Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Mustafa bin ‘Abdullah

Mustafa bin ‘Abdullah (= Mustafa Sohn des Abdullah, gewöhnlich Kâtib Çelebi oder Hacı Halife genannt), osmanischer Polyhistor, * Istanbul II./III. 1609, † ebd. 06. X. 1657.

Leben

M., der Sohn eines Gardekavalleristen, diente ab 1622 als Kanzleischreiber (kâtib) und machte fünf Feldzüge im Osten des Osmanischen Reiches mit. Dank reicher Erbschaften konnte er sich etwa ab 1635 endgültig in Istanbul, wo er erst spät eine eher bescheidene Sinekure als Vizekanzleidirektor (halife) erhielt, seinen gelehrten Neigungen widmen. Er schloß aber das (damals ausschließlich theologisch-juristische) Hochschulstudium nicht ab, sondern wandte sich bald den positiven Wissenschaften zu, erkannte den Rückstand der islamischen Welt gegenüber Europa auf diesem Gebiete und blieb, indem er - wohl als erster osmanischer Gelehrter - auch die Werke europäischer Geographen und Historiker methodisch studierte und verwertete, zeit seines Lebens bemüht, die Ergebnisse der abendländischen Forschung dem islamischen Wissensgut einzuverleiben und dienstbar zu machen. So kann er als ein früher Vorläufer der kulturellen Verwestlichung der Türkei gelten. Seine 21 eigenen Werke, unter denen die bekanntesten das bibliographische Lexikon „Keşfü'z-Zunûn“ (Aufdeckung der Irrmeinungen) und die Erdbeschreibung „Cihânnümâ“ (Weltzeiger, Kosmorama) sind, erweisen ihn als liberalen Denker und unermüdlichen Sammler und Kompilator. Für die Südosteuropakunde ist vor allem die erste (ebenso wie die zweite unabgeschlossen gebliebene) Fassung des „Cihânnümâ“ wichtig: Sie enthält eine länderkundliche Beschreibung der europäischen Hälfte des damaligen Osmanischen Reiches mit ihren vier Großprovinzen Rumeli, Bosna, Budin (= Ofen, also Ungarn) und Timişvar (= Temescher Banat), innerhalb deren jeder einzelne Gerichtsbezirk (kazâ), freilich manchmal nur in knappster Form, beschrieben erscheint. Als Quellen dienten einschlägige türkische Werke (z. B. das des Mehmed Âşık), Berichte von ortskundigen Gewährsmännern und gewiß auch Register in Istanbuler Zentralämtern; eigene Reisen auf der Balkanhalbinsel lassen sich aus M.s Angaben, in denen auch manches Mißverständnis seiner Vorlage erscheint, nirgends erschließen. Von diesem Werk, das 1750 von Bartinlı Ibrahim Hamdi überarbeitet und erweitert worden ist, liegt bisher weder eine Textedition noch eine Gesamtübersetzung vor. Eine (unzuverlässige) Teilübersetzung stammt von Joseph von Hammer (Rumeli und Bosna, Wien 1812), die wiederum von Stojan Novaković ins Serbische (Hadži Kalfa ili Kjatib Čelebija, turski geograf XVII vijeka, o balkanskom poluostrovu, 1892) und von Stojan Argirov ins Bulgarische (Rumelija i Bosna, 1938) übersetzt wurde.

Literatur

Taeschner, Franz: Zur Geschichte des Djihānnumā. In: Mitt. Sem Orient. Sprachen, II. Abt., 29 (1926) 99-111.
Babinger, Franz: Die Geschichtsschreiber der Osmanen und ihre Werke. Leipzig 1927, 195-203.
Taeschner, Franz: Das Hauptwerk der geographischen Literatur der Osmanen, Kātib Čelebi’s Ğihānnumā. In: Imago Mundi 1 (1935) 44-47.
Orhonlu, Cengiz: XVIII. yüzyılda Osmanlılarda cografya ve B. I. H.nin Atlası. In: Tarih Dergisi XIV/19 (1964) 115-140.
Gökyay, Orhan Şaik: Kātib Čelebi. In: The Encyclopaedia of Islam. Bd 4. Leiden, London 1976, 760-762.

Verfasser

Richard Franz Kreutel (GND: 124150039)


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