Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Osman II.

Osman II., osmanischer Sultan 1618-1622, * Istanbul 15.11.1603 (29.04.1604?, 04.11.1604?), † ebd. 20.05.1622, Sohn Sultan Ahmeds I. und der Mâhfîrûz Sultan.

Leben

Als Sultan Ahmed I. am 22. November 1617 starb, wurde sein geistesschwacher Bruder Mustafa (I.) als ältester lebender osmanischer Prinz zum Sultan proklamiert, jedoch schon drei Monate später durch eine Palastrevolution wieder abgesetzt. Am 26. Februar 1618 gelangte dann Ahmeds ältester Sohn, der damals erst vierzehnjährige O., mit Hilfe des Kızlar Agası Mustafa, des Mufti Es‘ad Efendi und des Kaymakam Sûfî Mehmed Pascha auf den Thron. Der junge, unerfahrene Sultan traf seine Entscheidungen zunächst unter dem Einfluß seiner Mutter Mâhfîrûz, seines Lehrers Molla Ömer und des Kızlar Agası, des Oberhauptes der schwarzen Verschnittenen im Harem. Im Januar 1619 wurde der Großwesir Halil Pascha, der 1618 den Frieden mit Persien geschlossen hatte, durch Öküz Mehmed Pascha ersetzt. Etwa ein Jahr später folgte ihm Güzelce Ali Pascha, der durch reiche Geschenke großen Einfluß auf O. bekam und sowohl den Sultanslehrer als auch den Kızlar Agası entmachtete. Nach Alis Tod bekleideten noch Hüseyin Pascha und Dilaver Pascha das oberste Amt im Staat. Der junge Sultan wollte möglichst rasch große Taten im Kampf gegen die ihm verhaßten Christen vollbringen. Deshalb nahm er den durch die Intrigen des Woiwoden der Moldau, des Kroaten Gaspar Gratiani, entstandenen Konflikt mit Polen zum Anlaß, zu einem großen Feldzug zu rüsten. Der Statthalter von Silistria und Serdar Iskender Pascha schlug am 20. September 1620 das polnische Heer bei Jassy. Nach diesem türkischen Sieg ließ O. umfangreiche Kriegsvorbereitungen treffen, obwohl ihm seine Wesire davon abrieten. Am 29. April 1621 brach der Sultan an der Spitze eines 300 000 Mann starken Heeres auf, nachdem er vorher noch den ältesten seiner Brüder hatte ermorden lassen. Der Marsch über die Balkanpässe gestaltete sich unter ungünstigen Witterungsbedingungen sehr schwierig. Ende August erreichte das osmanische Heer Choczim (Chotin), konnte aber das Lager der Polen am anderen Ufer des Dnjestr nicht erobern. Nach sechs erfolglosen Stürmen zwangen der herannahende Winter und die Kriegsmüdigkeit der Truppen den Sultan, Friedensverhandlungen auf der Grundlage der schon unter Süleyman I. getroffenen Vereinbarungen zu führen. Am 8. Oktober wurde der Rückzug angetreten. O. zog als Sieger in Istanbul ein und ließ trotz des eindeutigen Mißerfolges die Unternehmung gegen Polen als großen Sieg feiern. Aber die Bevölkerung der Hauptstadt war wegen der hohen Lebensmittelpreise unzufrieden. Die feindliche Stimmung der Janitscharen und Sipahi gegenüber ihrem Sultan nahm immer mehr zu, nachdem es schon während des Feldzugs wegen O.s Geiz verschiedentlich zu Unruhen gekommen war. Andererseits machte O. die Janitscharen mit Recht für den Mißerfolg von Choczim verantwortlich und beabsichtigte, in Asien eine neue Truppe zu bilden und damit die Janitscharen zu vernichten. Als Vorwand dafür sollte eine Pilgerreise nach Mekka dienen. Aber bevor er nach Asien übersetzen konnte, brach am 18. Mai 1622 ein Aufstand der Janitscharen aus. Daraufhin verzichtete O. auf die Mekka-Reise, weigerte sich aber zunächst, die von den Aufständischen geforderten Köpfe von sechs Würdenträgern preiszugeben. Erst als die Janitscharen in den Palast eingedrungen waren, Mustafa I. aus seinem Gefängnis befreit und als Sultan ausgerufen hatten, opferte er den Großwesir und den Kızlar Agası der Wut der Menge. O. wurde auf Betreiben der Mutter Mustafas, Handan Sultan, und ihres Schwiegersohnes Davud Pascha, der zum Großwesir ernannt worden war, in das Gefängnis der Sieben Türme (Yedi Kule) gebracht und am 20. Mai 1622 hingerichtet. O. war der erste von drei osmanischen Sultanen, die durch einen Aufstand ums Leben kamen. Er versuchte früh, selbständig zu handeln, konnte aber in seiner jugendlichen Unerfahrenheit der Zügellosigkeit der Janitscharen und der Haremsintrigen nicht Herr werden. Durch seine ausgeprägte Geldgier begünstigte er die Korruption und machte sich auf der anderen Seite durch übertriebenen Geiz und unnötige Strenge und Grausamkeit bei der Bevölkerung und den Truppen unbeliebt. Die Ulema verübelten ihm besonders seine bis dahin nicht üblichen Heiraten mit Töchtern osmanischer Familien. In kindlichem Eifer wollte er nach dem Vorbild seiner großen Vorfahren siegreiche Feldzüge unternehmen und möglichst noch größeren Ruhm als diese erwerben. Sein Vorhaben mußte aber scheitern, weil er übereilt und unüberlegt zu Werke ging und durch sein Verhalten gerade diejenigen verärgerte, die er zur Verwirklichung seiner Pläne am meisten brauchte.

Literatur

Roe, Sir Thomas: The Negotiations... in his Embassy to the Ottoman Porte from the year 1621 to 1628. Hrsg. S. Richardson. London 1740.
Hammer: Bd 2.
Zinkeisen: Bd 3.
Na‘îmâ: Ta’rih. Bd 2. Istanbul 1864.
Pečevî, Ibrâhîm: Ta’rîh. Bd 2. Istanbul 1866.
Kâtib Čelebî: Fezleke. Bd 1-2. Istanbul 1869.
Iorga: Bd 3.
Tûgî, Hüseyin: Ibretnümâ. In: Belleten 11 (1947) 43, 489-514.

Verfasser

Edelgard Albrecht (GND: 104551445)


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