeburt Ungarns hätte bewirken sollen.
Auf die Veröffentlichung von „Hitel“ folgte eine lange Reihe praktischer Schritte Sz.s, und damit ging eine bis dahin auch für kühne Träumer kaum vorstellbare Belebung Ungarns einher. In den 30er Jahren des 19. Jh.s begann sich die scheintote Nation zu regen, und Sz. stand hinter fast allen neuen Institutionen, Gründungen, Aktionen gesellschaftlicher, kultureller, wirtschaftlicher Natur. Nicht selten war Sz. der alleinige Verwirklicher (und dies unter Überwindung von Hindernissen, an denen wohl jeder andere verzweifelt wäre), vielfach war er der Urheber der gesamten Planung, so gut wie immer war er der Anreger und Förderer. Auf Sz.s Bemühungen gingen u.a. die Gründung des ersten ungarischen Tierzuchtvereins, die Eröffnung der Dampfschiffahrt auf der Donau, die Regulierung von Theiß und Niederdonau, die Schiffbarmachung des Stromes am Eisernen Tor, der Bau der ersten festen Brücke zwischen Ofen und Pest zurück; Sz. gründete Ungarns ersten Sportverein (einen Ruderklub), die erste Dampfmühle, die erste Eisengießerei und Maschinenfabrik; dank Sz.s Unterstützung entstanden in Pest das Nationaltheater, das Musikkonservatorium, die Gewerbeschule. Als erbliches Mitglied des Magnatenhauses beteiligte sich Sz. zugleich intensiv an der Arbeit der Reichstage und stritt besonders für die Meinungsfreiheit und für eine Minderung der Lasten der hörigen Bauern.
1836 heiratete Sz. die 37jährige Witwe des im Jahr zuvor verstorbenen Grafen Käroly Zichy, eine geborene Gräfin Crescence Seilern, der er seit 1825 in Seelenfreundschaft verbunden war. Sz. sah in ihr die Muse seines Wirkens für Ungarn.
1840 huldigte Lajos Kossuth dem Grafen, indem er ihn als den „größten Ungarn“ bezeichnete. Doch 1841 tat sich eine Kluft zwischen Sz. und Kossuth auf; diesem wandte sich jetzt die Gunst der Öffentlichkeit zu. Sz. beharrte darauf, solange Ungarn schwach und Österreich stark sei, müsse ein Ringen mit Wien um politische Freiheiten vermieden werden, da es aussichtslos wäre und auch bereits Erreichtes zerstören müßte. Kossuth hielt dem entgegen, politische Freiheiten seien die Voraussetzung wirtschaftlichen und kulturellen Aufstiegs, und notfalls müsse man die Freiheiten Wien abtrotzen. Sz. wußte sich in den großen Zielen mit Kossuth einig, hielt aber dessen Taktik und Stil für verhängnisvoll. 1841 veröffentlichte der Graf die Streitschrift „Kelet népe“ (Volk des Ostens) gegen Kossuth, und die folgenden Jahre waren von der rhetorischen und Pressefehde der beiden Reformpolitiker erfüllt.
Bis 1845 blieb Sz. ohne Amt; nur 1833 war er für kurze Zeit mit einer offiziellen Aufgabe betraut, zum Regierungskommissar für die Regulierung der Niederdonau bestellt worden. 1845 wurde ihm die Leitung einer bei der Ofner Statthalterei eigens für ihn errichteten Kommission für Verkehrswesen übertragen, und da erhielt er seine erste und letzte österreichische Auszeichnung, den Titel eines Wirklichen Geheimrats.
