Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Nikola I. Petrović Njegoš

Nikola I. Petrović Njegoš, Fürst 1860-1910 und König von Montenegro 1910-1918, * Njeguši 07.10.1841, † Cap d’Antibes (bei Nizza) 01.03.1921, Sohn des Woiwoden Mirko Petrović (Bruder Fürst Danilos I.).

Leben

N. erhielt seine Schulausbildung in Triest und ab 1856 in Paris. Nach der Ermordung seines Onkels Danilo in Kotor wurde er, kaum 19jährig, im August 1860 auf einer Versammlung der montenegrinischen Stammesältesten in Cetinje zum Fürsten gewählt. Damit wurde die bei den Fürstbischöfen (Vladika) von Montenegro übliche Thronfolgeregelung (Onkel-Neffe) noch einmal aufgenommen. Kurz nach seiner Amtsübernahme (erst am 8. November, er weilte zur Zeit seiner Wahl noch in Paris) heiratete er die eben erst 13jährige Milena, Tochter des Woiwoden Petar Vukotić. Die ersten beiden Regierungsjahre N.s sind gekennzeichnet durch militärische Auseinandersetzungen mit den Türken: Die Montenegriner hatten den 1861 in der Herzegowina ausgebrochenen Aufstand mehr oder weniger offen unterstützt. Die Pforte stellte deshalb am 9. April 1862 an Montenegro ein Ultimatum, auf das N. ausweichend antwortete, worauf die Türken im Mai die montenegrinische Grenze überschritten. Nach mehreren montenegrinischen Niederlagen kam es zwischen den Montenegrinern und dem türkischen Oberbefehlshaber Ömer Lȗtfî Pascha zu Unterhandlungen, die im September, nachdem die Türken bis Cetinje vorgedrungen waren, mit der Annahme der türkischen Friedensbedingungen durch N. endeten: Die Montenegriner mußten die Stationierung türkischer Truppen an der durch montenegrinisches Gebiet führenden Straße Herzegowina-Albanien dulden. Nach der Annahme dieser als demütigend empfundenen Friedensbedingungen kam es zu einer Umorientierung in N.s Außenpolitik: An die Stelle der von seinem Onkel übernommenen Anlehnung an Frankreich trat eine solche an Rußland. Zu Serbien suchte N. ein freundschaftliches Verhältnis zu unterhalten, was schon im Interesse einer gemeinsamen Türkeipolitik ratsam schien. Das Verhältnis zur Türkei blieb nämlich auch nach dem Frieden von 1862 nicht frei von Spannungen, wobei es zumeist um von den Montenegrinern beanspruchte Weideplätze auf türkischem Gebiet (so 1869) und um Mordfälle ging (1874; auf türkischer Seite waren dabei die Albaner die Hauptbeteiligten). Aus nichtigem Anlaß konnte so zu jeder Zeit ein Konflikt mit der Pforte ausbrechen. Rußland verwendete sich in solchen Fällen für Montenegro, und die übrigen Großmächte mußten notgedrungen nachziehen. Montenegro beschäftigte ständig gemischte internationale Kommissionen. N. bemühte sich seinerseits, den Bogen nicht zu überspannen und hielt seine Montenegriner von größeren Aktionen auf türkischem Gebiet zurück. Auch als 1875 in der Herzegowina erneut ein Aufstand ausbrach, verhielt sich N. zunächst vorsichtig abwartend. Auf seine Anregung hin verhandelte im März 1876 der österreichische Statthalter von Dalmatien, Baron Gavro Rodić, in Dubrovnik mit dem Vali von Bosnien Ali Pascha wegen eines Waffenstillstandes mit den Aufständischen und danach mit den Insurgentenführern über die türkischen Friedensbedingungen. Es drängt sich allerdings der Verdacht auf, daß N. damit nur Zeit gewinnen wollte: Am 2. Juli erklärte Montenegro gemeinsam mit Serbien der Pforte den Krieg. Beide hatten sich dahingehend geeinigt, daß Serbien die Türken in Bosnien und im Sandschak angreifen, Montenegro sich hingegen gegen die Herzegowina und Albanien wenden sollte; in gleicher Weise dachte man sich ungefähr die Teilung der Beute. N. stellte sich selbst an die Spitze der in der Herzegowina operierenden montenegrinischen Truppen, die bis in die Nähe von Mostar vordrangen, sich dann aber vor der türkischen Hauptarmee unter Muhtar Pascha zurückziehen mußten. Muhtar Pascha setzte ihnen bis an die montenegrinische Grenze nach, erlitt dort aber am 28. Juli bei Vučji Do eine Niederlage. Einen weiteren