Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

Rakovski, Georgi Stojkov
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Rakovski, Georgi Stojkov

 Rakovski, Georgi Stojkov (Taufname Sava), bulgarischer Revolutionär, Publizist, Dichter und Ethnograph, * Kotel (Mittelbulgarien) April 1821, † Bukarest 21.10.1867.

Leben

R. wuchs in einer wohlhabenden und freiheitsliebenden Familie auf, die sich schon mehrfach im Kampf gegen die Türken hervorgetan hatte. Nach dem Besuch der Grundschule in Kotei und nach der Unterweisung durch den Athosmönch Rajno Popović in Karlovo wurde er von seinem Vater auf das angesehene griechische Gymnasium in Kuruçeşme in Istanbul geschickt (1837). Unter dem Einfluß von Neofit Bozveli unterstützte R. das bulgarische Streben nach einer eigenen Nationalkirche, doch stellte er schon bald den  Kampf um die politische Befreiung Bulgariens in den Vordergrund. 1841 reiste R. mit Stojan Michajlovski, dem späteren Bischof Ilarion Makariopolski, nach Athen und wirkte dort bei der Gründung eines geheimen „Mazedonischen Vereins“ (Makedonsko družestvo) mit. Das Vorhaben dieser Vereinigung, gleichzeitig mit den griechischen Aufständen auf Kreta und in Thessalien auch in Bulgarien einen Aufstand anzuzetteln, mußte jedoch aufgegeben werden. Im August 1841 siedelte R. nach Brăila (Rumänien) über und eröffnete dort eine Privatschule. Unter dem Decknamen Georgi Makedon beteiligte er sich in Brăila an mehreren Verschwörungen (Brailski buntove). Vor dem Vollzug des rumänischen Todesurteils konnte er sich durch eine abenteuerliche Flucht retten, die ihn bis zum französischen Hafen Marseille und schließlich wieder zurück nach Kotel führte (1843). In seinem Heimatstädtchen half er seinem Vater beim Kampf gegen die türkenfreundlichen Notabein (čorbadži), was beiden eine siebenjährige Kerkerstrafe eintrug (Anfang 1845). Nach seiner vorzeitigen Entlassung aus der Haft (Mai 1848) ließ sich R. in Istanbul als Advokat und Kaufmann nieder. Während des Krimkrieges (1853-1856) gründete er zur Unterstützung der Russen, von denen die Bulgaren die Befreiung erhofften, eine bulgarische „Geheime Gesellschaft“ (Tajno obštestvo). Im türkischen Hauptquartier in Šumen ließ sich R. als Dolmetscher einstellen, um den Russen Informationen über das türkische Heer zu liefern. Nach Aufdeckung seines Nachrichtennetzes wurde er von den Türken verhaftet, konnte aber auf dem Transport nach Istanbul entkommen. Im Juni 1854 bildete er eine kleine Freischärlergruppe (četa), die nach ihrem Zug über das östliche Stara-Gebirge wegen des für Rußland unglücklichen Ausgangs des Krimkrieges wieder aufgelöst werden mußte. Die Erlebnisse mit der četa gaben den Anstoß und Stoff für sein literarisches Hauptwerk „Gorski Pŭtnik“ (Bergwanderer - im Sinne von Freischärler), das 1857 in Novi Sad erschien. In Novi Sad weilte er nach dem Pariser Frieden von 1856; hier erschien vom 26. Juli bis 23. Oktober 1857 seine Zeitung „Bŭlgarska dnevnica“ (Bulgarische Tagebücher). Diese sowie seine in Belgrad erscheinende „Dunavski lebed“ (Donauschwan, 01.09.1860- 24.12.1861) und die in Bukarest in bulgarischer und rumänischer Sprache erscheinende „Bŭdŭštnost - Viitorul“ (Zukunft, 08.03.-17.05.1864) waren die ersten bulgarischen Blätter außerhalb des Bereichs der türkischen Zensur. Als R. auf türkische Intervention hin von den österreichischen Behörden ausgewiesen wurde und auch in Rumänien nicht lange bleiben konnte, reiste er im Frühjahr 1858 nach Odessa, wo er Volkslieder sammelte und historisch-politische, philologische und folkloristisch-ethnographische Arbeiten verfaßte, wie sein „Izstuplenij derviš ili vostočen vŭpros“ (Der rasende Derwisch oder die orientalische Frage, 1859), „Pokazalec“ (Der Zeigefinger, 1859) und „Ključ bolgarskogo jazyka“ (Schlüssel der bulgarischen Sprache, erst 1880 erschienen). Von 1860 bis 1863 lebte R. in Belgrad. Hier entwickelte er 1861 einen „Plan zur Befreiung Bulgariens“ (Plan za osvoboždenieto na Bŭlgarija), in dem er - davon ausgehend, daß „der Volksgeist überall zum Aufstand bereit sei“ - die Zusammenfassung der bulgarischen Freiheitskämpfer in einem Heer, den Aufbau geheimer Komitees und die Entsendung im Auslande gebildeter četi nach Bulgarien zur Anzettelung eines Aufstandes forderte. Große Hoffnungen setzte er auf das Eingreifen der serbischen Regierung. Zur Verwirklichung seiner Pläne wurde am 15. Juni 1862 in Belgrad eine „Provisorische bulgarische Behörde“, deren Statut R. verfaßt hatte, gebildet und unter seiner Leitung die erste „bulgarische Legion“ aufgestellt. Als jedoch die serbische Regierung die Legion wieder auflöste, bemühte sich R. in Athen und in Cetinje (Montenegro) und ab Sommer 1863 von Bukarest aus um eine Annäherung der Balkanvölker zum gemeinsamen Kampf gegen die Türken. Ende 1866 gründete er mit Unterstützung der bulgarischen Emigrantenorganisationen („Dobrodetelna družina“ und, ,Taen centralen bŭlgarski komitet“) eine neue Organisation der „Jungen“ („Vŭrchovno narodno bŭlgarsko tajno graždansko načalstvo“), die die Aufstellung von četi in Gang setzen sollte, und verfaßte für sie ein „Gesetz“ („Privremenen zakon za narodnite gorski četi za 1867-o leto“). Im Frühjahr 1867 wurden die četi von Panajot Chitov und Filip Totju zum Vordringen über die Donau ausgerüstet. Noch in seinem letzten Werk „Bŭlgarskite chajduti“ (Bulgarische Hajduken, 1867) befaßte sich R. mit Befreiungsplänen. Im Oktober 1867 starb er an Tuberkulose. R. brachte die bulgarische Freiheitsbewegung in der Theorie einen entscheidenden Schritt vorwärts, indem er über das Streben nach einer bulgarischen Nationalkirche den Kampf um die politische Befreiung Bulgariens stellte und von den Haiduken „nicht die Rache an einzelnen Türken, sondern die Befreiung vom türkischen Joch“ als höhere Aufgabe verlangte. Für die Verwirklichung dieser weiter gesteckten Ziele schuf R. die notwendigen Grundlagen: er gab den Bulgaren eine alle Kämpfer einigende Persönlichkeit und Organisation. Seine Taktik allerdings, Bulgarien lediglich durch eine „äußere Organisation“ vom Boden der Nachbarstaaten aus und mit deren Hilfe befreien zu wollen, endete mit einem Fiasko; sie erfuhr dann aber mit der Erkenntnis von Vasil Levski, daß zu der „äußeren Organisation“ eine in Bulgarien agierende „innere revolutionäre Organisation“ hinzukommen müsse, ihre notwendige Ergänzung.

