Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Kossuth, Lajos

Kossuth, Lajos (Ludwig), ungarischer Publizist und Staatsmann, Führer des ungarischen Freiheitskampfes 1848/49, „regierender Präsident“ Ungarns (kormányzó elnök, Reichsverweser) 14.04.-11.08.1849, * Monok (Komitat Zemplin) 19.09.1802, † Turin 20.03.1894, aus verarmtem Mitteladel, slowakischer Herkunft.

Leben

 Nach Beendigung seiner juristischen Studien bestand K. 1823 die Advokatenprüfung und wirkte 1824-1832 als Rechtsanwalt in seiner Heimat. Gleichzeitig wurde er politisch tätig und vertrat auf dem Landtag von 1825/27 für kürzere Zeit die Witwe von Baron Ferenc Révay als absentium ablegatus. Auf dem Landtag von 1832/36, dem er ebenfalls in der Eigenschaft eines absentium ablegatus beiwohnte, spielte er bereits eine bedeutende Rolle, da er die vor dem Plenum gehaltenen Reden in den „Országgyűlési Tudósítások“ (Landtagsberichte; Neuauflage in fünf Bänden, Budapest 1948/61), mit kurzen Kommentaren versehen, veröffentlichte. Die Publikation war eigentlich die erste rein politische Zeitung in Ungarn, und K. erlangte durch sie eine große Popularität nicht nur im Kreise der liberalen Opposition, sondern im ganzen Land. Nach dem Landtag gab er 1836/37 die im gleichen Sinne redigierten „Törvényhatósági Tudósítások“ (Munizipalberichte) heraus, die aber den Schutz des Landtags nicht mehr genossen. Trotz widerholten Verbotes durch den Palatin wurden die einzelnen Hefte versandt, weshalb er am 4. Mai 1837 verhaftet und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Auf die Intervention des Landtages hin begnadigt, kam er am 29. April 1840 frei. K. widmete sich nach seiner Freilassung einem im damaligen Ungarn kaum bekannten und geschätzten Beruf, der Journalistik, und wurde ab Januar 1841 Chefredakteur der wichtigsten liberalen Zeitung des Landes, der „Pesti Hírlap“ (Pester Zeitung). Er betonte darin in unzähligen Artikeln die dringende Notwendigkeit einer liberal-bürgerlichen Entwicklung, sozialer Reformen, verlangte die bürgerlichen Freiheitsrechte und setzte sich mit besonderer Energie gegen die adeligen Privilegien und die Urbarialreform ein. Dank seiner journalistischen Tätigkeit beherrschte er bald die öffentliche Meinung, seine Dynamik war aber mit dafür verantwortlich, daß sich die Reformer spalteten. Wegen seiner Einstellung zu Wien und zur Urbarial- frage geriet er in eine äußerst scharfe Polemik mit dem „größten Ungarn“, dem Grafen István Széchenyi. K.s Leitartikel wurden zum Symbol der ungarischen grava- minalen Politik gegen den Hof, führten jedoch Mitte 1844 zur Absetzung K.s als Chefredakteur. K. kämpfte mit unverminderter Energie weiter. Auf seine Initiative hin entstand am 6. Oktober 1844 der „Schutzverein“ (Védegylet), mit dem Ziel, die ungarische Industrie zu fördern und die österreichischen Industrieartikel zu boykottieren. K. wurde Geschäftsführer; Vorsitzender bzw. stellvertretender Vorsitzender des Vereins wurden Graf Kázmér Batthyány und Graf László Teleki. K.s wichtigste Artikel erschienen nunmehr im Organ des „Schutzvereins“, in der Zeitung „Hetilap“ (Wochenblatt). Im Juni 1847 gelang es schließlich der Opposition, die Meinungsverschiedenheiten in den eigenen Reihen - „Zentralsten“ einerseits und die von K. geführten „Munizipalisten“ andererseits matischen Erklärung (Ellenzéki Nyilatkozat) die Aktionseinheit der Liberalen zu sichern. Auf dem letzten ständischen Landtag 1847/48 nahm K. als Ablegat des Komitates Pest teil und wurde dort, zusammen mit Graf Lajos Batthyány, sofort als Führer der Opposition anerkannt. Seine Hauptforderungen waren: Bauernbefreiung und Zuteilung des urbarialen Landes an die Bauern, staatliche Entschädigung für die Grundbesitzer, staatsbürgerliche Gleichberechtigung, Gesetzgebung aufgrund der Volksvertretung, verantwortliche Regierung. Es war hauptsächlich K.s Einsatz zu verdanken, daß der Landtag die liberal-bürgerlichen Reformgesetze annahm und diese von Ferdinand I. (V.) am 11. April 1848 bestätigt wurden. In der ersten ungarischen Regierung (7.04.