Sieg erfochten die Montenegriner bei Podgorica. Ihre serbischen Verbündeten kämpften aber nicht so glücklich und mußten bereits am 1. November 1876 einen Waffenstillstand mit den Türken schließen, dem sich Montenegro anschloß. Ein Friedensschluß mit der Pforte kam indes (im Gegensatz zu Serbien) wegen der zu anmaßenden montenegrinischen Forderungen nicht zustande, dafür wurde der Waffenstillstand verlängert. Nach dem russischen Kriegseintritt (24.04.1877) erneuerte auch Montenegro die Kampfhandlungen. Montenegrinische Truppen unter dem Kommando von N. eroberten Nikšić (07.09.1877), Bar (10.01.1878) und Ulcinj (18.01.1878). N.s nächste Pläne galten der Eroberung von Skutari, sie wurden aber zunichtegemacht, als die Russen am 31. Januar mit den Türken Waffenstillstand schlossen, in welchen auch Montenegro einbezogen war. Trotzdem war der Ausgang des Krieges für Montenegro ein voller Erfolg: Es erhielt durch den Berliner Vertrag (13.07.1878) nicht nur seine volle staatsrechtliche Unabhängigkeit anerkannt, sondern auch bedeutenden Gebietszuwachs: Das Territorium Montenegros vergrößerte sich um 5118 qkm mit 116 000 Einwohnern auf jetzt 9443 qkm mit 286 000 Einwohnern. Zu den neugewonnenen Gebieten gehörten fruchtbare Landstriche und Städte wie Nikšić, Podgorica, Kolašin und Bar, und mit letzterem zugleich der ersehnte Zugang zum Meer; 1880 kam im Austausch gegen Plav-Gusinje noch Ulcinj hinzu. Für N. bedeutete der Berliner Vertrag zweifellos einen persönlichen Prestigegewinn. Bereits Anfang September 1878 begab er sich auf einen Staatsbesuch nach Wien, wo er mit allen Ehren eines Staatsoberhaupts empfangen wurde. Auf innenpolitischem Gebiet hatte N. nadi seiner Machtübernahme alles beim alten belassen; die Außenpolitik nahm eine unbestritten vorrangige Stellung ein. Im April 1868 unternahm er einen ersten Schritt in Richtung auf eine Finanzreform, indem er eine Zivilliste einführte und erstmals in Montenegro die fürstlich-private von der Staatskasse trennte. Nach dem Berliner Vertrag, Anfang März 1879, begann er mit einer Reorganisierung der Staatsverwaltung: Es wurde, erstmals in der montenegrinischen Geschichte, ein dem Fürsten verantwortliches Kabinett gebildet, dem Božo Petrović als Ministerpräsident Vorstand. Gleichzeitig wurde das vergrößerte Fürstentum in 23 Bezirke mit Bezirkshauptleuten an der Spitze unterteilt und das Gerichtswesen von der Verwaltung getrennt. Geplant wurde der obligatorische unentgeltliche Schulunterricht für alle Kinder vom 8.-14. Lebensjahr, die Gründung von drei Lehrerbildungsanstalten sowie einer Landwirtschaftsschule. Die Verwirklichung dieser Pläne hing indes von den montenegrinischen Staatsfinanzen ab, und um diese stand es traditionell schlecht. Im Januar-Februar 1886 unternahm N. eine Rundreise durch einige europäische Hauptstädte (Paris, St. Petersburg, Berlin, Wien), bei der er um Unterstützung für seine balkanischen Ambitionen warb, bei den europäischen Regierungen aber auf wenig Entgegenkommen stieß. Im gleichen Jahre schloß Montenegro mit der Kurie ein Konkordat. Das Verhältnis zur Türkei blieb gespannt, woran die ständigen Übergriffe an der montenegrinisch-türkischen Grenze in Albanien und die Behandlung schuld waren, die die montenegrinische Regierung den muslimischen Einwohnern in den neugewonnenen Gebieten zuteil werden ließ: Es kam zu Versuchen der Zwangsslawisierung, worauf 1887 fast die ganze muslimische Bevölkerung aus Ulcinj auswanderte. Die innere Unruhe, die wegen der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse auch die slawische Bevölkerung ergriff, veranlaßte N. im Oktober 1905, Montenegro eine Verfassung zu geben. Durch diese Verfassung wurde Montenegro eine Konstitutionelle Monarchie, die Rechte des Parlaments (Skupština) waren jedoch sehr eingeschränkt - die Regierung war dem Fürsten allein verantwortlich, der auch das alleinige Recht der Beamtenernennung behielt. Erster Regierungschef wurde Lazar