Literatur

Sŭčinenija na G. S. Rakovski. Hrsg. Michail Arnaudov. Sofija 1922.
Hajek, Alois: Bulgarien unter der Türkenherrschaft. Berlin, Leipzig 1925.
Bakalov, Georgi: G. S. Rakovski. Sofija 1934.
Penev, Bojan: Istorija na novata bŭlgarskata literatura. Bd 4. Sofija 1936.
Cvetkov, Andrej: G. S. Rakovski. Ličnost i delo. Sofija 1949.
Sidel’nikov, S[tepan] I[vanovičj: Bolgars’kyj revoljucioner Georgij Rakovs’kyj. Charkiv 1959.
Boršukov, Georgi: Žurnalistikata na G. S. Rakovski. In: God. Sof. Univ., filol. Fak. 57 (1963) 1, 199-339.
Georgi Stojkov Rakovski. Vŭzgledi, dejnost i život. 2 Bde. Sofija 1964/68.
Veliki [Velichi], Konstantin N.: Brailskite buntove 1841-1843. Sofija 1968 (rumänische Ausgabe: Mişcările revoluţionare de la Brăila din 1841-1843. Bucureşti 1958).
Archiv na G. S. Rakovski. 4 Bde. Sofija 1952/69.
Arnaudov, Michail: Georgi Stojkov Rakovski. Život, delo, idei. Sofija 1969.
Trajkov, Veselin: Georgi Stojkov Rakovski. Sofija 1974.

Verfasser

Hans-Joachim Hoppe (GND: 143931040)


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