-10.09.1848) bekleidete K. den Posten des Finanzministers, er übernahm aber praktisch die Führung in beinahe allen grundsätzlichen Fragen. Infolge seines rasch zunehmenden Radikalismus hörte der Einklang in der Regierung bald auf. Auf seinen Einfluß hin verweigerte die Regierung die Soldaten für die Niederschlagung des Aufstandes in Italien (22.07.), wodurch auch das gegenseitige Vertrauen zwischen König und Regierung erschüttert wurde. K. lenkte bereits im Sommer 1848 die Aufmerksamkeit auf die Verteidigung der Unabhängigkeit und erwirkte am 11. Juli, daß der Reichstag für die Verteidigung Ungarns 200 000 Rekruten und 42 Millionen Forint bewilligte. Weder dieser Reichstagsbeschluß, noch ein anderer über die Ermächtigung des Finanzministers, Banknoten zu erlassen, wurden vom König je bestätigt, trotzdem wurden sie vollstreckt. Am 28. September 1848 wählte der Reichstag K. zum Vorsitzenden des 12köpfigen „Landesverteidigungsausschusses“ (Honvédelmi Bizottmány), der nach dem Rücktritt der Regierung Batthyány die Ausübung der Exekutivgewalt übernahm.
 Vom Herbst 1848 an organisierte K. mit großem Engagement die Honvéd-Armee und wurde durch seine zahlreichen Werbungsreden hauptsächlich in der Tiefebene der populärste Mann Ungarns. Sein radikales Vorgehen, seine kompromißlose Haltung gegenüber Wien, die ersten Niederlagen im Freiheitskampf hatten eine Spaltung im liberal-fortschrittlichen Lager zur Folge. Ende 1848, bedingt durch den Vormarsch der Österreicher, ging K. mit dem „Landesverteidigungsausschuß“ und dem Rumpfparlament nach Debreczin, wo der Reichstag als Antwort auf die oktroyierte Verfassung vom 4. März 1849 am 14. April 1849 auf seine Initiative hin in der „Unabhängigkeitserklärung“ (Függetlenségi Nyilatkozat) die Thronenthebung der Habsburger-Dynastie verkündete und K. zum provisorischen Staatsoberhaupt, „regierenden Präsidenten“, wählte. In Debreczin kämpfte K. gegen die „Friedenspartei“, hielt ständige Kontakte mit den Generälen, besuchte öfter die Kampfeinheiten und sorgte für die Rekrutierung, Ausrüstung und Finanzierung der Armee. Nach der russischen Intervention und der militärischen Niederlage dankte K. am 11. August ab. Er übergab die Macht Artúr Görgey, der am 13. August bei Arad die Waffen streckte, was ihm K. niemals vergab. K. ging mit mehreren tausend Anhängern in die Emigration. Bis 1851 befand er sich in Internierung in Kütahya in der Türkei, begab sich dann nach England und Amerika. 1852-1861 lebte er in London und anschließend bis zu seinem Tode in Turin. Im ersten Jahrzehnt seiner Emigration entfaltete K. eine vielseitige politische Aktivität. Er arbeitete bereits in Kütahya einen bemerkenswerten Verfassungsentwurf aus, in dem er eine weitgehende territoriale Autonomie für die Nationalitäten Ungarns empfahl. Von London aus organisierte K. unter dem Einfluß von Giuseppe Mazzini verschiedene Aufstandsversuche in Ungarn, da er der Meinung war, der Konflikt unter den Großmächten ermögliche die Befreiung Ungarns. Zur Zeit der Vorbereitung des österreichisch-italienisch-französischen Krieges 1859 machten ihm Napoleon III. und Graf Camillo Benső Cavour Hoffnungen auf die Befreiung Ungarns, worauf er zusammen mit dem Grafen László Teleki und General György Klapka das „Ungarische National-Direktorium“ (Magyar Nemzeti Igazgatóság) ins Leben rief und die Organisation einer „Ungarischen Legion“ begann. Im Mai 1862, bereits in Turin, veröffentlichte er den vielbeachteten Plan einer Konföderation der Donauvölker. Den Ausgleich vom Jahre 1867 hat K. niemals akzeptiert; er sah darin den Verrat an den Ideen von 1848. K. war und blieb die populärste Gestalt der ungarischen Geschichte. Eine lange Reihe von Städten und Dörfern wählte ihn zur Zeit des Dualismus zum Ehrenbürger, besonders nach 1889, als er seine ungarische Staatsbürgerschaft verlor. Keiner ungarischen Persönlichkeit wurde im Lande eine derart große Anzahl von Denkmälern gewidmet: bereits vor dem Ersten Weltkrieg waren es über 70. K.s sterbliche Überreste wurden sogleich nach seinem Tode nach Budapest überführt und unter großer Anteilnahme, die im Grunde ein politisches Bekenntnis der Bevölkerung darstellte, feierlich beigesetzt. K.s Memoiren „Irataim az emigráczióból“ (Meine Schriften aus der Emigration, 3 Bände) erschienen 1880-1882 in Budapest in ungarischer und in Preßburg in deutscher Sprache, die letzte Gesamtausgabe seiner Werke (Kossuth Lajos összes munkái,
 15 Bände, herausgegeben von István Barta und István Sinkovics) kam 1951-1955 in Budapest heraus.

