Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas

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Mihailo Obrenović

 Michael (Mihailo) Obrenović, serbischer Fürst 1839-1842 und 1860-1868, * Kragujevac 16.09.1823, † (ermordet) Topčider 10.06.1868, jüngster Sohn des Fürsten Miloš und der Ljubica Obrenović .

Leben

 Mit M. hat das neue serbische Fürstenhaus der Obrenovići schon in der zweiten Generation eine Herrscherpersönlichkeit von beachtlichem staatsmännischem Format hervorgebracht. Im Gegensatz zu seinem Vater war ihm ausreichende Gelegenheit geboten gewesen, sich gründlich auf die zu erwartenden Aufgaben vorzubereiten. Die erzwungenen Emigrationsjahre von 1842-1858 hatte er zu ausgedehnten Bildungsreisen genutzt und im westlichen Ausland einen überaus positiven Eindruck hinterlassen, den Leopold von Ranke als interessierter Zeitgenosse in folgenden Sätzen zusammenfaßte: „Von fürstlichen Ansprüchen ließ er nichts verlauten: er erschien als ein bildungsbedürftiger und bildungsfähiger junger Mann, bescheiden und gelehrig, der den Zweck verfolgte, sich über Sitte und Leben der Völker und Staaten, die Bedingungen, Mittel und Vorteile der Civilisation zu unterrichten, liebenswürdig und klug“. Zuvor wrar der erste Anlauf des 16jährigen Fürstensohnes, mit Billigung der Hohen Pforte das schwierige Erbe des entthronten Vaters anzutreten, allerdings schon nach kurzer Zeit an den widrigen inneren und äußeren Umständen gescheitert. Nach den turbulenten innenpolitischen Entwicklungen der 30er Jahre in dem autonomen serbischen Fürstentum hatte Fürst Miloš 1839 zugunsten seines ältesten Sohnes Milan auf den Thron verzichtet, den eine unheilbare Krankheit aber an der Übernahme des Herrseheramtes hinderte. Als er schon nach kurzer Zeit starb (08.07.1839), rückte sein jüngerer Bruder M. nach, ohne aber in den folgenden drei Jahren seinen Herrschaftsanspruch durchsetzen und der chaotischen bürgerkriegsähnlichen Situation Herr werden zu können. Der Regentschaftsrat an der Seite des jugendlichen Herrschers setzte sich aus Jevrem Obrenović (Milošs Bruder), Toma Vučić-Perišić und Avram Petronijević zusammen, die als „Verfassungshüter“ (ustavobranitelji) den Sturz des Fürsten Miloš betrieben hatten. Die innenpolitischen Fronten verhärteten sich zusehends. Dem Versuch M.s, sich der Bevormundung durch Hochverratsprozesse zu entziehen, war nur ein vorübergehender Erfolg beschieden. Unpopuläre Steuererhöhungen raubten dem Fürsten den letzten Rückhalt im Volke. Am 7. September 1842 mußte er nach einer mißglückten bewaffneten Auseinandersetzung mit Vučić außer Landes gehen. Er verbrachte 1 1/2 Jahrzehnte im Exil (mit Aufenthalten in Wien und Berlin bzw. auf den Besitzungen in der Walachei), unterbrochen von längeren Reisen und den wiederholten Bemühungen, in der Heimat erneut Fuß zu fassen. Erst die Entthronung seines Nachfolgers Alexander Karadjordjević am 23. Dezember 1858 durch die Svetoandrejska Skupština ebnete den Weg. M. kehrte an der Seite seines Vaters, den die Skupština zum neuen Fürsten gewählt hatte, nach Serbien zurück. Zwei Jahre später folgte er ihm auf dem Throne nach (26.09.1860). M. verstand es in kurzer Zeit, sich durch wohlüberlegte innen- und außenpolitische Schritte als Staatsmann zu profilieren. Eine Verfassungsänderung beschnitt 1861 die Vorrechte des Senats, die in der seinem Vater aufgezwungenen Verfassung von 1838 niedergelegt waren, und gab dem Fürsten die wesentlichen politischen Initiativen zurück. Er nutzte die wiedergewonnene unbeschränkte Machtstellung im Stile eines aufgeklärten Monarchen zu einer Reihe fortschrittlicher Reformmaßnahmen (u. a. Justiz- und Verwaltungsreform sowie Steuerregulierungen). Eine Reorganisation des Heerwesens mit französischer Hilfe, die den Aufbau einer regulären Volksmiliz zum Ziele hatte, sichterte ihm ein schlagkräftiges Machtinstrument. Er übertrug Milivoje Blaznavac als Militärsachverständigem die Leitung der staatlichen Geschützgießerei und das militärtechnische Institut in Kragujevac und ernannte ihn 1865 zum Kriegsminister. Erfolgreich bemühte sich M. um eine weitere Statusverbesserung des serbischen Fürstentums. Am 15. Juni 1862 hatten sich die Spannungen mit den im Lande verbliebenen türkischen Garnisonen in dem Bombardement von Belgrad in spektakulärer Weise entladen. Auf der Konferenz der Garantiemächte in Istanbul (22.07. - 08.09.1862) wurde zumindest eine Beschränkung der türkischen Garnisonen auf wenige Plätze erreicht. Wenige Jahre später nutzte M. geschickt die günstige internationale Lage (Aufstand auf Kreta 1864-1866, Niederlage Österreichs 1866) und erreichte in direkten Verhandlungen mit der Hohen Pforte den Abzug der letzten türkischen Garnisonstruppen aus Serbien (1867). Der Erfolg war nur der Auftakt zu weitergehenden offensiven Planungen. M. förderte entschieden die großserbischen Ideen, die sein Ministerpräsident Ilija Garašanin schon 1844 in dem berühmten „Načertanije“ niedergelegt hatte und die nunmehr in teilweise modifizierter Form im außenpolitischen Aktionsprogramm der serbischen Regierung wiederkehrten. Serbien war die Rolle eines Piemont in Südosteuropa zugedacht. In Verhandlungen mit den Nachbarstaaten strebte M. eine Offensivallianz der Balkanvölker zur Befreiung von der türkischen Oberherrschaft an. In zweiseitigen Absprachen u. a. mit Rumänien (26.05.1865 und 01.02.1868), Montenegro (05.10.1866), dem bulgarischen Befreiungskomitee „Dobrodetel’na družina“ in Bukarest (03.06.1867) und Griechenland (26.08.1867) gewannen innerhalb von zwei Jahren die Umrisse einer ersten Bailkanliga schon schärfere Konturen, als mit der Ermordung M.s im Park von Topčider am 10. Juni 1868 (an deren Vorbereitung der Karadjordjević-Clan nicht unbeteiligt war) die Bewegung ihres führenden Kopfes jäh beraubt wurde. Mit ihm mußte der Gedanke an eine künftige serbische Führungsrolle in einem alle „Südslawen“ umgreifenden Staatsgebilde, zu dem die Annäherung an die Kroaten in den Jahren 1866/67 (Kontakte zu Strossmayer) eine wesentliche Voraussetzung bedeutete, vorerst ebenso zu Grabe getragen werden wie die Vorstellung von einem föderativen Zusammenschluß aller kleinen Völker zwischen Ostsee und Adria, die Garašanin entwickelt hatte. M. hat keinen Thronerben hinterlassen. Seine 1853 geschlossene Ehe mit Gräfin Gyulia Hunyádi von Kéthely, von der er 1865 geschieden wurde, war kinderlos geblieben.

