Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

In den Suchergebnissen blättern

Treffer 
 von 1526

Stefan [Österreich]

Stefan Franz Viktor, Erzherzog von Österreich, Palatin von Ungarn, * Ofen 14.09.1817, † Mentone (bei Nizza) 19.03.1867, Sohn des Erzherzogs Joseph und dessen zweiter Frau Hermine Prinzessin von Anhalt-Bernburg-Schaumburg.

Leben

St. erhielt die übliche Erziehung eines Mitgliedes des Hauses Habsburg in Ofen am Hofe seines Vaters, des Palatins Erzherzog Joseph. Der fähige und gut aussehende St. erreichte schnell verschiedene militärische Ränge und erwarb sich umfassende Sprachkenntnisse, zu denen Ungarisch gehörte, das er wie seine Muttersprache beherrschte. Während der Zeit, die er in Wien verbrachte (1839-1840), gewann er einen gründlichen Einblick in das System und den Gang der höchsten Reichsverwaltung; 1841-1842 bereiste er die italienischen und böhmischen Provinzen. Von 1843 bis 1847 war er Landeshauptmann von Böhmen, bis er im Februar 1847 nach dem Tod seines Vaters dessen Nachfolge zunächst als königlicher Statthalter in Ungarn antrat. Am 12. November erfolgte durch den ungarischen Landtag seine Wahl zum Palatin. Die Wahl des neuen Palatin wurde von den Ungarn in vieler Hinsicht mit großen Erwartungen verfolgt. Doch zeigte sich im Laufe der bürgerlichen Umgestaltung Ungarns nach den Märzereignissen im Jahre 1848 sowie des ungarischen Strebens nach Unabhängigkeit, daß St. diesem Konflikt, der durch die Nationalitätenpolitik Ungarns einerseits und der des habsburgischen Hauses andrerseits noch verschärft wurde, nicht gewachsen war. Als einer der gründlichsten Kenner der ungarischen Verhältnisse wurde ihm im März 1848 der Ernst der Lage voll bewußt. Am Hofe spielte er eine aktive Rolle in der Durchsetzung der Sanktion jener ungarischen Gesetze, die einerseits die Aufhebung der feudalen und den Aufbau der bürgerlichen Institutionen, andererseits für Ungarn eine weitgehende Selbständigkeit sicherten. Zur gleichen Zeit aber legte er am Hofe auch einen Antrag auf die Taktik einer zukünftigen Einschränkung dieser Selbständigkeit vor. Im Verlauf des Sommers stellte er sich als bevollmächtigter Statthalter (26.06.-14.08.1848) den bewaffneten offensiven Bewegungen der Serben, später der Kroaten entgegen. Als Ende August 1848 die Vorhaben des Hofes, den finanziellen und militärischen Wirkungskreis des ungarischen Ministeriums zu beschränken, offen zutagetraten und eine Regierungskrise in Pest hervorriefen, versuchte St. am 11. September die gesamte Exekutivgewalt zu übernehmen, wovon er sich nur durch das bestimmte Auftreten Kossuths abbringen ließ. Als ihm dann der Hof nicht erlaubte, sich der Intervention von Jelačić als Oberbefehlshaber der ungarischen Truppen zu widersetzen (wozu ihn der ungarische Reichstag ausgesprochen aufgerufen hatte, während sein Verhandlungsangebot von dem vorrückenden Banus jedoch abgeschlagen worden war), verließ er am 22. September 1848 heimlich das Land und entsagte anderntags in Wien seiner Würde als Palatin.
St.s Politik, mit der er bei gegebener Situation durchaus keine ungeschickte Taktik verfolgte, hatte zweifellos durchweg ein Ziel: die habsburgische Herrschaft und deren Einfluß auf Ungarn unter allen Umständen aufrechtzuerhalten. Erst mit seinem Abtritt wurde diese politische Haltung offenkundig und machte St. in der ungarischen Öffentlichkeit äußerst unpopulär -, während er in Wien zur gleichen Zeit aufgrund seiner Verzögerungstaktik unter dem Verdacht stand, sich, sollte Ungarn die Unabhängigkeit erlangen, für den Empfang der ungarischen Königskrone bereitzuerklären. So schaltete man ihn nach seiner Ankunft in Wien völlig aus den politischen Angelegenheiten aus. Als aber der Hof nach Olmütz floh, wurde er angewiesen, das Reich zu verlassen und sich auf das von seiner Mutter ererbte Schloß Schaumburg an der Lahn zurückzuziehen. In der dortigen Abgeschiedenheit widmete er sich naturwissenschaftlichen Studien. 1858 wurde er nach langwierigen Verhandlungen endlich in Wien aufgenommen und versöhnte sich mit Franz Joseph, die Rückkehr nach Ungarn allerdings blieb ihm weiterhin versagt. 1867 starb er in Mentone nach längerer Krankheit an seinem Lungenleiden, genau einen Tag nach dem Zustandekommen des ungarisch-österreichischen Ausgleichs, am 19. März. Seine letzte Ruhestätte fand er im königlichen Palast zu Buda, in der Familiengruft der ungarischen Linie der Habsburger.

Literatur

Stephan Victor, Erzherzog von Österreich. Sein Leben, Wirken und sein Tod. Wiesbaden 1868.

Verfasser

Karoly Vörös (GND: 107644479)

GND: 119019116

Druckerfreundliche Anzeige: Druckerfreundlich

Treffer 
 von 1526