Literatur

Hajnal, István (Hrsg.): A Kossuth-emigráció Törökországban. Budapest 1927.
Kastner, Eugenio: Mazzini e Kossuth. Lettere e documenti inediti. Firenze 1929.
Zarek, Otto: Kossuth, die Liebe eines Volkes. Zürich 1935.
Kosáry, Domokos: Kossuth Lajos a reformkorban. Budapest 1946.
Emlékkönyv Kossuth Lajos születésének 150. évfordulójára. Szerk. Zoltán I. Tóth. 2 Bde. Budapest 1952.
Szekfű, Gyula: Kossuth Lajos. Budapest 1952.
Spira, György: A magyar forradalom 1848-49-ben. Budapest 1959.
Kovács, Endre: A Kossuth-emigráció forradalmi és demokratikus kapcsolatai. Budapest 1964.
Barta, István: A fiatal Kossuth. Budapest 1966.

Verfasser

László Révész (GND: 137536054)

GND: 118565702

  1. Great Russian Encyclopedia Online ID
  2. Wikipedia-Artikel
  3. Encyclopædia Britannica
  4. Personen im Historischen Lexikon Bayerns
  5. Name Index of the International Encyclopedia of the First World War, 1914-1918-Online
  6. Eintrag im Biographisch-Bibliographischen Kirchenlexikon (BBKL) - eventuell im Internet Archive vorhanden [Kossuth von Udvard und Kossut, Lájos (1802-1894)]
  7. Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich (Wikisource)
  8. Personendaten-Repositorium (PDR) an der BBAW
  9. Deutsche Digitale Bibliothek
  10. Werke in der Open Library
  11. Project Gutenberg author ID
  12. Deutsches Dokumentationszentrum fuer Kunstgeschichte - Bildarchiv Foto Marburg (5)
  13. Wikimedia Commons
  14. 1 Reproduktionen im Digitalen Portraitindex Frühe Neuzeit
  15. British Museum person-institution
  16. National Portrait Gallery http://www.npg.org.uk/ (9952)
  17. National Portrait Gallery (London) person ID
  18. openMLOL author ID
  19. Open Library - Autorenseite [Kossuth, Lajos (1802-1894)]
  20. CERL Thesaurus
  21. OpenPlaques subject ID
  22. Jahresberichte für deutsche Geschichte - Online [9 über Kossuth, Lajos (1802-1894)]
  23. Bibliographieportal zur Geschichte Ostmitteleuropas - LitDok Ostmitteleuropa [Kossuth, Lajos (1802-1894)]
  24. INDEX THEOLOGICUS: Publikationen im IxTheo
  25. Bayerische Staatsbibliothek (37)
  26. Titelaufnahmen des B3Kat (58)
  27. Titel im Verbundkatalog des GBV (146)
  28. HBZ-Verbundkatalog (36)
  29. HeBIS-Verbundzentrale (37)
  30. SWB-Verbundkatalog
  31. National Library of Israel ID
  32. Kalliope-Verbund für Nachlässe, Autographen und Verlagsarchive
  33. SNAC Ark ID
  34. Online-Findmittelsystem, Landesarchiv Baden-W�rttemberg (7)
  35. NKC [by http://viaf.org/viaf/85933241]
  36. BNE [by http://viaf.org/viaf/85933241]
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Empfohlene Zitierweise: László Révész, Kossuth, Lajos, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 2. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1976, S. 493-496 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1190, abgerufen am: (Abrufdatum)

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