Mijušković, der jedoch bereits am 14. November 1906 zurücktrat, da er sich, zwischen N. und der neuentstandenen parlamentarischen Opposition lavierend, nicht durchsetzen konnte. Sein Nachfolger wurde Marko Radulović. Unter seiner Ministerpräsidentschaft bildeten sich in Montenegro die ersten beiden politischen Parteien, die „Volkspartei“ (Narodna stranka) und die „Nationale Rechtspartei“ (Prava narodna stranka), im Volksmund „Klubši“ und „Pravaši“ genannt. Die „Volkspartei“ wurde 1908 mit einer von der Omladina organisierten und gegen N. gerichteten Verschwörung in Verbindung gebracht und einige ihrer führenden Mitglieder zum Tode und zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt („Affaire von Kolašin“). Da N. unverholen zu verstehen gab, daß Serbien hinter den ganzen Umtrieben stünde, trat eine Verschlechterung der Beziehungen zur serbischen Regierung ein, die N. als einen Agenten Österreich-Ungarns bezeichnete. Nach der Annexion von Bosnien und der Herzegowina durch Österreich-Ungarn forderte N. von den Großmächten eine Kompensation für Montenegro (Spizza-Spič), ohne damit Erfolg zu haben, erreichte jedoch, daß die Österreicher auf ihre Hoheitsrechte in Antivari (Bar) verzichteten. Anläßlich seines 50jährigen Regierungsjubiläums, das er in Anwesenheit König Ferdinands von Bulgarien und des italienischen Herrscherpaares (Viktor Emanuel III. war sein Schwiegersohn) feierlich beging, nahm N. am 29. August 1910 den Königstitel an. 1910/11 unterstützte er, gegen die Wünsche Rußlands und Österreich-Ungarns, offen die albanischen Bergstämme bei ihrem Aufstand gegen die Türken. Wenn es diesmal auch noch zu keinem Krieg zwischen Montenegro und der Türkei kam, so waren die Weichen doch schon gestellt: Im Sommer 1912 kam der sogenannte Balkanbund zwischen Montenegro, Serbien, Bulgarien und Griechenland zustande, der die „Befreiung“ der noch im Osmanischen Reich lebenden Balkanchristen zum Ziele hatte. Die Idee für diesen Balkanbund soll von N. stammen, und Montenegro war es auch, das der Türkei als erster Staat den Krieg erklärte: am 8. Oktober 1912; die übrigen Bündnispartner folgten neun Tage später nach. Montenegros Hauptziel war die Eroberung Skutaris, dessen Besitz N. als eine Lebensfrage für Montenegro bezeichnete. Skutari fiel nach siebenmonatiger Belagerung am 22. April 1913, wurde im Frieden von Bukarest (10.08.1913) aber dem neuen Fürstentum Albanien zugesprochen. Montenegro erhielt durch diesen Frieden einen Gebietszuwachs von 5000 qkm einschließlich der Städte Peć und Djakovica. Es vergrößerte sein Territorium damit auf 14 443 qkm mit 350 000 Einwohnern. In den Ersten Weltkrieg trat Montenegro auf der Seite Serbiens ein und erlitt ebenso wie dieses eine militärische Niederlage. Am 21. Dezember 1915 mußte M., nachdem österreichisch-ungarische Truppen Cetinje besetzt hatten, in einem persönlichen Telegramm an Kaiser Franz Joseph um Frieden bitten. Am 16. Januar 1916 nahm die montenegrinische Regierung die österreichische Forderung nach bedingungsloser Waffenstreckung an. Auf Drängen der Entente zog jedoch N. seine Zustimmung zurück und begab sich am 20. Januar mit seiner Familie und einem Teil der Regierung nach Italien und von dort nach Bordeaux. Nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte sprach eine „Große Nationalversammlung“ in Podgorica am 26. November 1918 die Vereinigung Montenegros mit Serbien und die Absetzung der Dynastie Petrović Njegoš aus. N. hat diese Absetzung niemals anerkannt und bis zu seinem Tode auf der europäischen politischen Bühne seine Ansprüche durchzusetzen versucht. N. ist auch als Dichter in die südslawische Literaturgeschichte eingegangen. Er verfaßte nicht nur patriotische Verse, wie das berühmt gewordene „Onamo, onamo“ (Dorthin, dorthin), sondern auch Epen und das Drama „Balkanska carica“ (Kaiserin des Balkan).

Verfasser

Peter Bartl (GND: 133417492)


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