Literatur

Piroćanac, Milan: Knez Mihailo i zajednička radnja balkanskih naroda. Beograd 1895.
Jovanović, Slobodan: Druga vlada Miloša i Mihaila. Beograd 1933.
Stavrianos, Leften Stavros: Balkan Federation. A History of the Movement toward Balkan Unity in Modern Times. Northampton, Mass. 1944.
Jakšić, Grgur u. Vojislav J. Vučković: Spoljna politika Srbije za vlade kneza Mihaila (Prvi balkanski savez). Beograd 1963.
Ignjatovič, Džordže: Dogovor knjazja Michaila s „Dobrodetel’noj družinoj“ o Jugoslavskom carstve i nekotorye sobytija v 1867-68 gg. In: Actes du I. Congrès international des études balkaniques et sud-est européennes. 4. Sofia 1969, 169-183.

Verfasser

Edgar Hösch (GND: 105823724)

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Empfohlene Zitierweise: Edgar Hösch, Mihailo Obrenović, in: Biographisches Lexikon zur Geschichte Südosteuropas. Bd. 3. Hgg. Mathias Bernath / Felix von Schroeder. München 1979, S. 186-188 [Onlineausgabe]; URL: https://www.biolex.ios-regensburg.de/BioLexViewview.php?ID=1353, abgerufen am: (Abrufdatum)

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