Bei Änderung der Kräfteverhältnisse wäre Sz. immer schon bereit gewesen, den Kampf auch mit Wien aufzunehmen. Der Fall trat in Sz.s Augen im März 1848 ein. Unter dem Eindruck der Nachrichten von der Pariser Februarrevolution hatte in dem in Preßburg tagenden ungarischen Reichstag die Partei Kossuths die Oberhand gewonnen; nun stimmte Sz. den von ihm noch am Vortag heftig abgelehnten Anträgen der Radikalen zu, und er schloß sich der Abordnung an, die der Reichstag nach Wien entsandte, um die Zustimmung der Krone zu einer liberalen Verfassungsreform zu erlangen. Die Abordnung verhandelte - nicht zuletzt dank Sz.s Einsatz - erfolgreich; der Monarch ernannte Ungarns erste konstitutionelle Regierung, in der Sz. die Leitung des Ministeriums für öffentliche Arbeiten und Verkehr übernahm. Er versah seine Amtspflichten mit Eifer, doch als im Sommer 1848 der Hof die Zugeständnisse vom Frühjahr rückgängig zu machen versuchte und Ungarn den revolutionären Kampf eröffnete, verdüsterte sich Sz.s Gemüt. Er verzweifelte an der Zukunft, verfiel dem Wahn, Ungarns ihm nunmehr unentrinnbar erscheinenden Untergang am Gewissen zu haben, brach am 4. September 1848 zusammen und wurde in eine private Irrenanstalt in Döbling bei Wien gebracht.
Um 1855 hatte er die Krankheit überwunden, er war aber nicht bereit, aus der Anstalt in die Welt zurückzukehren. Er blieb in Döbling. Seit 1856 versuchte er sich wieder - einstweilen nur für die Schreibtischlade - mit schriftstellerischen Arbeiten. Er verfaßte u. a. einen umfangreichen madjarischen Text, in dem er Kaiser Franz Joseph und seine Berater mit Haß, Hohn und Verachtung überschüttete. (Der Text, ein Torso, 1860 von der Wiener Polizei aufgefunden und danach unter Verschluß aufbewahrt, wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg bekannt und unter dem vom Herausgeber erdachten Titel „Große ungarische Satire“ veröffentlicht.) Von 1857 an empfing Sz. immer mehr Besucher, mit denen er politische Gespräche führte.
Er bekam die 1857 erschienene, „Rückblick“ betitelte vertrauliche Rechtfertigungsschrift zur Ungarnpolitik Alexander von Bachs zu lesen und schrieb eine fulminante Entgegnung, die er ins Ausland schmuggeln und 1859 ohne Autorennamen unter dem Titel „Ein Blick auf den anonymen ,Rückblick' (.. () von einem Ungarn“ in London drucken ließ. Danach brachte Sz. mit einigen Getreuen, unter Umgehung der Zensur, von Döbling aus noch mehrere anonyme politische Streitschriften gegen Wiens Ungarnpolitik heraus.
Die geheime Betätigung des „Döblinger Einsiedlers“, wie Sz. in Ungarn verehrungsvoll genannt wurde, begann die Regierung zu beunruhigen. Anfang 1860 wurden in der Irrenanstalt bei Sz. und in den Wohnungen seiner Vertrauten Haussuchungen vorgenommen, es wurden Manuskripte und andere Papiere beschlagnahmt, und die Behörde drohte dem Grafen weitere Maßnahmen an. Sz. ertrug die neuerliche seelische Belastung nicht mehr. Auf bis heute ungeklärten Wegen kam er in den Besitz von Pistolen, und am 8. April 1860 fand man ihn in seinem Döblinger Arbeitszimmer mit zerschossenem Schädel auf.

Literatur

Silagi, Denis: Der größte Ungar. Graf Stephan Széchenyi. Wien 1967.
Gergely, András: Széchenyi eszmerendszerének kialakulása. Budapest 1972.
Spira, György: A Hungárián Count in the Revolution of 1848. Budapest 1974.

Verfasser

Denis Silagi (GND: 1032871083)

GND: 118758152


RDF: RDF

Vorlage (GIF-Bild):  Bild1   Bild2   Bild3   Bild4   

Empfohlene Zitierweise: Denis Silagi, Széchenyi, István Graf, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 4. Hgg. Mathias Bernath / Karl Nehring. München 1981, S. 253-256 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1734, abgerufen am: (Abrufdatum)

Druckerfreundliche Anzeige: Druckerfreundlich

Treffer 
 von 1526
Ok, verstanden

Website nutzt Cookies, um bestmögliche Funktionalität bieten zu können. Mehr Infos