Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Pîrî Reis

Pîrî Reis, Muhyi-d-Dîn (Muhittin), Mehmed, osmanischer Flottenführer und Kartograph, * 1465 (?), † (hingerichtet) 1554 (?).

Leben

P. war ein Neffe des berühmten Seefahrers Kemal Reis. Ob er türkischer Abstammung oder Renegatennachkomme war, ist umstritten. Seine seemännische Ausbildung verdankte er großenteils seinem Onkel Kemal Reis, der ihn schon frühzeitig auf Kaperfahrten mitgenommen hatte, sowie auch dem noch berühmteren Korsaren, Flottenführer und Begründer der osmanischen Herrschaft über die Barbaresken-Staaten, Hayreddin Barbarossa, unter dessen Kommando er später mit Auszeichnung focht. Auf diese Weise lernte P. große Teile des Mittelmeeres durch Augenschein kennen. Ein selbständiges Kommando als Kapudan von Ägypten bekleidete er später und veranstaltete in dieser Eigenschaft mehrfach Eroberungsfahrten durch das Rote Meer bis in den Persischen Golf gegen die Portugiesen. So nahm er 1547 Aden weg, 1551 startete er ein verunglücktes Unternehmen gegen das reiche Hormuz (am Eingang des Persischen Golfes). Es war P. zwar gelungen, Maskat zu nehmen und die Einwohner teilweise zu verschleppen, er verlor aber an die 30 Schiffe. Die Belagerung von Hormuz hob er selbst auf, angeblich durch Bestechung dazu bewogen. Aus Basra, wohin er sich zurückgezogen hatte, fuhr er auf eine Feindmeldung hin mit nur drei Galeeren, aber der gesamten Beute ab, verlor noch ein Schiff durch Schiffbruch bei den Bahrayn-Inseln, vermochte aber Kairo zu erreichen. Das verunglückte Unternehmen und sein offenbar zwielichtiges Verhalten brachten ihm das Todesurteil ein. Als Jahr seiner Hinrichtung wird 1554 angegeben, andere setzen die Exekution etwas früher an.
Die Bedeutung P.' für Südosteuropa beruht weniger auf seinen kriegerischen Unternehmungen, als auf seiner Leistung als Kartograph. Gestützt auf westliche (venezianische, griechische usw.) Vorlagen und auf Lokalaugenschein und Informationen von gefangenen Seeleuten und Einheimischen stellte P. die Bahrîye zusammen, eine das ganze Mittelmeer, jedoch mit Ausschluß des Schwarzen Meeres, umfassende Portolan-Sammlung. Sie wurde über 100 Jahre später durch einen gewissen Seyyid Nûh auf neuen Stand gebracht und um die Schwarzmeer-Karten ergänzt. Ein Prachtexemplar der Bahrîye mit teilweise in gebundener Rede abgefaßten Angaben über die ganze damals bekannte Welt überreichte P. dem Sultan Süleyman, dem Prächtigen. Im übrigen war die Bahrîye (und die „Neuauflage“ des Seyyid Nûh) lange Zeit das gängige Segelhandbuch der osmanischen Flotte. Für die historische Landeskunde (wenigstens der Küsten und ihres unmittelbaren Hinterlandes) ist die Bahrîye von großem Wert. Ferner ist P. Name verknüpft mit zwei türkischen Weltkarten, die 1929 entdeckt wurden und auf verschollenen kartographischen Aufzeichnungen des Christoph Columbus über die entdeckten Gebiete in der Neuen Welt beruhen. Sie waren über Italien in die Hände des osmanischen Geheimdienstes gelangt.

Literatur

Alpagut, H. u. F. Kurtoğlu: Piri Reis, Kitabı Bahriye. Istanbul 1935.
Bräunlich, Erich: Zwei türkische Weltkarten aus dem Zeitalter der großen Entdeckungen. Leipzig 1937 (mit Bibliographie).
Ezgü, Fuad: Pîrî Reis. In: Islam Ansiklopedisi 9 (1960) 561-565.
Kissling, Hans Joachim: Der See-Atlas des Sejjid Nûh. T. 1. München 1966.
Ders.: Die istrische Küste im See-Atlas des Pîrî Re’îs. In: Studia Slovenica Monacensia in honorem Antonii Slodnjak. München 1969, 43-52.
Ders.: Zur historischen Topographie der albanischen Küste. In: Dissertationes Albanicae. München 1971, 107-114.

Verfasser

Hans-Joachim Kißling (GND: 118723251)


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